Pressestimmen GewandhausChor 2008/09
Felix Mendelssohn Bartholdys „Lobgesang"
[...] die Choristen teilen sich ihre Kräfte so ein, dass in lyrischen Passagen wie „Sagt es, die ihr erlöset seid" oder im Choral „Nun danket alle Gott" ein samtweiches Piano möglich ist, eine hervorragende und plastische Klangkultur, wunderbare Textverständlichkeit. Auch den durchweg schnellen Tempi sind die Chöre bestens gewachsen. [...] Trevor Pinnock [...] erlaubt Chor und Orchester am Ende, die aufgesparten Kraftreserven so effektvoll einzusetzen, dass sie dafür am Ende minutenlangen Applaus, Bravo-Rufe und stehende Ovationen ernten.
(Tobias Wolff, LVZ vom 14. September 2009)
„A Tribute To Ray Charles"
Ray Charles ist tot - es lebe Ray Charles. Und wenn er auf seiner Wolke jenes Event mitbekommen hat, mit dem man ihm im Gewandhaus am Samstag zu seinem fünften Todestag „Tribute" zollte, hat er gelächelt. Ganz sicher [...] Gregor Meyer hat die Musikanten aus allen Ecken Leipzigs und der Welt zusammengetrommelt, um gemeinsam Ray Charles zu huldigen. Ganz nebenbei liefert er damit den endgültigen Beweis, dass man es da nicht einfach nur mit einem richtig guten Chorleiter zu tun hat, sondern auch mit einem Visionär und - sieht man ihn grooven - einem verblüffend guten Jazzer. Der Gewandhauschor singt Bluenotes, als hätte er nie etwas anderes getan. Und die Vielfalt der Arrangements lässt zwei pausenlose Stunden wie im Flug vergehen...
(Tatjana Böhme-Mehner, LVZ vom 8. Juni 2009)
„Komm, Trost der Welt"
[...] Dieses Programm ist ein dramaturgisches Gesamtkunstwerk, das die Verbindung von Wort und Ton, Text und Klang virtuos und expressiv vorstellt. Werden und Vergehen, Tod, Trauer, Festhalten, Entsagen sind die Themen, die Gregor Meyer und sein GewandhausChor besingen...
(Tatjana Böhme-Mehner, LVZ vom 16. März 2009)
Mit Logik zum Urknall. Gestern Abend im Gewandhaus: Chaillys erste umjubelte Neunte zum Jahreswechsel 2008/2009
Leipzig. Mit lang anhaltendem stehendem Jubel wurde gestern Abend im seit Monaten ausverkauften Gewandhaus die Aufführung von Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie gefeiert. Am Pult: Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly, der sich zum vierten Mal mit der Tradition auseinandersetzte, die sein Amts-Ahn Arthur Nikisch 1918 begründete.
Flott ist diese Neunte, sehr flott. Für viele irritierend flott. Aber so muss es sein, so ungewohnt es manchem Ohr auch noch immer klingen mag. Viel ist debattiert, geschrieben, gerätselt worden über Beethovens Metronomzahlen, die die Schläge pro Minute angeben uns somit das Tempo, in dem er seine Sinfonien angegangen wissen wollte. Aber diese Eindeutigkeit, sie war nicht übereinander zu bringen mit einer Aufführungstradition, die ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Bedeutsamkeit etwa der Neunten mit gravitätischer Langsamkeit verwechselte. Die tendenzielle Schwerfälligkeit moderner Orchester tat ihr Übriges, und Beethovens Schwarz auf Weiß verbriefter Wille landete auf dem Müll. Tak-Tak habe er gemeint, nicht Tak, also das halbe Tempo, Utopie seien seine Vorstellungen gewesen, nicht Handlungsanweisungen – und im Übrigen sei er ohnehin taub gewesen. Was für ein Hochmut spricht aus solchen Argumenten. Nur gut, dass die Originalklinger mittlerweile gezeigt haben, dass es erstens geht, zweitens logisch ist, und drittens besser. Und diese Erkenntnis, sie ist endlich auch bei den modernen Orchestern angekommen.
Beethovens Wille beginnt bei den Tempi
Beethoven, das ist für Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly neben Mendelssohn der wichtigste Teil des musikalischen Kosmos, den er in Leipzig anzugehen denkt. Und es bedeutet erstens, dass er den spezifischen Klang des Orchesters, das er für diese Aufgabe als das beste empfindet, den seines Gewandhausorchesters also, erhält und entwickelt und zärtlich streichelt. Und es bedeutet zweitens, dass er diesen Klang zusammenzwingt mit dem, was er, Chailly, als Beethovens Willen ausgemacht hat. Und der beginnt eben bei den Tempi.
Nun sind Tempi nicht zuallererst eine frage der Geschwindigkeit. Denn es geht um Kunst, nicht um Sport. Sie sind eher eine Frage der Architektur, der Struktur, die einer gewissen Leichtigkeit bedarf, soll bei einer Neunten, die kaum mehr länger geht als eine Stunde, nicht die Substanz auf der Strecke bleiben – und mit ihr die Schönheit. Und zu diesem Behufe gehört jeder einzelne Ton auf die Goldwaage.
Also beginnt die Neunte des endenden Jahres 2008 nicht mit einer Fläche, die später erst für d-moll sich entscheidet, sie beginnt mit scharfkantigen Akzenten, die alle Energie freisetzen für die folgenden vier Sätze. Die nicht einfach nur Motiv-Fetzen sind, sondern einen ganzen Kosmos in sich bergen. So ähnlich muss der Urknall geklungen haben. Vibrierend vor Energie – aber ohne Vibrato. Erbarmungslos drängend – aber ohne die eigenen Herrlichkeiten zu überrennen.
Chailly geht als Anwalt Beethovens an die Grenzen dessen, was auf den Instrumenten möglich ist. Aber er kennt sie genau, diese Grenzen, weiß, wo ein Übertritt nicht weiter schadet, wo das volle Risiko erst vollen Erkenntnisgewinn garantiert. Und er weiß, wohin seine magische Linke die Aufmerksamkeit zu richten hat, während die Rechte weitertreibt. Und so ist das Ergebnis dieser Grenzerkundung nicht Gefährdung, sondern im Gegenteil eine kristalline Transparenz, die aus Logik erwächst.
Da oszillieren die zwanghaft wiederholten Punktierungen des Molto vivace hypnotisch schmelzen de Streicher in den Linien des Trios erotisch. Da schimmern Adagio molto e cantabile und Andante cantabile, dieser himmlische doppelte Variationensatz trotz des ungewohnt fließenden Tempos in heiterer Ruhe. Da rastet schließlich das Finale selbst bei den Gesangsstimmen ein, denen Beethoven so viel Unerhörtes zumutete.
Mit einem Male blüht der Gesang
Nun ja, als Belcanto-Komponist geht er auch so nicht durch. Dafür sind die hohen Chorstimmen zu instrumental behandelt. Aber mit einem Male ist da mehr als die gebrüllte Wahnvorstellung, jedes Menschen Bruder sei zu müssen – wer wollte das schon. Mit einem Male blüht dieser Gesang über dem ekstatischen Farbspiel des Orchesters. Was natürlich auch und vor allem an den Sängern liegt. An den von Howard Arman, Gregor Meyer und Frank-Steffen Elster präparierten vereinigten Chören von MDR und Gewandhaus, die selbst zwischen vokalen Heimsuchungen Raum finden für Artikulation, Text, Geschmeidigkeit und Klarheit. Und am vorzüglichen Solisten-Quartett: an Hanno Müller-Brachmanns Ehrfurcht gebietender Bass-Autorität, Robert Dean Smith’ metallischer Beweglichkeit, Katerina Beranovas schlankem und doch ungeheuer präsenten Sopran-Strahl, an Lilli Paasikivis verlässlichem Alt.
Einzigartig ist diese Neunte, so wie es bisher noch jede Neunte unter Chailly in Leipzig war. Bei der Melodie war der Italiener 2005 gestartet, mittlerweile ist er in logischer Fortschreitung bei der gleichsam sinnlich bebenden Philologie angelangt. Und natürlich bei den Leipzigern: Jubel über Jubel.
(Peter Korfmacher, LVZ vom 30. Dezember 2008)
Weihnachtskonzert
Leise jubelnd
Weihnachtszeit – schönste Zeit. Was Kindern erwartungsfrohen Glanz in die Augen zaubert, verursacht den Erwachsenen Stress; Geschenke kaufen, fürs Festmahl sorgen. Und statt Budenzauber gibt es auf dem Weihnachtsmarkt bedrückende Menschenmassen. Dabei ist alles so einfach. Das Zauberwort heißt: Entschleunigung. Raus aus der Hektik, rein in die Besinnung. Ein solcher Ruhepol inmitten des Alltagstrubels war das Weihnachtskonzert am Sonntag Abend im Großen Saal des Leipziger Gewandhauses.
Denn es ist ja erst Advent. Noch heißt es warten auf die Ankunft des Herrn. Am Sonntag ist diese Vorfreude mit dem GewandhausChor unter Gregor Meyer und dem GewandhausKinderchor unter Frank-Steffen Elster vornehmlich leise jubelnd. Mit weihnachtlicher Chormusik aus fünf Jahrhunderten geht es auf Streifzug quer durch Europa.
Das alte flämische „Nu sijt willkome“ singen beide Chöre wie Bachs „Ich steh an deiner Krippen hier“ a cappella. Ganz besonders reizvoll ist es, wenn sich der reife, fein ausgewogene Klang des GewandhausChores mit den hellen Kinderstimmen trifft.
Unbekannte Weisen sind zu hören, aber natürlich darf das weihnachtliche Standard-Repertoire wie „Kommet, ihr Hirten“ oder „Stille Nacht“ nicht fehlen. Und doch klingen die altbekannten Lieder hier ganz anders als in der Kaufhausbeschallung. Die Gewandhauschöre wissen zu differenzieren, den Rest besorgen die ausgefeilten Arrangements von Gregor Meyer.
Und: am Sonntag ist noch das Ensemble „The Playfords“ mit von der Partie. Das spielt in der Besetzung Blockflöte, Barockvioline und –gitarre, auch mal Chitarrone, Viola da Gamba und Schlagwerk, komplettiert durch Bariton Björn Werner. Verleger John Playford hätte gewiss seine helle Freude an den fünf Musikern, die auch im 21. Jahrhundert die alten Instrumente so meisterlich beherrschen und die in bester englischer Tanzmeister-Tradition so unerhört lebendig aufspielen wie in „O Heiland reiß die Himmel auf“ oder „Masters in this Hall“. Bei diesen Weisen aus dem 17. Jahrhundert wird die Geige zur fröhlichen Fiedel, darf Blockflöte schon mal ein bisschen wie Tin Whistle klingen.
Und was Perkussionistin Nora Thiele mit einer Schellentrommel wie in „On Christmas Night“ to alles veranstaltet, ist erfreulich für Ohren und Augen.
So sind denn die von allen gemeinsam musizierten Stücke wie „Nova, Nova“ oder „Riu, riu, chiu“ (hier hat Frank-Steffen Elster trefflich arrangiert) die festlichen Höhepunkte des Abends. Draußen rennt di Zeit weiter, drinnen im vollen Saal bleibt sie für einen Moment stehen.
Die so gewonnene Zeit nutzt das entschleunigte Publikum zum Applaudieren: kein hektisch lauter Beifall, sondern dankbarer, langer. In aller Ruhe.
(Birgit Hendrich, LVZ vom 16. Dezember 2008)
Das Leipziger Gewandhausorchester hat mit einer Messe von Rossini das Londoner Publikum begeistert
Unter der Leitung von Riccardo Chailly spielte das Orchester am Samstagabend im fast ausverkauften Barbican Centre zusammen mit dem Chor der Oper Leipzig und dem GewandhausChor die «Messe solennelle» von Gioacchino Rossini. Nach dem Schlusstakt brandete in dem renommierten Londoner Kulturzentrum großer Applaus auf. «Man konnte spüren, wie elektrisiert die Menschen waren. Es war großartig», sagte der italienische Dirigent Chailly der dpa nach dem Konzert.
Das Gewandhausorchester bringt insgesamt drei chorsinfonische Werke in die britische Hauptstadt: Am Neujahrstag wird Beethovens 9. Sinfonie gespielt, am 5. April steht zusammen mit dem Thomanerchor und dem Tölzer Knabenchor die Matthäus-Passion von Bach auf dem Programm.
«Das Gewandhaus ist weltberühmt. Wir wollen unsere Zusammenarbeit mit dem Orchester in der Zukunft ausbauen», sagte eine Sprecherin des Barbican-Centres.
(Ruhrnachrichten vom 9. November 2008)
Fromme Walzer für die ewige Glückseligkeit: Riccardo Chailly dirigiert Gioacchino Rossinis hinreißende Messe Solennelle im großen Concert
Eigentlich ist da nichts, jedenfalls nichts Außergewöhnliches. Tonleitern, Akkordzerlegungen, Harmonik und Kontrapunkt im Rahmen des Üblichen. Und doch liegt eine unerklärliche Magie über Gioacchino Rossinis letzter Alterssünde, der Instrumentation seiner „Petite Messe solennelle“, einem Werk, das weder klein ist, denn es dauert rund eineinhalb Stunden, noch feierlich, denn dem vom Opern-Groß-meister vorgesehenen Mini-Chor assistieren neben dem Solistenquartett lediglich zwei Klaviere und ein Harmonium.
Da ist natürlich keine Besetzung fürs Große Concert gestern und vorgestern, auch nicht fürs heutige Gastspiel im Rahmen der Gewandhaus-Residenz im Londoner Barbican-Center. Also setzt Chailly auf jene Instrumentation, die Rossini kurz vor seinem Tod vor allem vornahm, damit es niemand sonst machte, und die ein neues Werk gebiert, das zwar alle Töne behält, aber ganz andere Musik wird. Ziemlich exotische übrigens, auch 140 Jahre nach dem Tod des Schwans von Pesaro noch: Diese mit einem Male so feierliche Messe ist fürs älteste bürgerliche Orchester der Welt Neuland.
Nichts ist so kompliziert wie die scheinbare Harmlosigkeit Rossinis, der den Tasteninstrumenten eine orchestrale Farbpracht abgerungen hat, wie sie seinerzeit allenfalls Berlioz zu erzeugen vermochte. Die Besetzung ist erheblich, links sitzen zwei Harfen, dahinter funkelt machtvoll die Optikleide – aber Rossini nutzt sie nicht zur Präsentation gleißender Effekte, sondern um den Klangstrom, der die Singstimmen trägt, immer neu einzufärben. Nuancen sind dies. Aber diese Nuancen setzen die Grenze zwischen Banalität und Grandezza.
Und diese Nuancen, sie kommen vom Gewandhausorchester mit staunenswerter Selbstverständlichkeit. Nun gut, der erste Einsatz klappert. Michael Schönheit an der erstmals seit der Sanierung wieder im großen Concert bedienten Orgel hat es nicht so eilig mit der eins, und auch im Preludio religioso mag sich der Gewandhausorganist nicht recht einfügen in Chaillys unprätenziöse Sicht, die die Größe dieser herrlichen Musik nicht erzeugen muss, sondern in ihrer Substanz findet.
Natürlich zeichnen sich die Begleitmuster auf den ersten Blick durch die alte Opern-Sorglosigkeit der Riesengitarre aus, schreckt Rossini im O salutaris hostia auch vor neckischem Walzern nicht zurück, sind die Fugen eher nicht auf dem Olymp der Polyphonie zu verorten. Aber so elegant, selbstverständlich sinnlich, detailversessen und warm musiziert wie unter Chailly deckt sich das Ergebnis vollständig mit Rossinis eigener Einschätzung seines Schwanensangs: „Wenig Wissenschaft, etwas Hertz, das ist alles. Sei also gepriesen und mach’ dass ich in den Himmel komme“, hat der dem Lieben Gott gemeinsam mit der Partitur ins Stammbuch geschrieben. Der konnte kaum anders, als dem Heiligen der Melodie und des schönen Gesangs den Passierschein für die ewige Glückseligkeit auszustellen.
Der schöne Gesang entscheidet in der messe solennelle letztlich über Wohl und Wehe. Auch diesbezüglich lässt das Große Concert nur wenige Fragen offen. Bassist Mirco Palazzi allerdings hat mit seiner schönen jugendlichen Stimme die Intonation nicht immer im Griff und bemüht sich kaum um Differenzierung. Um die zu gewährleisten, setzt Sopranistin Alexandrina Pendatchanska ganz auf Technik, was ihrem Gesang bisweilen die Natürlichkeit nimmt. Dennoch singt sie im O salutaris mit hinreißend naiver Schönheit übers Heilige Opfer, macht so den Opern-Gestus Rossinis durchlässig für die transzendente Heiterkeit pur optimistischen Glaubens. Die kurzfristig eingesprungene Manuela Custer führt einen voluminösen Alt, der in der Höhe zur Schärfe tendiert, sich aber fabelhaft ins Ensemble integriert, das in dieser Messe ohnehin meist wichtiger ist als die Einzelleistung. Darum markiert Tenor Stefano Secco den Gipfel dieses Solistenquartetts, weil er seine lyrische und für diese Repertoire wenig große Stimme bei Bedarf so abtönt, dass sie sich perfekt mischt, im zackigen Domine Deus aber selbstbewusst prunken kann.
Diese weite Spanne decken auch die von Sören Eckardt und Christoph Meyer präparierten vereinigten Chöre von Oper und Gewandhaus ab. Warm, homogen, rund, verständlich klingt es aus den rund 80 Kehlen, samtweich in Momenten schlichter a-cappella-Wonne, wuchtig im Forte, dynamisch fein ausbalanciert in den Sätzen im alten Stil – immer mit jener Portion Schalk, ohne die den Fugen Rossinis nicht beizukommen ist. Und in kaum einem Takt sind dem Opernchor die Strapazen der letzten Wochen anzuhören: Höllander, Aida, vor der Tür wartet bereits „Rienzi“. Erheblicher Jubel.
(Peter Korfmacher, LVZ vom 8. November 2008)

