Pressestimmen 1999/2001
"Die Katze darf keine 300 Kilo wiegen"
Bei der Probe belauscht: Der Gewandhauschor arbeitet unter Morten Schuldt-Jensen an Mozarts "Requiem", am Sonntag ist Konzert [...]
Pünktlich um halb sieben sind 23 Frauen und 17 Männer versammelt. "Näher zusammen", mahnt Schuldt-Jensen, "und in zwei Reihen." Da verzieht sich hier und da ein Gesicht. Denn so überschaubar in den Raum gegossen, bleibt kaum Spielraum für ein Schwätzchen. Aber der bleibt ohnehin nicht. Hier wird gearbeitet. Konzentriert, ernsthaft, effektiv. Und sofort. [...]
"Hhhhmmmm" schmelzen die ambitionierten Laien. "Klingt sehr anständig", denke ich bei mir. Doch Schuldt-Jensen ist nicht zufrieden: "Klingt flach. Ihr müsst das Loch noch hohler machen." Die Botschaft kommt an, der Klang wird runder, leiser, voller, wärmer - und die nächsten Übungen sind dran: "wwwww", "wsrbfrbl" füllen den Saal. Dann Vokale. Immer wieder ansteigend, immer komplexer, immer schwieriger. [...]
Selten lässt Schuldt-Jensen mehr als vier Takte am Stück singen. Immer wieder bricht er ab [...] um jenes Unbeschreibbare zu erklären, das irgendwo zwischen Zäpfchen und Magen geschieht [...]
Humorvoll, aber nicht jovial, streng, aber nicht oberlehrernd erzählt er von "Polizeipfeifen, die schön klingen müssen", von der Katze, die "keine 300 Kilo wiegen darf", vom "altersschwachen Hahn im Hühnerhaus".
Seine Detailversessenheit, seine unbedingte, rückhaltlose Suche nach dem unerreichbaren Optimum hat ihn für diese Aufgabe qualifiziert, hat dazu geführt, dass Herbert Blomstedt ihn und keinen anderen auf diesem Posten haben wollte. Sie hat ihm aber keineswegs nur Freunde gemacht. Denn diesen Ansprüchen zeigten sich längst nicht alle Mitglieder des Gewandhauschores gewachsen. So musste ein Großteil gehen, als er kam [...].
Aber das Gemunkel, der Chor sei tot, das mal leiser, mal lauter durch die Stadt wabert, entbehrt jeder Grundlage. Das zeigt diese Probe deutlich. Denn Schuldt-Jensen kann professionell arbeiten.
[...Der Korrepetitor] Ekkehard Meister hat gewaltig zu tun mit Mozarts "Requiem". Denn Schuldt-Jensen hat flotte Tempovorstellungen und legt Wert darauf, dass auch die Probenbegleitung eine Ahnung seiner Vorstellungen vermittelt. Meister entledigt sich der Aufgabe souverän. ........ "Zu spät!", gellt Schuldt-Jensen und pfeift durch die Zähne, als vor lauter Emphase dennoch zwei einsame Tenöre nicht aufhören zu singen. Die Ursachenforschung ist schnell erfolgreich: "Der Dirigent ist zum Beobachtet-Werden da." [...]
"Lächeln", brüllt unterdessen der Chorleiter dazwischen, "ich will Lächeln hören." Schauen sie, wie ich das mache!", wobei er mit Daumen und Zeigefinger den Mund erstaunlich breit zieht [...]
Der Gewandhauschor sucht noch Mitglieder. Bei Interesse Tel. 0341/12 70-381 und im Internet:www.gewandhaus.de.
(Peter Korfmacher, LVZ vom 24. März 2001)
Engelsgleich wie sonst nur Kinderstimmen
Morten Schuldt-Jensen, Gewandhauschor, Neues Bachisches Collegium Musicum mit Mozarts Requiem
[...] musikalisch gab es am Sonntag im passabel besuchten großen Saal des Gewandhauses wenig Grund für Trauer und Zerknirschung: Was leicht verstärkter Gewandhauschor und Neues bachisches Collegium Musicum unter Gewandhauschordirektor Morten Schuldt Jensen ablieferten, gab Anlass zu uneingeschränkter Freude und schönsten Hoffnungen [...] [Im Requiem] zeigt sich, dass Schuldt-Jensen mit den Seinen in letzter Zeit gewaltig geackert hat. Denn sein Chor singt auf höchstem Niveau und arbeitet selten schöne Facetten von Mozarts Totenmesse heraus. Im "Dies irae" perlen die Töne [...] und haben doch genug Wucht, um glaubhaft vom "Tag des Zorns" zu berichten. Da wird präziese artikuliert, werden Tempowechsel akkurat vom Dirigenten übernommen. Und das "Voca me" im "Confutatis" klingt im Sopran engelsgleich, wie sonst nur Kinderstimmen [...] Dankbarer, schließlich begeisterter Applaus. Bis die Musiker ihre Sachen packen.
(Birgit Hendrich, LVZ vom 27. März 2001)
Beethoven, Sinfonie Nr. 9, Blomstedt
Die vereinten Sänger von Gewandhaus und MDR werden durch die gläsernen Stimmen des Gewandhaus-Kinderchores veredelt.
(Hagen Kunze, LVZ vom 30. Dezember 2000)
Händel, Messiah, Blomstedt
Homogen wie einer, leicht geführt, ohne Verfestigung, Anstrengung, Eitelkeit, Allüren - selbst im Halleluja.
(Peter Korfmacher, LVZ vom 9. Dezember 2000)
Mahler, Sinfonie Nr. 3, Blomstedt
[
...] exzellente Leistung der Frauen des Gewandhauschores und des Gewandhauskinderchores, glanzvoll präpariert von Morten Schuldt-Jensen und Frank-Steffen Elster.
(Peter Korfmacher, LVZ vom 17. Juni 2000)
Mahler, Sinfonie Nr. 2, Blomstedt
[...] Und wenn im Finale der Chor wie aus dem Nichts sein Aufersteh`n raunt [...
] ist das klingende Glück im Gewandhaus vollkommen.
(Peter Korfmacher, LVZ vom 24. April 1999)
Yokohama, hat einen Saal mit 2020 Plätzen zu bieten, der an diesem Abend nahezu ausverkauft ist. Die Zuhörer haben an diesem Abend zwischen 3000 und 15000 Yen (ca. 30-150 Euro) für ihr Ticket ausgegeben.
Der Blick aus den Foyers auf die beeindruckende Skyline der Stadt vermittelt eine futuristische und faszinierende Athmosphäre. Der Saal ist Teil des Landmark-Building- Komplexes - eines der höchsten Wolkenkratzer der Insel, direkt am Meer.
Traditionell dagegen geht es beim Einruf der Zuschauer zu. Einige Kräfte des Servicepersonals betätigen auf allen Ebenen des Saales originale japanische Gongs, um die Besucher dazu aufzufordern, den Saal zu betreten.
Das Servicepersonal wird in zwei Meetings vor dem Konzert für den Abend fit gemacht. Die Runde endet mit einer höflichen Verbeugung vor der Chefin der Service-Kräfte
Wie überall in japanischen Konzertsälen herrscht zunächst auch hier ein wohltuendes sanftes Gemurmel im Zuschauersaal. Die Begeisterung für den Auftritt des Orchesters entlädt sich erst am Ende (und eigentlich überraschend, nach der bis dahin gediegenen Stille) mit lautem, anhaltendem Beifall und Bravorufen und lässt die deutschen Gäste nicht ohne Zugabe davonkommen.
Es war übrigens der erste Auftritt der "Mozartbesetzung" des Orchesters und den beiden Solistinnen Anna Garzuly und Naoko Yoshino.
Der Konzertsaal in Toyota - das "japanische Wolfsburg" sozusagen - liegt im zehnten Stock eines städtischen Gebäudes. 1010 Zuhörer fasst der Saal, er wurde 1998 erbaut. Aus den bis zum Boden reichenden Foyerfenstern hat man einen Blick über die überschaubare Stadt und die in der Ferne liegenden verschneiten Berge. Die Gäste zahlen 6000-12000 Yen (ca. 60-120 Euro) für Ihre Eintrittskarte oder die Hälfte ermäßigt.
Mitreissend und mit Verve kommt Beethovens Siebente daher und auch hier erklatschen sich die Zuhörer mit Bravorufen eine Zugabe.
Nach dem Konzert in Toyota werden wir zufällig von einem Japaner angesprochen, der uns in lupenreinem Deutsch begrüßt. Herr Yasui, der in der damaligen DDR Musikwissenschaft studierte, erzählt, dass er in den Siebziger Jahren das Gewandhausorchester als Tourmanager in Japan begleitete und Plattenaufnahmen in Japan mitbetreute, die von der Firma Columbia/Japan in Japan hergestellt wurden. Auch Herbert Blomstedt hat er schon erlebt: vor dreißig Jahren mit der Staatskapelle in Dresden. Heute ist er über 100 km angereist, um das Orchester zu hören. Vielleicht wollte er sich deshalb nicht zu längerem Verweilen und einem Treffen mit dem Orchester überreden lassen.

