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Das Interview in Nr. 61 mit Armin Mueller-Stahl


»ICH WÜRDE IHN BITTEN: STIRB NICHT MIT 38 JAHREN!«

Eine halbe Autostunde von seinem Wohnort an der Ostsee entfernt eine Hotelhalle in Lübeck. Er betritt sie und bleibt mitten im Raum stehen. Er kennt denjenigen, der ihn um ein Interview gebeten hat, nicht. Der aber, obwohl er mit dem Rücken zum Eingang sitzt, spürt: Jetzt ist Armin Mueller-Stahl hereingekommen. Und springt auf. Es folgen spannende eineinhalb Stunden, in denen der große Schauspieler vor allem über Musik redet. Und dazu gehört selbstverständlich auch die Musik Mendelssohns.

Herr Mueller-Stahl, in »Unterwegs nach Hause« erzählen Sie von einem Eichentisch mit sechs Stühlen, den Sie kaufen wollen. Wie ein roter Faden zieht sich durch Ihr Buch dann das Nachdenken, welche Freunde noch zu finden wären, die Sie an diesen Tisch bitten könnten. In übertragenem Sinne: Mit welchen Komponisten würden Sie gern an diesem Tisch sitzen?
Armin Mueller-Stahl: Mit Mahler würde ich mich gern hinsetzen, auch mit Brahms. Seine vier Sinfonien sind mir so vertraut, dass ich sie vor 50 Jahren, als ich mich noch intensiver mit Musik beschäftigte, hätte dirigieren können. Aber ich würde ihn vor allem zur Rede stellen wollen, warum er die Musik des jungen Hans Rott so brutal abgelehnt hat.
Mendelssohn müsste mit an diesem Tisch sitzen. Sein Violinkonzert habe ich studiert ...

... und wie oft aufgeführt?
Mueller-Stahl: Nur einmal öffentlich, und zwar mit Klavierbegleitung. Genau in der Zeit, in der ich gern häufiger mit diesem Konzert aufgetreten wäre, kam die Schauspielerei dazwischen.
In Erinnerung ist mir auch noch das Streichquartett f-Moll, das er auf Fannys Tod komponiert hat. Es ist ein sehr schwerblütiges, gar nicht typisch Mendelssohnsches Stück. Ich bilde mir ein, es sogar selbst mit unserem Quartett gespielt zu haben.

Sie haben in einem Streichquartett gespielt?
Mueller-Stahl: Während des Musikstudiums habe ich mit Kommilitonen Quartett gespielt, mit großer Begeisterung. Aber das liegt, wie gesagt, über 50 Jahre zurück. Ich bin heute nur noch ein Hörender - mit einem besseren Ohr allerdings als damals. Insofern, als dass ich gewisse Dinge heute anders höre und oft auch anders aufgeführt haben möchte. Im Laufe meines langen Lebens in der Kunst habe ich begriffen, wie wichtig die Pausen sind und wie wichtig die Stille ist. Musik lebt in erster Linie aus den Emotionen und aus der Stille. Ich erinnere mich, wie ich nach dem Krieg 1945 in den Ruinen der Stadt Prenzlau stand und nichts hörte. Dieses Nichts bedeutete Frieden - keine Panzer, keine Flugzeuge, keine Schüsse, kein Grummeln in der Ferne. Es war das erste Mal nach dem Krieg Stille. Später hörte ich die wirklichen Geräusche des Friedens, hörte Musik: Joseph Keilberth im Osten, Sergiu Celibidache im Westen, David Oistrach im Osten, Yehudi Menuhin im Westen. Ich habe heute noch vor Augen, wie Menuhin eine Chaconne von Bach spielte. Mittendrin unterbrach er, holte einen Brief hervor von einer Jüdin, die Auschwitz überlebt hatte und dem deutschen Volk die Hand zur Versöhnung reichte, las ihn vor und spielte weiter. Das Publikum war zu Tränen bewegt. Plötzlich hatte die Chaconne eine andere Bedeutung. Ich dachte, ›das ist die Kraft des Guten. Die setzt sich jetzt durch in der Welt.‹ Die Chaconne war eine Brücke vom Bösen zum Guten geworden. Das kann Musik. Sie kann sogar eine Brücke sein, die über den Tellerrand des Lebens hinausreicht.
Doch noch einmal zu Mendelssohn: Im Laufe meiner intensiven Beschäftigung mit der Malerei habe ich festgestellt, dass die Komponisten oft aussehen wie ihre Musik. Dieses feingliedrige Gesicht Mendelssohns passt zu seiner Musik, wenn ich etwa an den »Elfenmarsch« im »Sommernachtstraum« denke oder an den dritten Satz seines Violinkonzerts. Darin steckt auch etwas von elfischer Musik. Auch bei Carl Maria von Weber gibt es diese elfische Musik. Denken Sie nur an »Oberon«. Mendelssohn war zwölf, als er Weber persönlich kennenlernte. Auffallend, wie ähnlich sich die beiden sehen! Wie anders dagegen sieht Brahms aus. In seinem Gesicht findet sich dieses Düstere, Schwerblütige, Romantische. Bei vielen Komponisten kann ich am Gesicht ablesen, was für Musik von ihnen kommt. Ich habe, während ich sie zeichnete, immer ihre Musik gehört. Dabei hat sich mir die Übereinstimmung zwischen den Gesichtern und der Musik oftmals bestätigt.

Was haben Sie gehört, als Sie Mendelssohn malten?
Mueller-Stahl: Die »Schottische« und die »Italienische« Sinfonie, die eine in Moll, die andere in Dur. Aber ich habe stets auch seine großartige Orchestermusik zu Shakespeares »Sommernachtstraum« im Ohr. Etliche Male habe ich den Zettel, den Oberon und den Lysander gespielt, leider nie den Puck. Kennen Sie den Zeichner Max Schwimmer?

Ja. Er ist in Leipzig geboren.
Mueller-Stahl: Er hat damals wunderbar filigrane Bühnenbilder für die »Sommernachtstraum«-Inszenierung von Fritz Wisten gezeichnet. Die passten so gut zu Mendelssohns Musik, weil Schwimmers Figuren auch alle pralltrillerig, voll von Leichtigkeit sind. Da besteht eine große Ähnlichkeit zwischen den beiden.

Haben Sie auch Bach, Mozart und Beethoven gezeichnet?
Mueller-Stahl: Beethoven habe ich gemalt, als ich noch Student war. Das Bild hat mein Geigenprofessor Hans Mahlke bekommen. Auch hier: Beethovens Musik ist an seinem Gesicht ablesbar. Ich habe auch Mozart gezeichnet. In seinem Gesicht sind die Heiterkeit und die Tragik beide vorhanden. Beim Zeichnen kam mir häufig der Satz von Tolstoi in den Sinn: Die Menschen sind so, wie sie aussehen. Man könnte es weiterführen: Sie produzieren auch so, wie sie aussehen. Das stimmt nicht immer, da kann man sich auch sehr irren. Aber vom Gesicht her konnte Mendelssohn gar nicht geschrieben haben wie Beethoven.

Sieht man dem Gesicht von Mendelssohn an, dass er sich manches Mal gequält hat mit seinen Kompositionen und sie nach ersten Aufführungen oftmals noch korrigiert hat?
Mueller-Stahl: Das hat Brahms genauso getan. Die Komponisten dieser Zeit haben alle korrigiert, und das gibt es bis zum heutigen Tage. Das Unzufriedensein ist sozusagen eine Kreativität. Wir erleben immer wieder, dass wir toll finden, was wir gerade produziert haben. Dann sehen wir es am nächsten Tag wieder und sagen: Um Gottes willen! Das ist ein normaler kreativer Vorgang. Andererseits konnten sich zum Beispiel Bach und Haydn das ständige Korrigieren gar nicht leisten. Die Musik musste am Sonntag fertig sein, und danach blieb keine Zeit für Korrekturen, weil schon das Nächste wartete. Das war eine andere Zeit, in der man wohl auch spontaner damit umging. Was auch schön ist! Ich weiß nicht, ob das Korrigieren immer das beste Resultat hervorgebracht hat. Mir geht es beim Malen hin und wieder so, dass ich sage: Die erste Fassung war eigentlich besser. Manchmal ist das, was im kreativen Rausch entsteht, besser als das, was dann noch mehrmals überzeichnet wird. Das ist bei der Schauspielerei anders. Man kann nicht korrigieren; was gedreht ist, ist gedreht. Man hat eine schwere Szene zu spielen, ist schon seit Tagen nervös, kommt zum Drehen, beginnt zu spielen - und plötzlich fängt man während des Spiels an zu fliegen. Ich nenne das »Flugmomente«. Ich bin dann wirklich die Figur, die ich sein soll, bin stärker als der Text, stärker als meine Partner, stärker als die Kamera - weil ich glaubwürdig bin. Das ist ohnehin das oberste Gebot: Glaubwürdig sein!

Haben Sie solche »Flugmomente« auch als Geiger erlebt?
Mueller-Stahl: Ja. Ich erinnere mich an den Tag, als ich das A-Dur-Violinkonzert von Mozart so beherrschte, dass ich mich ins Bett legen und sagen konnte: Jetzt kann man mich jederzeit wecken, ich kann es aus dem Stand heraus spielen. Ich stehe darüber. Und das A-Dur-Konzert ist nicht leicht! Auch das D-Dur-Konzert nicht, das ich verschiedene Male öffentlich gespielt habe. Heute würde ich es geistig viel besser spielen als früher. Nur kann ich es technisch nicht mehr, weil ich seit 50 Jahren nicht mehr geübt habe.

Obwohl Sie, wo auch immer Sie hingereist sind, stets Ihre Geige dabei hatten?
Mueller-Stahl: Ich habe immer nur improvisiert und tue das heute nach wie vor. Das ist ein heilender Vorgang für die Seele. Manchmal finde ich eine schöne Melodie, die ich am liebsten aufschreiben möchte. Doch am nächsten Tag ist sie weg.

Noch einmal zu der Eingangsfrage: Mittlerweile haben Sie Mahler, Brahms und Mendelssohn an Ihren Eichentisch mit den sechs Stühlen geholt. Wer fehlt noch?
Mueller-Stahl: Es gibt auch wunderbare Filmkomponisten. Neulich hörte ich im Autoradio einen grandiosen Chorgesang von Karl Jenkins. Da habe ich angehalten, um das zu Ende zu hören. Filmmusik kann ungeheuer emotional sein, und sie kann das Ohr von heute bedienen. Natürlich ist es richtig, dass wir nach wie vor Mozart hören, obwohl er schon lange tot ist. Es ist richtig, dass Shakespeares »Hamlet« nach wie vor gespielt wird, denn es gibt nichts Besseres als ihn. Aber unsere Gefühle dürfen auch mal diesseitig sein. Da holen wir mehr aus den Filmmusiken als aus der zeitgenössischen Musik, die immer unique zu sein versucht. Umwerfend schön ist zum Beispiel die Filmmusik zu »Der Boxer«. Aber ich müsste noch gründlicher überlegen, welchen Filmkomponisten ich mit an meinen Tisch holen würde.

Was ist mit Bach?
Mueller-Stahl: Er gehört sowieso mit dorthin. Ihn würde ich als Ersten an meinen Tisch setzen wollen.

Seine Musik spielt in Ihrer Erzählung »Hannah« eine große Rolle. Dort ist sie jedoch keine Brücke vom Bösen zum Guten, oder?
Mueller-Stahl: Das ist etwas anderes. Da stellt Hannah als junges Mädchen eine Frage, die ich mir auch als Kind gestellt habe: Was ist Unendlichkeit? Keiner kann ihr diese Frage beantworten, weil sie nicht zu beantworten ist. Bis sie bei Bach auf einmal erkennt: ›Er erklärt mir die Unendlichkeit; bei ihm gibt es keine Grenze zwischen Leben und Tod.‹ - Viele meiner Freunde sind schon gestorben. Wenn ich Bachs Matthäus-Passion höre, habe ich das Gefühl, sie sind noch da. Solche Kraft hat seine Musik.

Neulich ging die Meldung durch die Fachpresse, Bachs Solowerke für Cello wie eventuell auch die für Geige stammten vermutlich nicht von ihm selbst, sondern von seiner Frau Anna Magdalena. Würde das Ihr Bach-Bild verändern?
Mueller-Stahl: Überhaupt nicht. Sollten sie wirklich von ihr stammen, werden sie dennoch auf irgendeine Weise von ihm beeinflusst sein. Bachs Gesamtwerk bleibt davon letztlich unberührt. Vergleiche ich etwa das a-Moll-Violinkonzert von Vivaldi mit dem in derselben Tonart von Bach, so muss ich sagen: Das Vivaldi-Konzert langweilt mich. Ich habe es viele Male gespielt und spiele es noch heute, weil es nicht so schwer ist. Trotzdem finde ich nichts Schönes, nichts, das mich berührt. Im Gegensatz zu dem Bach-Konzert. Es gibt Musik, die öffnet die Seele. Und es gibt Musik, für die man eine offene Seele mitbringen muss. Bachs Musik gehört zur ersten Kategorie.

Drei Jahre nach Ihrer Erzählung »Hannah« ist das Buch »Lea« von Pascal Mercier alias Peter Bieri erschienen. Haben Sie es gelesen?
Mueller-Stahl: Nein. Die »Hannah«-Geschichte lag ungefähr 20 Jahre schon in meiner Schublade. Wolf Jobst Siedler - der Verleger von »Verordneter Sonntag«, meinem ersten Buch - überzeugte mich, einen Familienroman zu schreiben. Dafür verfasste ich allerhand Episoden und sammelte sie in meiner Schublade. Ich hätte mich jedoch, um den Roman zu schreiben, acht Jahre hinsetzen und intensiv daran arbeiten müssen. Die Zeit hatte ich nicht. So blieb alles liegen. Als meine Erinnerungen vor mehr als zehn Jahren erschienen, erfuhren sie eine große Resonanz und ich wurde nach weiteren Texten gefragt. Da habe ich gesagt: Ich schreibe keinen Roman mehr, mache höchstens noch Geschichten aus den Fragmenten, die damals liegengeblieben sind. So kam es erst zu »Hannah« und dann zu den weiteren Erzählungen, die vor zwei Jahren unter dem Titel »Kettenkarussell« erschienen sind. Aber ein bisschen traurig bin ich schon, dass ich die Zeit nicht mehr habe und dass ich überhaupt zu spät zum Schreiben gekommen bin.

Bedauern Sie manchmal auch, nicht die Laufbahn eines Profimusikers eingeschlagen zu haben?
Mueller-Stahl: Nein. Ich habe einen großen Ehrgeiz in mir. Was ich mache, möchte ich so gut wie irgend möglich machen. Ich wollte nicht Geiger, sondern Dirigent werden. Und ich hoffe, ich hätte als solcher den gleichen Level erreicht wie als Schauspieler. Aber ich bereue nichts. Ich darf sehr dankbar sein für das Leben, das ich geführt habe. Wenn ich zurückblicke, so würde ich mein Leben gern anders eingeteilt haben. Die 25 Jahre, die ich Theater gespielt habe, würde ich auf fünf Jahre reduzieren und in den verbleibenden 20 Jahren die Musik und die Malerei in den Vordergrund stellen. Komponieren, Dirigieren und Malen hängen für mich sehr eng zusammen. Da bestehen bei mir sogar Synästhesien: Ich verbinde Farben mit Tönen und Töne mit Farben. Vokale haben für mich Farben, Namen haben für mich Farben, Musik hat für mich Farben.
Ob das Leben besser geworden wäre, hätte ich es anders organisiert, kann ich nicht sagen. Aber mein Ohr sagt mir bis zum heutigen Tage, wo ich mir eine längere Pause oder generell andere Tempi wünsche und wo ich andere Klangvorstellungen habe.

Würde es Sie reizen, einmal ein Orchester zu dirigieren?
Mueller-Stahl: Es gibt mehrere Orchester, die es mir angeboten haben, darunter sogar ein erstes Berliner Orchester. Aber was wollen sie? Sie wollen, dass ich dirigiere wie Loriot oder wie Peter Ustinov; sie wollen mich als Gag haben. Ich habe ihnen gesagt, wenn ich käme, dann würde ich mit ihnen richtig arbeiten wollen. Ich weiß, wie ich Musiker behandeln muss. Ich würde ihnen ganz kurz meine Vorstellungen kundtun und sie bitten, darauf einzugehen.
Ich würde gern einmal dirigieren, aber in zwei Jahren bin ich 80 - Zeit ist running out, Zukunft wird knapp.

Ist das musikalisch-literarische Programm, mit dem Sie jetzt herumreisen, gleichsam ein Ersatz?
Mueller-Stahl: Das tue ich nur für eine junge Geigerin, Sarah Spitzer. Sie spielt wunderbar, aber schafft den letzten Sprung zu einer fähigen Agentur nicht. Warum? Weil sie beim Spielen keine Show abzieht. Deswegen fällt sie nicht auf. Wenn ich heute das Violinkonzert von Brahms höre, ob mit Viviane Hagner, die ich sehr mag, mit Hilary Hahn oder mit dieser oder jener - es ist letzten Endes beinah austauschbar. Das ist das Problem: All die Geigerinnen fallen nicht mehr durch die Interpretation eines klassischen Werkes auf, sondern nur noch, wenn sie ein für sie geschriebenes Werk uraufführen oder wenn sie irgendetwas finden, was sie auszeichnet. Zurzeit schwärmen die Leute von einer russischen Geigerin, die immer barfuß auftritt ... Ich schwärme eben von Sarah Spitzer. Ich mag ihr Vibrato, es ist kurz und knapp, ihr Glissando, ihre Bogenführung. Spielt sie beispielsweise die Filmmusik aus »Schindlers Liste«, spielt sie das vom Ton her schöner als Itzhak Perlman.
Ich lese immer nur kurz und lasse sie viel spielen. Ihr Begleiter am Klavier, Mike Jin, ist ebenso fabelhaft. Es würde mich freuen, wenn meine Unterstützung den beiden hilft.

Sie sind in Berlin am Sternschen Konservatorium ausgebildet worden. Dort hat lange vor Ihnen auch Bruno Walter studiert. Er war in Leipzig Gewandhauskapellmeister; Sie haben in Leipzig sehr oft Ihre Mutter besucht, die lange Zeit dort gelebt hat. Im »Dritten Reich« musste Walter emigrieren, er ging nach Amerika; Sie wurden aus der DDR gedrängt und landeten ebenfalls in Amerika. Sind Sie ihm jemals begegnet?
Mueller-Stahl: Ja, tatsächlich. Er kam nach Berlin, um im Titania-Palast die Berliner Philharmoniker zu dirigieren. Einen Tag war er bei uns im Konservatorium. Ich spielte ihm den ersten Satz der César-Franck-Sonate vor. »Gewöhn dir mal an«, sagte er, »nicht immer den ganzen Bogen zu nehmen. Benutze auch mal nur das erste Drittel, so dass die Töne nur noch gehaucht sind.« Diese Vereinfachung hat auf mich großen Eindruck gemacht. Ich dachte, ich bin erst dann ein guter Geiger, wenn die Haare wie beim »Teufelsgeiger« Paganini fliegen. Da kommt dieser Mann und sagt: »ganz ruhig ...« Das habe ich tief verinnerlicht. Paul Dessau war mit der Betonung der Kraft das Gegenstück.

Sie haben Dessau die F-Dur-Romanze von Beethoven vorgespielt, und darauf sagte er: »Mozart ist ein Gott, Beethoven ein Arsch.« Was haben Sie erwidert?
Mueller-Stahl: Ich habe ihn bewundert, und er hatte als Lehrer großen Einfluss auf mich. In der Schauspielschule hat er sogar einen Text von mir vertont. Es ist ein Improvisierstück, das in fünf Strophen von einer Kuh handelt, die sich am Ende selbst austrinkt. Die letzte Strophe lautet: »Es war mal eine blaue Kuh, / Die hat sich ausgetrunken. / Da war sie weg, da war sie aus, / So groß nur noch wie eine Laus, / Danach nur noch ein blauer Fleck, / Der lachte noch, dann war er weg.« Wenn ich das sprach, wurde es zum Ende hin immer leiser, und so stellte ich mir auch die Musik dazu vor. Bei Dessau dagegen wurde es lauter: Der Fleck schrie wie verrückt zum Schluss. Das fand ich nicht gut, traute mich aber nicht, es ihm zu sagen. - Ich habe darüber nachgedacht, wie er dazu kommt, Beethoven als einen Arsch zu bezeichnen. Ist vielleicht, dachte ich als junger Mensch, etwas Wahres daran? Heute würde ich ihm sagen: »Ein solches Urteil steht dir nicht zu.« Aber damals? Ich war ein Spätentwickler. Ich brauchte Zeit, um zu wissen, wohin ich will. Die Künste waren es, das wusste ich. Aber welche? Ich wollte David Oistrach sein, wollte Sergiu Celibidache sein, wollte aber auch Horst Kaspar sein. Gerade in dem Moment, als ich zurück zur Musik wollte, hatte ich als Schauspieler einen Riesenerfolg mit der Charakterrolle des Spitta in Hauptmanns »Die Ratten«. Das korrumpiert. Erfolg macht Erfolg - bald kam der Film hinzu. So führte der Weg erst einmal weg von der Musik.

Um am Ende noch einmal die Eingangsfrage zu variieren: Wenn Sie an Ihrem Eichentisch zusammen mit Mendelssohn säßen und ihm persönlich zu seinem 200. Geburtstag gratulieren könnten, was würden Sie ihm sagen?
Mueller-Stahl: Ich würde ihm herzlich gratulieren und ihm sagen, dass er mit seiner Geburt ein großes Geschenk für die Menschheit ist. Ich würde ihn bitten: »Stirb nicht mit 38 Jahren! Du könntest noch eine Menge Musik schreiben.« Manchmal frage ich mich allerdings: Schubert ist 31 Jahre alt geworden, Mozart knapp 36 Jahre, Mendelssohn 38, Schumann 46 (mein Vater war auch 46, als er von Deutschen erschossen wurde) - vielleicht haben alle diese großartigen Komponisten dennoch ihr entscheidendes Werk abgeliefert? Das soll keinesfalls den Tod in so jungen Jahren rechtfertigen! Der Tod hat sich da sehr brutal eingemischt in Leben, die wir gern länger bei uns gehabt hätten.
Wenn ich mich nicht irre, habe ich Mendelssohns e-Moll-Violinkonzert zum ersten Mal mit der amerikanischen Geigerin Patricia Travers gehört. Das war nach dem Krieg. Berlin war die Stadt des Aufbruchs, des geistigen Frühlings. Mit hinein in diesen Frühling gehörte die Musik mit ihrer Kraft des Guten, die ich eingangs beschrieben habe. Und dazu gehörte selbstverständlich auch die Musik Mendelssohns.

Interview: Claudius Böhm

 

 
 

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