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»OHNE EINE GEWISSE BESESSENHEIT WÜRDE ES NICHT GEHEN«
Mitten in die Jubiläumssaison »200 Jahre Gewandhaus-Quartett« hinein - das Gewandhausorchester befand sich gerade auf Europatournee - platzte die Meldung: Frank-Michael Erben, Erster Konzertmeister des Gewandhausorchesters und Primarius des Gewandhaus-Quartetts, wird Chefdirigent des Westsächsischen Symphonieorchesters.
Wir baten den vielbeschäftigten Musiker, uns Rede und Antwort zu stehen, und wählten als Einstieg ganz bewusst ein historisches Datum.
Herr Erben, was haben Sie am 9. Oktober 1989 gemacht?
Frank-Michael Erben: Ich war mit meiner Frau bei der Demonstration. Wir sind schon bei den zwei vorangegangenen Montagsdemonstrationen dabei gewesen, aber diese war die aufregendste. Als wir zu Hause losgingen, stieg gerade unser Nachbar in sein Auto. Er hatte die Uniform der Kampfgruppen an und fragte: »Wo wollen Sie denn hin?« Ich sagte: »Wir gehen zur Demo. Und wohin wollen Sie?« »Ich muss das Polizeigebäude in der Dimitroffstraße schützen.« Ich dachte, von diesem Polizeirevier will doch niemand was, die Leute haben ganz anderes im Sinn. Während der Demonstration löste sich dann so langsam die Spannung. Gemeinsam mit der Menge »Wir sind das Volk!« zu rufen, half, die eigene Angst vor dem befürchteten Militäreinsatz zu bewältigen. Und zum Glück kam es zu keinem solchen.
Damals waren Sie 24 und seit zwei Jahren Erster Konzertmeister des Gewandhausorchesters. In welchem Zustand befand es sich?
Erben: In einem sehr guten. Es hatte ein Verjüngungsprozess insbesondere an den vorderen Positionen begonnen. Mit mir war Christian Ockert als Solokontrabassist, im Jahr darauf Peter Gerlach als Erster Konzertmeister der zweiten Violinen und Michael Sanderling als Erster Solocellist gekommen. Auch bei den Bläsern vollzog sich ein Generationswechsel. Künstlerisch trug das Orchester die interpretatorische Handschrift Kurt Masurs. Und was das Menschliche betrifft, so war im Orchester der Umgang miteinander von Wärme und hoher Kollegialität geprägt. Ich konnte dadurch wesentlich schneller in meine Aufgabe hineinwachsen, als dies vielleicht heute der Fall wäre.
Welche Aufgabe hat ein Erster Konzertmeister?
Erben: Er führt die Gruppe der ersten Violinen an, bisweilen auch das gesamte Orchester. Wenn das Schiff in stürmische See gerät, muss er die Klippen umschiffen helfen. Und zwar mit seiner ganzen Körpersprache, mit prägnanten Einsätzen, an denen sich die Kollegen orientieren können, die weiter entfernt sitzen und nicht allein dem Gehör vertrauen dürfen. Das ist besonders bei komplizierten rhythmischen Strukturen wichtig, wie es sie etwa in Orchesterwerken von Gustav Mahler oder Richard Strauss gibt. Geht es dort ins Fortefortissimo, müssen die hinten sitzenden Musiker mitunter ganz auf »Sichtflug« umschalten.
Des Weiteren hat der Konzertmeister die Einrichtung der Noten mit den Bogen- und Artikulationsbezeichnungen vorzunehmen. Er kann für seine eigene Stimmgruppe Registerproben ansetzen, und in den Orchesterproben assistiert er dem Dirigenten in Fragen der technischen Umsetzung seiner spezifischen Interpretationsabsicht. Will der Dirigent zum Beispiel etwas pointiert haben, muss ich innerhalb einer Sekunde entscheiden, an welcher Bogenstelle wir das am besten spielen. Oder will er eine Phrase weich und lyrisch haben, gebe ich den Kollegen die entsprechende Bogenführung vor.
Der Konzertmeister hat aber auch eine Art Vermittlerfunktion, wenn Schwierigkeiten innerhalb des Orchesters oder zwischen Dirigent und Orchester auftreten. Ich habe schon Situationen erlebt, in denen der Dirigent kurz davor stand, wieder abzureisen. Da gilt es, mit Fingerspitzengefühl zu moderieren und im Sinne unserer Aufgabe die Wogen zu glätten.
Noch vor 200 Jahren hatte der Konzertmeister eine höhere Kompetenz als heute: Er leitete mit der Geige in der Hand die Aufführung aller Instrumentalmusik. Bald jedoch musste er die Führerschaft ganz dem Musikdirektor überlassen. Bedauern Sie das manchmal?
Erben: Ich habe mir öfter schon vorzustellen versucht, wie es abgelaufen ist, als im Gewandhaus 1825/26 der erste sinfonische Beethoven-Zyklus gespielt wurde. Es erscheint mir nahezu unglaublich, dass bei diesen schon sehr komplexen Werken der Konzertmeister vom ersten Pult aus geführt hat. Gut, damals gehörten dem Orchester nicht einmal 40 Musiker an. Und die waren vermutlich so vertraut miteinander, dass sie flexibel musizieren konnten. Trotzdem kann ich es mir schwer vorstellen und würde gern eine Zeitreise unternehmen, um das einmal mitzuerleben.
Später wurde die Instrumentation immer umfangreicher und anspruchsvoller. Das machte einen Dirigenten notwendig. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an die Italienreise des Gewandhausorchesters 2004: In Turin erkrankte Herbert Blomstedt akut, und ich wurde gefragt, ob ich Dvořáks Sinfonie »Aus der neuen Welt« vom ersten Pult aus leiten könnte. Doch das geht nicht: Das Stück beginnt mit den tiefen Streichern, gefolgt von einem Bläserakkord, während die Geigen zig Takte Pause haben.
Haben Sie kurz damit geliebäugelt, es dennoch vom ersten Pult aus zu leiten?
Erben: Nein, ich habe gesagt, ich würde es dirigieren. Mir wurden die Partitur und der Taktstock in mein Hotelzimmer gebracht, während das Publikum bereits in den Saal strömte. Das Konzert war ausverkauft, und der Veranstalter musste entscheiden: Entweder lässt er zu, dass der Erste Konzertmeister den Dirigenten vertritt, oder er schickt das Publikum wieder nach Hause mit dem Versprechen, das Konzert nachzuholen. Er hat sich für Letzteres entschieden, worüber ich nicht unglücklich war.
Wann haben Sie zum ersten Mal ein Orchester dirigiert?
Erben: Ein halbes Jahr davor. Das verdanke ich einer kuriosen Situation: Der Leipziger Opernball sollte vom Gewandhausorchester eröffnet werden, und zwar mit Händels »Feuerwerksmusik«. Eine Woche zuvor stellte sich heraus, dass die Operndirektion vergessen hatte, einen Dirigenten zu verpflichten. Da hieß es: »Herr Erben, das können Sie doch vom ersten Pult aus leiten.« Es kam aber erschwerend hinzu: Wir sollten hinten auf der Bühne sitzen und vor uns das Ballett nach einer eigens für dieses Stück entworfenen Choreographie von Uwe Scholz tanzen. Das heißt, es waren Einsätze zu geben nach hinten für das Orchester und nach vorn für die Tänzer. Da habe ich gesagt, »entweder ich dirigiere, oder wir lassen es bleiben«. »Dann bitte dirigieren Sie«, hieß es. Ich bekam die Partitur, ging in ein Musikaliengeschäft, kaufte mir für ein paar Euro einen Taktstock und bereitete mich vor. Wir hatten drei Proben, dann fand das statt, und es machte mir große Freude.
Später habe ich mehrmals das Akademische Orchester Halle dirigiert, mit ihm Beethovens siebente Sinfonie, Brahms' zweite und anderes mehr aufgeführt.
Dadurch ist das Westsächsische Symphonieorchester auf Sie aufmerksam geworden?
Erben: Ja und nein. Wir kennen uns schon seit 25 Jahren. In meiner Studienzeit habe ich das erste Mal als Solist mit dem WSO gespielt. Daraufhin gab es regelmäßig Wiedereinladungen. Als man hörte, dass ich dirigiere, wurde ich gefragt, ob ich zwei Konzerte zum Reformationstag 2007 übernehmen würde. Das habe ich zugesagt. Wir haben im Wurzener Dom und in Geithain Mendelssohns »Hebriden«-Ouvertüre, seine »Reformationssinfonie« und die Uraufführung eines modernen Stückes für Orgel und Orchester gespielt. Danach wurde ich gefragt, ob ich auch ein Programm mit Operettenausschnitten übernehmen würde. Auch das habe ich zugesagt und im Januar dieses Jahres vier Konzerte dirigiert. Zur gleichen Zeit suchte das Orchester einen neuen Chefdirigenten. Es gab über 200 Bewerber. Obwohl ich mich gar nicht beworben hatte, wurde ich gefragt, ob ich auch zur Verfügung stünde. Nach den vier Konzerten stimmten 90 Prozent der Musiker für mich.
Wie hat Ihr Arbeitgeber, das Gewandhaus, darauf reagiert?
Erben: Als die Nachricht per Anruf kam, setzte ich mich erst einmal hin, und tausend Sachen gingen mir durch den Kopf, was das für mein Leben bedeutete. Dann sprach ich mit zwei engen Freunden und bin kurz darauf spontan ins Gewandhaus gefahren, um dem Gewandhausdirektor davon zu erzählen. Ich versicherte ihm, dass ich kein neues Arbeitsverhältnis antreten werde, sondern mein Hauptplatz uneingeschränkt im Gewandhausorchester und im Gewandhaus-Quartett bleiben wird.
Das heißt, ich werde beim WSO nebenberuflich tätig sein, und die Arbeit im Gewandhausorchester wird jederzeit Vorrang haben. Das klingt sehr hart, aber es muss so klar definiert sein, damit alle Seiten wissen, woran sie sind. Sollte ich beispielsweise in Leipzig einmal einspringen müssen für einen Kollegen in einer Woche, die ich eigentlich frei hätte, muss das WSO einen Vertreter für mich finden. Das ist vereinbart.
Sie übernehmen ein Orchester, das in den letzten Jahren häufigere Chefdirigentenwechsel hatte und weit unter Tarif entlohnt wird. Wie gehen Sie damit um?
Erben: Es ist mir bewusst, dass ich neben der künstlerischen Verantwortung auch eine administrative eingehe. Seit fast zehn Jahren verzichten die Kollegen auf 25 Prozent ihres tariflichen Gehalts, um die Stellen zu sichern, wobei nicht einmal alle 40 Stellen besetzt sind. Ihr Entgelt liegt damit noch unter dem Einstiegsgehalt eines Grundschullehrers. Das ist vollkommen inakzeptabel. Ein Musiker hat bei Berufsantritt eine rund 20-jährige Ausbildung hinter sich, die ihm schon etliches an Kraft und Verzicht abverlangt hat. Deshalb sehe ich es als eine der vordringlichen Aufgaben, zu erreichen, dass die Kollegen wieder ihr volles tarifliches Gehalt bekommen. Das Orchester arbeitet hart. In der Region, in der es seine Aufgaben wahrnimmt, leben etwa 500 000 Menschen. Das sind so viele wie in Leipzig. Für sie bietet das WSO über 120 Konzerte im Jahr an. Diese Leistung muss endlich angemessen honoriert werden.
Von den 120 Konzerten dirigieren Sie wie viele?
Erben: Die Anrechtskonzerte im Stadtkulturhaus Borna und im Markkleeberger Lindensaal sowie Tournee- und Sonderkonzerte. Alle anderen werden mit Gastdirigenten bestritten. Aber ich habe mitzuentscheiden, welche Dirigenten und Solisten eingeladen werden.
Sie gehören einem Spitzenorchester an und haben im Gewandhaus Dirigenten und Solisten der Weltklasse um sich. Daneben leiten Sie jetzt ein Orchester, das anders positioniert ist. Wie bewältigen Sie den Spagat?
Erben: Indem ich die Menschen achte und respektiere. Es gibt so hervorragende Musiker im WSO, und ich sehe ein großes Potenzial in diesem Orchester. Sicher besteht auch in ihm der Wunsch weiterzukommen, zu wachsen und besser zu werden. Dazu kann ich vielleicht nicht nur als Dirigent und nicht nur mit meiner Erfahrung als Konzertmeister beitragen, sondern auch, indem ich erstklassige Solisten gewinne. So wird zum Beispiel im April nächsten Jahres der Cellist Alban Gerhardt bei uns gastieren. Eigentlich könnten wir ihn gar nicht bezahlen, aber er findet gut, was ich hier mache, und will das unterstützen. Gleiches gilt für Alfredo Perl, der im Juni Schumanns Klavierkonzert mit uns spielen wird. Mit solchen phantastischen Solisten musizieren zu können, spornt ungemein an. Ich habe das selbst immer so empfunden, wenn ich beispielsweise mit dem Gewandhaus-Quartett Gelegenheit hatte, mit Yo-Yo Ma, Sabine Meyer oder Menahem Pressler zu spielen. Das waren beglückende, motivierende Erlebnisse. Diesen Effekt verspreche ich mir auch für das WSO.
Sie sind Konzertmeister, Primarius, Lehrbeauftragter an der Musikhochschule, Chefdirigent. Kommen Sie überhaupt noch zum Schlafen?
Erben: Ohne eine gewisse Besessenheit würde es nicht gehen, weil man eben auch viele private Einschränkungen in Kauf nehmen muss. Aber ich habe einiges schon angepasst an diese neue Phase meines beruflichen Lebens. Beispielsweise ruht ab diesem Semester mein Lehrauftrag an der Hochschule. Ich unterrichte gern, möchte das jedoch nicht nur nebenbei tun, sondern auch für die Studenten da sein. Doch das ginge im Moment nicht in der Qualität und Quantität, wie ich es mir vorstelle. Solistische Auftritte muss ich auch anders dosieren und generell noch viel genauer planen, als es bisher ohnehin schon notwendig war.
Wie zufrieden sind Sie mit der Jubiläumssaison »200 Jahre Gewandhaus-Quartett«?
Erben: Ich bin froh, dass alles so gut funktioniert hat. Einziger Wermutstropfen ist die entgangene Uraufführung des Stückes für Streichquartett und Orchester von Johannes Maria Staud. Schade, dass es nicht rechtzeitig fertig geworden ist. Ich hätte es gern im Großen Saal gemeinsam mit unseren Kollegen und Riccardo Chailly präsentiert.
Den kompletten Beethoven-Zyklus wieder zu spielen, allerdings in einer anderen Zusammenstellung als bei unserem ersten Zyklus vor 13 Jahren, war mir sehr wichtig. Den Start der Jubiläumssaison unter anderem mit der Uraufführung des neuen Streichquartetts von Günter Neubert fand ich sehr gelungen. Schön war ebenfalls das Geburtstagskonzert für Mendelssohn, bei dem wir unsere Gesamteinspielung seiner Quartette präsentieren konnten.
Letztere werden bei den aktuellen Mendelssohn-Festtagen im Gewandhaus ausschließlich von Gastensembles gespielt. Warum?
Erben: Wir sind nicht eingeladen worden mitzuwirken.
Im Vergleich zu Ihrer preisgekrönten Einspielung aller Beethoven-Quartette schien der diesjährige Zyklus interpretatorisch um etliches rauer, gar ruppiger zu sein. Oder täuschte der Eindruck?
Erben: Nein. Man muss zwar unterscheiden zwischen einer Studioeinspielung und dem Live-Konzert. Bei der Aufnahme darf es keine Spielgeräusche geben, beim Konzert dagegen kann man hören und sehen, wie die Musik auch rein handwerklich entsteht und wie um sie auf der Bühne gerungen wird. Ich denke, unsere Hinwendung zum mehr Eruptiven beruht auf unserer über die Jahre gewachsenen Wahrnehmung, was Beethoven von seinen Zeitgenossen und seinen Vorgängern unterscheidet - nämlich sein unbändiger, alle Formen und Schranken aufbrechender Gestaltungswille. Es gibt zum Beispiel weder ein Haydn- noch ein Mozart-Quartett, in dem ein Crescendo innerhalb von anderthalb Takten vom Pianissimo zum Fortissimo führt. Bei Beethoven findet man dies schon in den frühen Werken op. 18. Oder keines, wo die klassische Sonatenform derart gesprengt wird, wie es in seinem cis-Moll-Quartett op. 131 geschieht: sieben ineinander übergehende Sätze, 40 Minuten hintereinanderweg Musik. Da wird man, je tiefer man in sein Gesamtwerk eindringt, nahezu zwangsläufig umso kompromissloser.
Sie sind seit 16 Jahren Primarius. Was wird später einmal über die Ära Erben gesagt werden, was sie dem Repertoire des Gewandhaus-Quartetts Neues hinzugefügt hat?
Erben: Ein Musikkritiker wird wohl sagen, das Quartett hat die Tradition weiter gepflegt, und ansonsten hätte man sich in regelmäßigeren Abständen Uraufführungen gewünscht. Dazu sage ich: Wir nehmen uns sehr viel Zeit, Werke zu prüfen, die uns zur Aufführung angeboten werden. Und wir werden dabei immer kritischer. Die Klangsprache heutiger Komponisten hat oft nicht mehr viel gemein mit unserer Tonsprache, und immer öfter werden unsere Instrumente gar nicht mehr als Streichinstrumente eingesetzt, sondern es soll mit ihnen geklopft, gekratzt, gefiept und sonstwas gemacht werden. Damit tun wir uns schwer, aber wir sind auch kein Spezialensemble allein für Uraufführungen. Dafür gibt es andere.
Welchem der acht Werke, die Ihr Quartett in den 16 Jahren uraufgeführt hat, trauen Sie am ehesten zu, noch öfter gespielt zu werden?
Erben: Die drei Quartette von Ermano Maggini haben Substanz, und die spielen wir regelmäßig. Sie hinterlassen beim Publikum oft einen großen Eindruck. Wir erleben immer wieder Leute, die sich von dieser Musik hochemotional berührt zeigen.
Ihre Quartettvereinigung trägt den Namen »Gewandhaus« in alle Welt. Was gilt der Prophet im eigenen Land?
Erben: Das ist ein wunder Punkt. Uns wird manchmal entgegengehalten, es sei doch ein großer Vorteil, mit diesem Namen agieren zu können. Dazu muss ich sagen: Man wird nur einmal eingeladen auf Grund des Namens. Dann zählt nur, wie wir spielen und auf welchem Level. Das allein entscheidet über weitere Einladungen.
Für unsere Leistung eine höhere Anerkennung »im eigenen Land« zu erfahren, bleibt ein offener Wunsch. Damit meine ich allerdings nicht das Publikum. Wir arbeiten mit derselben Intensität wie eine freiberufliche Quartettformation. Aber anders als diese müssen wir das neben unseren Orchesteraufgaben tun. Dabei denke ich nicht allein an die vier Arbeitsfelder Oper, Konzert, Kirche und Tourneen, sondern an solche Widrigkeiten wie Spielplanänderungen oder unterschiedliche Dienste für jeden von uns, so dass wir umso größere Schwierigkeiten haben, Proben- und Konzerttermine für das Quartett zu finden und dann auch einzuhalten. Das ist auf Dauer ermüdend. Das Gewandhaus hat ein Streichquartett von internationalem Ruf, das Angebote aus vielen Ländern bekommt, aber dessen Arbeitsbedingungen ein ungelöstes Spannungsfeld sind.
Hat die Ermüdung nicht zum Nachdenken geführt, wie es wäre, nur noch Quartett zu spielen?
Erben: Wir haben uns bisweilen eine ähnliche Konstruktion wie beim Smetana-Quartett in Prag gewünscht, das zwar zur Tschechischen Philharmonie gehörte, wo aber die Quartettmitglieder nicht mehr im Orchester mitspielten. Heute sehe ich das differenzierter. Zum einen habe ich großen Respekt vor allen, die als Freiberufler ausschließlich Quartett spielen, denn die Situation wird international von Jahr zu Jahr schwieriger. Die Zahl der Quartettformationen wird immer größer, während der Markt, auf den sie strömen, gleichzeitig immer weniger Möglichkeiten bietet. Zum anderen gehört es zur einzigartigen Geschichte des Gewandhaus-Quartetts, dass seine Mitglieder nicht nur aus den vorderen Reihen des Gewandhausorchesters stammten, sondern in diesem auch prägend aktiv blieben. Diese Tradition aufzugeben sollte gut überlegt sein.
Sofern die Altersgrenze nicht erneut erhöht wird, werden Sie mit 67 in Rente gehen dürfen. Das heißt, Sie können in Kürze berufliches Bergfest feiern. Welchen Wunsch möchten Sie sich unbedingt noch erfüllen, was fehlt noch?
Erben: Da sind schon sehr viele Wünsche erfüllt worden. Ich habe aber seltener in der Oper gespielt, so dass mir dort noch einiges an Repertoirekenntnis fehlt. Insbesondere die Opern Richard Wagners interessieren mich. Aber zunächst bin ich sehr gespannt auf das »Abenteuer Westsachsen«. Hier kann ich meine Erfahrungen aus der langjährigen Tätigkeit am ersten Pult einbringen, denn ich profitiere davon, im Gewandhaus all die Jahre verschiedenste Dirigenten erlebt zu haben. Das brachte Erkenntnisse, was schlag- und bewegungstechnisch bei einem Orchester funktioniert und was nicht - und wie sich damit auch der Klang verändern lässt. Das jetzt umzusetzen, ist sehr spannend. Ich hoffe, es kommt beiden Seiten zugute.
Interview: Claudius Böhm

