Pressestimmen 2001/2002
Emotions-Maschine unter Starkstrom
Erstes Gospel-Konzert mit Morten Schuldt-Jensens Gewandhauschören und Etta Cameron
Eine Hochspannungsleitung ist nichts gegen diese weibliche Volt-Maschine. Bei 165 Zentimetern Starkstrom gehen einfach die Lichter an. Zumindest im Großen Gewandhaussaal. Und bei der Nassauer Gesangs-Ikone Etta Cameron ist der Akku niemals leer; sie brennt den ganzen Abend. Plus Gewandhaus-(Kinder-)Chor multipliziert mit dänischem Jazzband-Import (Nikolai Hess, Michael Sunding, Klavs Hovman, Esben Duus) macht das unterm Strich eine gewaltige Sund- und Stimmungsladung. [...]
Mit dem Gospel-Debüt seines [...] Traditions-Ensembles hält Chorchef Morten Schuldt-Jensen am Sonntag alle Trümpfe in der Hand: Die oberste Amateur-Liga in Sachen Gesang zeigt einmal mehr, was sie und dass sie auch neue Facetten drauf hat. Die Kombination aus lupenreinem Klang-Unterbau, Camerons "Turbo-Orgen" und Emotionsknallern von "Down by the Riverside" bis "Kum Ba-Ya" zündet schon nach Minuten, und reißt am Ende jeden zur kollektiv geklatschten "Amen"-Orgie von den Sitzen.
Dabei hält der große Däne bei allem Überschwang, der durch die Reihen schwappt, die Seinen stets fest an der Kandare, fordert technische Akkuratesse, lässt das halbe Hundert Kehlen strahlen, haucht dem homogenen Tonkörper seelenvolle Weite ein, injiziert gewaltige Portionen Blues. [...]
Gewandhauschor mit Gospel - davon dürfte es künftig ruhig mal ein bisschen mehr sein. Oh yeaaah!
(Hanna Jacobi, LVZ vom 22. Januar 2002)
Der Gewandhauschor, Brahms und die Frauen
"Kennen Sie diesen Mann?" Gewandhauschor-Leiter Morten Schuldt-Jensen zeigte Schwarzweiß-Fotos im A3-Format. Nein, um steckbriefliche Verfolgung ging es nicht. Schuldt-Jensen hatte es am Wochenende im Gewandhaus auf Johannes Brahms abgesehen und bewies einmal mehr, dass vielen nur das Bild vom weißbärtigen Komponisten geläufig ist. "Wieso veränderte sich ein so schöner Mann in kurzer Zeit?" Dieser tiefenpsychologischen Frage wollte Schuldt-Jensen mit seinem Chor nachgehen - und behandelte damit das komplexe Thema "Brahms und die Frauen". [...]
Chronologisch ging es durch Brahms' Liebesleben und die Opuszahlen, immer hübsch gewürzt durch Schuldt-Jensens amüsante Moderation. Brahms und die Frauen. Da begannen die 28 Frauen des Chores nebst zwei Hörnern und Harfe sogleich mit den "Vier Gesängen" op. 17. Strahlender Sopran, samtweicher Alt und eine wunderbar bewegliche Gestaltung. [...]
Zur Hand nahmen die Choristen dann noch die "Sieben Lieder" op. 62 mit einer Gestaltungskraft vom Feinsten sowie die "Beherzigung" op. 93a. [...] Brahms schrieb [...] noch die feurigen "Zigeunerlieder" op.103, die die Choristen [...] förmlich in den Saal sprudelten.
(Katrin Seidel, LVZ vom 5. März 2002)
[...] Überhaupt ist das Vorher-Nachher die Klammer dieser zehnten Unicef-Gala. Der Gewandhauschor stellt im ersten Teil klangschön, brillant, homogen in Sätzen von Siegfried Thiele und Wilhelm Weismann jene Weisen vor, an denen sich Hindemith im Bratschenkonzert Der Schwanendreher, Mozart im letzten Klavierkonzert und Tschaikowsky im Finale der Vierten entzündeten. Das macht die Veranstaltung kleinteilig - aber wen stört das, wenn ein so hinreißend leutseliger Vorturner wie Blomstedt die Wartezeiten überbrückt?
(LVZ vom 04. Dezember 2001)
Eine Sternstunde im Gewandhaus: Brahms Requiem souverän, persönlich und einzigartig
[...] eine 75 Minuten dauernde Offenbarung, tönende Existenzphilosophie, getragen von spiritueller, überkonfessioneller Religiosität. Vorausgesetzt, die Interpreten lassen den blutvollen Siebenteiler so lebendig pulsieren wie im jüngsten Gewandhauskonzert. [...] Eine Überraschung der (Laien-) Gewandhauschor, verstärkt durch den (Profi-) Gewandhaus-Kammerchor. Das [...] Ensemble wartete nicht nur mit beachtlicher Klangfülle bei gleichzeitiger Ausgewogenheit der Stimmgruppen auf Nummer VI!). Immer wieder ließen die zahlreichen Kontraste aufhorchen: sanfte, abgedunkelte Klangfarben nach grellen und eruptiven Ausbrüchen, straff schreitende Tempi nach winzigen Verzögerungen. Chordirektor Morten Schuldt-Jensen hat nicht nur gründlich vorstudiert, sondern präzise an der Exegese der Bibeltexte gefeilt. [...] Und plötzlich ist sie da, die Aura, die geheimnisumwitterte Ausstrahlung, die das ganze Ensemble erfasst und von dort auf das Publikum übergeht. [...] Nach dem Schlussakkord halten 2000 Menschen sekundenlang den Atem an, als würden sie das eben Gehörte weiterwirken lassen. Danach brandet minutenlang tosender Applaus. Eine Sternstunde.
(Jörg Clemen, LVZ vom 10. November 2001)
Geburtstagsständchen vom kühnen Chef-Grillschwan
[...] wenn man sich die Programme der letzten Jahre so besieht ist es schon erstaunlich, dass das hohe Haus seine eigene Geburtstags-Festwoche mit Musik des 20. Jahrhunderts einläutet. Wie kann das zu deuten sein, wenn nicht als Versprechen für die Zukunft? Man wird sehen [...] Die vereinigten Gewandhauschöre (mit neuem
Kammer- und großartigem Kinderchor) könnten in Sachen Homogenität noch ein wenig enger zusammenrücken. Aber Autorität, Strahlkraft, Klangqualität sind schon jetzt fabelhaft. Die Artikulation, Textverständlichkeit und dynamische Feinzeichnung, die Schuldt-Jensen seinen Vokal-Kollektiven anerzogen hat, brauchen ohnehin keinen Vergleich zu scheuen. [...] Zwei anständige Solisten (Christiane Libor und Thomas Wittig) und ein überraschender:Chorchef Schuldt-Jensen selbst schreit den erbarmungswürdigen Grill-Schwan. Kühn![...]
(Peter Korfmacher, LVZ vom 6.Oktober 2001)
Nachdem in den ersten Tagen der Reise aufgrund der notwendigen Regenerationsphase zur Zeitumstellung und der Konzertplanung der Agentur nur wenige Konzerte absolviert wurden, begann am 2. März 2002 die Phase der Tournee, in der zehn Konzerte am Stück gespielt werden müssen - jeden Tag in einer anderen Stadt.
Man kommt als Außenstehender schnell in Versuchung zu glauben, eine Konzerttournee in ferne Länder gestalte sich wie eine dreiwöchige Urlaubsreise mit einigen Pflichtterminen. Dieser Eindruck täuscht. Auch wenn zahlreiche Musiker bestimmte Länder schon öfter als zehnmal bereist haben und wissbegierige Ensemblemitglieder ihre wenige freie Zeit nutzen, das ferne Land zu erkunden, sind die Strapazen einer Orchester-Reise nicht zu unterschätzen.
Da ist zunächst die 8-stündige Zeitverschiebung nach Japan, die einem mehrere Tage in den Knochen stecken kann. Manche Musiker beschreiben dieses Gefühl als zwiespältig: Innerlich fühle man sich, als wäre es zu nachtschlafender Zeit, während man jedoch auf der Bühne sitzt und alle Energien aufbringen muss, um künstlerische und körperliche Höchsteistung zu erbringen.
Daneben hat man zusätzlich mit ganz "irdischen" Dingen zu kämpfen. Der enge Terminplan lässt einem manchmal beispielsweise kaum Zeit, sich regelmäßig zu ernähren. Ein Umstand, der Musikern zu schaffen machen kann, da ihre Arbeit - vor allem unter fremden Bedingungen - extrem viel Energie verbraucht. Dies beginnt damit, dass in Japan die Hotels kein Frühstück, oder nur zu sehr hohen Kosten, anbieten. Es gilt daher zunächst, das Frühstück zu organisieren - nicht einfach, wenn man teilweise um sechs oder sieben aufstehen muss, um die Abfahrt zur nächsten Spielstätte nicht zu verpassen.
Am 3. März war der Reiseplan von Tokyo nach Toyota zum Beispiel so straff, dass dem Ensemble vom Einchecken ins Hotel bis zur Abfahrt zur Anspielprobe lediglich eine Stunde Zeit blieb. Und wer bei der Rückkehr nach dem Konzert zu müde ist, sich noch auf "Nahrungssuche" zu begeben (in einem Land, dessen Sprache man nicht versteht, ein besonderes Problem), muss sich damit begnügen, was an Kiosken oder Bäckereien erhältlich ist - auf Dauer zu wenig.
Eine weitere Belastung sind die Fahrten oder Flüge von Spielstätte zu Spielstätte: Bus, Eisenbahn, Flugzeug: Gepäck transportieren, einchecken, Kontrollen auf Flughäfen, auschecken, Gepäck transportieren...jeder, der mehrmals in kürzester Zeit mit Gepäck umgestiegen ist weiß, was das heißt. Die meisten Tage sehen so aus und die Geduld, mit der alle Mitglieder der Tour diese Umstände auf sich nehmen, ist bewundernswert.
Denn zu diesem ganz alltäglichen Fragen gesellen sich kurze Einspielproben (in Japan sind die Saalmieten extrem hoch und alle Zeiten werden auf das Allernotwendigste bemessen) und das tägliche Umstellen auf neue akustische und klimatische Gegebenheiten in den Sälen.
Weitere Schwierigkeit: Um permanent auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit zu bleiben, muss ein Musiker täglich üben. Vor allem die Blechbläser wissen ein Lied von wütenden Zimmernachbarn in Hotels zu singen. Die großen Instrumente wie Celli, Kontrabässe oder Posaunen haben fast gar keine Möglichkeit zu üben, da ihre Instrumente meist dauerhaft im Lastwagen verstaut sind und schon auf dem Weg zum nächsten Ort. Also heißt es: mit Dämpfer üben oder nur leise oder nur alle paar Tage - in jedem Falle nicht so effizient, wie zuhause. Im Konzert am Abend dennoch das gleiche künstlerische Niveau zu erbringen, erfodert zusätzlich Kraft und Disziplin.
"Heute abend saßen so viele strahlende Zuhörer im Saal - ich freue mich so, wenn ich in den Reihen glückliche Gesichter sehe", bringt es eine Musikerin auf den Punkt - dies ist wohl der wichtigste Grund, weshalb die Laune aller Ensemblemitglieder trotz der Strapazen gut ist. Dass sich diese Stimmung auf das Musizieren und somit auf das Publikum überträgt, das wiederum die Musiker motiviert, konnte man beispielsweise in Yokohama und Toyota hervorragend erleben.
Was es sonst noch für Gründe gibt, Orchesterreisen durchzuführen, lesen Sie im Interview mit Prof. Andreas Schulz

