Pressestimmen Kinderchor 2004/2005
Experiment gelungen
Es war ein Experiment. Denn obwohl die Mitglieder des Gewandhauskinderchores sehr jung sind, hat sie das klassische Chorrepertoire schon deutlich, geprägt. Zirkulär wiederkehrende Mo¬tive, Mouth Percussion oder Groove dürften für viele Neuland gewesen sein.
Die Idee zum Programm „STIMMungen a cappella" mit dem Vokalquartett Niniwe hatten Dirigent Frank-Steffen Elster und Niniwe-Gründerin Winnie Brückner ausgeheckt. Sie wagten nun dieses Projekt, einschließlich gemeinsamer Proben im Chorlager. Brückner, 2002 mit dem Leipziger Jazz-Nachwuchsstipendium ausgezeichnet, komponiert die meisten Stücke ihrer Formation und hat Werke wie „Conference of the Birds"' von Dave Holland oder das dem Scat-Gesang gewidmete "Ooyah" von Bob Stoloff arrangiert.
Die zarten Kinderstimmen mischten sich gut mit denen der vier Damen und boten das Fundament für jazzige Improvisationen. Komplexe Harmonien waren für die Kinder dabei kein Problem. Dennoch merkte man, dass sie beim Bulgarischen Volkslied „Kakwa Moma" oder in Stücken von Bardós und Kodály mit bekannten Parametern wie Textinterpretation oder Binnendynamik in ihrem Element waren - das kam mit Engagement und Musizierfreude rüber.
Niniwe knüpften an die Klassik an, um dann mit „No Angel" oder "Your Eyes" wieder zum eigenen Stil zwischen modernem Jazz und klassischen Elementen zurückzukehren. Gemein¬samer Höhepunkt: Marilyn Masurs "Jordsang", bei dem einzelne Chorso¬listen kurze Impros wagten. Das Expe¬riment ist gelungen - so hat Crossover Nachwuchs und Zukunft.
(Heike Bronn, LVZ vom 08. März 2005)
Die Kinderoper „Brundibár" im Leipziger Gewandhaus - Wenn die Leinwand ein Leichentuch ist
Das Programm hätte heikler kaum sein können. Zu oft schon ist die künstlerische Auseinandersetzung mit den Verbrechen des „Dritten Reiches" gründlich und peinigend missraten. Hat ein ausufernder Programmhefttext neumodisch dahin gesetzte Schocknotation zu rechtfertigen versucht. Und diente krude Vernichtungsprogrammatik auf fatale Weise einer Rechtfertigungspolitik, die ihr eigenes Werk in die Welt der Unkritisierbarkeit schickte. Wer Buchenwald-Sinfonien oder Auschwitz-Opern komponiert, um allein Punkte im inhalts- wie ästhetikfreien Betroffenheitsraum zu sammeln, gehört nicht nur vergessen, sondern in der Regel auch nicht aufgeführt.
Bei Hans Krásas Kinderoper „Brundibár" liegen die Dinge sehr anders. Deren Ruhm speist sich weder aus ihrer auch im Kleinen effektiv genutzten musikalischen Substanz, noch aus vorgezeigter Inhaltsschwere. Allein ihre Rezeptionsgeschichte macht sie so radikal wie einzigartig in ihrer bedrückenden Wirkung. 1938 komponiert, erlebte „Brundibár" seine wichtigsten Aufführungen nicht in einem irgendwie normal zu nennenden Spielbetrieb, in einem Theater. Nein, im Konzentrationslager. Und gerade das, was dort noch eine Spur Lebensfreude versprühte, wurde zum Verhängnis. Denn Goebbels ließ den Schlusschor als Beweis der Harmlosigkeit des KZ-Ghettos Theresienstadt singen und täuschte damit nicht nur eine internationale Delegation des Roten Kreuzes, sondern hielt das Ganze als Propagandaschinken auch noch auf Zelluloid fest.
Genau dieses Band beendet jetzt jäh und kompromisslos die Leipziger „Brundibár"-Aufführung des GewandhausKinderchores. Auf einer großen Leinwand, die eben noch zur Spielwiese zu taugen schien, erscheint ein Zeugnis perversester Unmenschlichkeit und dreht einem den Magen um und den Hals zu. Regisseur Philipp J. Neumann kennt keine Gnade. So harmlos die Geschichte vom bösen Leierkastenmann daher kommt, so ungeheuer potenziert entfaltet sie hier ihre Durchschlagskraft. Denn Neumann inszeniert sie als das, was sie nun mal ist. Eine Kinderoper im KZ. Da bleiben weder Musiker noch Dirigent außen vor. Alle tragen sie den Davidstern, alle warten auf das finale Unheil und singen und spielen nur zur kurzzeitigen Ablenkung Beschwingtes von Dvorák, Martinu und eben jenen „Brundibár". Viel bedrückender kann man es eigentlich gar nicht in Szene setzen. Und zum Schluss wird glasklar, dass die eben erwähnte Leinwand bereits die ganze Zeit ein einziges riesiges Leichentuch darstellte.
Neumann ist schon immer ein Spezialist für raumgreifende Doppeldeutigkeiten gewesen. Doppeldeutigkeiten, die nicht nur in Film und Schauspiel, sondern gerade im Musiktheater erstaunlich präzise funktionieren. So langsam drängt sich gerade nach diesem denkwürdigen Abend die Frage auf, warum sich Opernchef Henri Maier von gegenüber nicht langsam mal die Telefonnummer vom Leipziger Allroundtalent besorgt. Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Dieser Mann mit der Mütze hat eine Chance verdient!
Ganz abgesehen davon, liegt die eigentliche Großtat dieser Sonntagspremiere natürlich beim GewandhausKinderchor im Allgemeinen und dessen Leiter Frank-Steffen Elster im Speziellen. Dass er es bei aller historischen Schwere geschafft hat, eine musikalisch hochwertige und seelenerfüllte Arbeit abzuliefern, grenzt an ein Wunder. In dieser Form ist jener Chor nach wie vor eine Perle der Leipziger Kulturlandschaft. Homogen, intonationssicher und genau auf der einen Seite; sinnlich, erfrischend und berührend auf der anderen. Dass dahinter Schwerstarbeit stecken muss, kann man bei aller Natürlichkeit lediglich erahnen. Insofern verwischen sich nicht nur die Altersunterschiede zwischen den hier zupackend agierenden Gewandhausmusikern und den Nachwuchsstimmen.
Das alles beklatscht das Publikum im gut besuchten großen Saal begeistert, teilweise stehend. Wo trotz niedrigen Durchschnitts an Jahren bemerkenswerte Disziplin herrscht und die Momente des stillen Wartens zu gnadenloser Nachhaltigkeit führen: riskantes Projekt mit optimalem Erfolg.
(Friedrich Pohl, LVZ vom 07. Juni 2005)

