GewandhausKinderchor
Nachwuchschor des GewandhausKinderchores
 
 

Pressestimmen Kinderchor 2008/09

Mit Logik zum Urknall. Gestern Abend im Gewandhaus: Chaillys erste umjubelte Neunte zum Jahreswechsel 2008/2009

Leipzig. Mit lang anhaltendem stehendem Jubel wurde gestern Abend im seit Monaten ausverkauften Gewandhaus die Aufführung von Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie gefeiert. Am Pult: Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly, der sich zum vierten Mal mit der Tradition auseinandersetzte, die sein Amts-Ahn Arthur Nikisch 1918 begründete.

         Flott ist diese Neunte, sehr flott. Für viele irritierend flott. Aber so muss es sein, so ungewohnt es manchem Ohr auch noch immer klingen mag. Viel ist debattiert, geschrieben, gerätselt worden über Beethovens Metronomzahlen, die die Schläge pro Minute angeben uns somit das Tempo, in dem er seine Sinfonien angegangen wissen wollte. Aber diese Eindeutigkeit, sie war nicht übereinander zu bringen mit einer Aufführungstradition, die ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Bedeutsamkeit etwa der Neunten mit gravitätischer Langsamkeit verwechselte. Die tendenzielle Schwerfälligkeit moderner Orchester tat ihr Übriges, und Beethovens Schwarz auf Weiß verbriefter Wille landete auf dem Müll. Tak-Tak habe er gemeint, nicht Tak, also das halbe Tempo, Utopie seien seine Vorstellungen gewesen, nicht Handlungsanweisungen – und im Übrigen sei er ohnehin taub gewesen. Was für ein Hochmut spricht aus solchen Argumenten. Nur gut, dass die Originalklinger mittlerweile gezeigt haben, dass es erstens geht, zweitens logisch ist, und drittens besser. Und diese Erkenntnis, sie ist endlich auch bei den modernen Orchestern angekommen.

Beethovens Wille beginnt bei den Tempi

Beethoven, das ist für Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly neben Mendelssohn der wichtigste Teil des musikalischen Kosmos, den er in Leipzig anzugehen denkt. Und es bedeutet erstens, dass er den spezifischen Klang des Orchesters, das er für diese Aufgabe als das beste empfindet, den seines Gewandhausorchesters also, erhält und entwickelt und zärtlich streichelt. Und es bedeutet zweitens, dass er diesen Klang zusammenzwingt mit dem, was er, Chailly, als Beethovens Willen ausgemacht hat. Und der beginnt eben bei den Tempi.

         Nun sind Tempi nicht zuallererst eine frage der Geschwindigkeit. Denn es geht um Kunst, nicht um Sport. Sie sind eher eine Frage der Architektur, der Struktur, die einer gewissen Leichtigkeit bedarf, soll bei einer Neunten, die kaum mehr länger geht als eine Stunde, nicht die Substanz auf der Strecke bleiben – und mit ihr die Schönheit. Und zu diesem Behufe gehört jeder einzelne Ton auf die Goldwaage.

         Also beginnt die Neunte des endenden Jahres 2008 nicht mit einer Fläche, die später erst für d-moll sich entscheidet, sie beginnt mit scharfkantigen Akzenten, die alle Energie freisetzen für die folgenden vier Sätze. Die nicht einfach nur Motiv-Fetzen sind, sondern einen ganzen Kosmos in sich bergen. So ähnlich muss der Urknall geklungen haben. Vibrierend vor Energie – aber ohne Vibrato. Erbarmungslos drängend – aber ohne die eigenen Herrlichkeiten zu überrennen.

         Chailly geht als Anwalt Beethovens an die Grenzen dessen, was auf den Instrumenten möglich ist. Aber er kennt sie genau, diese Grenzen, weiß, wo ein Übertritt nicht weiter schadet, wo das volle Risiko erst vollen Erkenntnisgewinn garantiert. Und er weiß, wohin seine magische Linke die Aufmerksamkeit zu richten hat, während die Rechte weitertreibt. Und so ist das Ergebnis dieser Grenzerkundung nicht Gefährdung, sondern im Gegenteil eine kristalline Transparenz, die aus Logik erwächst.

         Da oszillieren die zwanghaft wiederholten Punktierungen des Molto vivace hypnotisch schmelzen de Streicher in den Linien des Trios erotisch. Da schimmern Adagio molto e cantabile und Andante cantabile, dieser himmlische doppelte Variationensatz trotz des ungewohnt fließenden Tempos in heiterer Ruhe. Da rastet schließlich das Finale selbst bei den Gesangsstimmen ein, denen Beethoven so viel Unerhörtes zumutete.

Mit einem Male blüht der Gesang

         Nun ja, als Belcanto-Komponist geht er auch so nicht durch. Dafür sind die hohen Chorstimmen zu instrumental behandelt. Aber mit einem Male ist da mehr als die gebrüllte Wahnvorstellung, jedes Menschen Bruder sei zu müssen – wer wollte das schon. Mit einem Male blüht dieser Gesang über dem ekstatischen Farbspiel des Orchesters. Was natürlich auch und vor allem an den Sängern liegt. An den von Howard Arman, Gregor Meyer und Frank-Steffen Elster  präparierten vereinigten Chören von MDR und Gewandhaus, die selbst zwischen vokalen Heimsuchungen Raum finden für Artikulation, Text, Geschmeidigkeit und Klarheit. Und am vorzüglichen Solisten-Quartett: an Hanno Müller-Brachmanns Ehrfurcht gebietender Bass-Autorität, Robert Dean Smith’ metallischer Beweglichkeit, Katerina Beranovas schlankem und doch ungeheuer präsenten Sopran-Strahl, an Lilli Paasikivis verlässlichem Alt.

         Einzigartig ist diese Neunte, so wie es bisher noch jede Neunte unter Chailly in Leipzig war. Bei der Melodie war der Italiener 2005 gestartet, mittlerweile ist er in logischer Fortschreitung bei der gleichsam sinnlich bebenden Philologie angelangt. Und natürlich bei den Leipzigern: Jubel über Jubel.

(Peter Korfmacher, LVZ vom 30. Dezember 2008)

 

 

Weihnachtskonzert
Leise jubelnd

Weihnachtszeit – schönste Zeit. Was Kindern erwartungsfrohen Glanz in die Augen zaubert, verursacht den Erwachsenen Stress; Geschenke kaufen, fürs Festmahl sorgen. Und statt Budenzauber gibt es auf dem Weihnachtsmarkt bedrückende Menschenmassen. Dabei ist alles so einfach. Das Zauberwort heißt: Entschleunigung. Raus aus der Hektik, rein in die Besinnung. Ein solcher Ruhepol inmitten des Alltagstrubels war das Weihnachtskonzert am Sonntag Abend im Großen Saal des Leipziger Gewandhauses.

Denn es ist ja erst Advent. Noch heißt es warten auf die Ankunft des Herrn. Am Sonntag ist diese Vorfreude mit dem GewandhausChor unter Gregor Meyer und dem GewandhausKinderchor unter Frank-Steffen Elster vornehmlich leise jubelnd. Mit weihnachtlicher Chormusik aus fünf Jahrhunderten geht es auf Streifzug quer durch Europa.

Das alte flämische „Nu sijt willkome“ singen beide Chöre wie Bachs „Ich steh an deiner Krippen hier“ a cappella. Ganz besonders reizvoll ist es, wenn sich der reife, fein ausgewogene Klang des GewandhausChores mit den hellen Kinderstimmen trifft.

Unbekannte Weisen sind zu hören, aber natürlich darf das weihnachtliche Standard-Repertoire wie „Kommet, ihr Hirten“ oder „Stille Nacht“ nicht fehlen. Und doch klingen die altbekannten Lieder hier ganz anders als in der Kaufhausbeschallung. Die Gewandhauschöre wissen zu differenzieren, den Rest besorgen die ausgefeilten Arrangements von Gregor Meyer.

Und: am Sonntag ist noch das Ensemble „The Playfords“ mit von der Partie. Das spielt in der Besetzung Blockflöte, Barockvioline und –gitarre, auch mal Chitarrone, Viola da Gamba und Schlagwerk, komplettiert durch Bariton Björn Werner. Verleger John Playford hätte gewiss seine helle Freude an den fünf Musikern, die auch im 21. Jahrhundert die alten Instrumente so meisterlich beherrschen und die in bester englischer Tanzmeister-Tradition so unerhört lebendig aufspielen wie in „O Heiland reiß die Himmel auf“ oder „Masters in this Hall“. Bei diesen Weisen aus dem 17. Jahrhundert wird die Geige zur fröhlichen Fiedel, darf Blockflöte schon mal ein bisschen wie Tin Whistle klingen.

Und was Perkussionistin Nora Thiele mit einer Schellentrommel wie in „On Christmas Night“ to alles veranstaltet, ist erfreulich für Ohren und Augen.

So sind denn die von allen gemeinsam musizierten Stücke wie „Nova, Nova“ oder „Riu, riu, chiu“ (hier hat Frank-Steffen Elster trefflich arrangiert) die festlichen Höhepunkte des Abends. Draußen rennt di Zeit weiter, drinnen im vollen Saal bleibt sie für einen Moment stehen.

Die so gewonnene Zeit nutzt das entschleunigte Publikum zum Applaudieren: kein hektisch lauter Beifall, sondern dankbarer, langer. In aller Ruhe.

(Birgit Hendrich, LVZ vom 16. Dezember 2008)

 

 

„Brücken“ – Tag der Kinderchöre

Fröhlich geht es zu am Samstagabend im Mendelssohn-Saal des Gewandhauses. Und ein bisschen lauter als sonst. Die vielen Knirpse strafen alle Statistiken zur zunehmenden Vergreisung des hiesigen Konzertpublikums Lügen. Auf der Bühne dasselbe: Hier präsentiert sich der Sänger-Nachwuchs der Leipziger Oper und des Gewandhauses. Über hundert Mädchen und Jünger bringen Sophie Bauer, Leiterin des Opern-Kinderchores und Frank-Steffen Elster, Chef des Gewandhauskinderchores, zu der Programm „Brücken“ zusammen: Die Opernkinder tragen blaue Oberteile, die des Gewandhauses rote, So kann man genau sehen, wer woher kommt- schön. Noch schöner: hören kann man es nicht.

Aus rot und blau, so sagt die Farbenlehre, wird Magenta. Ein helles Purpur. Am Samstagabend strahlt dieses Purpur streifenfrei und voller Frische. So wandelt der Nachwuchs auf einer magentafarbenen Brücke, die gleichzeitig auch Chormusik aller Couleur miteinander verbindet. Wie in Bob Chilcotts „A Little Jazz Mass“, die mit Unterstützung von Walter Zoller am Flügel, Rainhard Leuscher am Kontrabass und Peter A. Bauers Percussion richtig abgeht und dabei so leicht klingt, dass man diese Werk dringend als Pflichtstoff im integrativen Religions-Ethik-Musik-Unterricht empfehlen möchte.

Doch gemach: Diese Homogenität, diese klangvolle Mehrstimmigkeit mit feiner dynamischer Differenzierung und hervorragender Artikulation gibt es nicht zum Nulltarif. Das zeugt von grünlicher Probenarbeit beiderseits des Mendesbrunnens und von intensivem Miteinander. So gibt es Volkslieder in anspruchsvollen Chorsätzen ebenso wie Karl Jenkins Überflieger-Hit „Adiemus“. In Wolfram Buchenbergs „Sieben Zaubersprüchen“ wird angelegentlich gewispert und gezischt, schallt im zweiten Spruch ein Echo wie betörender Glockenklang. Die kleinen und großen Zuhörer applaudieren hier begeistert nach jedem Satz, und am Ende kennt der Jubel keine Grenzen.

(Birgit Hendrich, LVZ vom 6. Oktober 2008)                                   

 

 
 

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