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Die Sammlung Ludwig Hopf, vorgestellt in Nr. 66
DREIMAL GLÜCK FÜR LEIPZIG
Vor kurzem kam das Gewandhaus in den glücklichen Besitz einer umfangreichen, wertvollen Autographensammlung. Angelegt wurde sie einst von dem Musiker Ludwig Hopf. Als er vor reichlich 100 Jahren Leipzig gen Australien verließ, nahm er seine Sammlung mit. Jetzt ist sie auf Umwegen in die Stadt ihrer Entstehung zurückgekehrt.
Der 10. November 2008, ein Montag, schreibt sich in das Gedächtnis des Gewandhausarchivs ein: Am späten Vormittag klingelt das Telefon. Der Herr am anderen Ende der Leitung stellt sich als Volker Mettig vor und fragt, ob das Gewandhaus an einer Autographensammlung interessiert sei. »Ja«, bekommt er zur Antwort, wenn auch mit einem gewissen Zögern. Denn einen Ankaufetat für derlei Dinge hat das Haus grundsätzlich nicht. Doch Volker Mettig will gar nichts verkaufen.
Vor Jahren traf in der Geschäftsstelle des Deutschen Musikrats in Bonn ein Paket aus der Hauptstadt Australiens ein. Absender: die deutsche Botschaft in Canberra. Ihr war eine Sammlung aus dem Nachlass eines Musikers übergeben worden mit der Bitte, für sie einen geeigneten Ort zur Aufbewahrung und Pflege in Deutschland zu finden. Daraufhin hatte die Botschaft das Konvolut an den Deutschen Musikrat geschickt.
Die Sammlung war in eine dicke Mappe gepackt. Beigelegt ein zweiseitiges, englischsprachiges Schreiben. Unter dem Briefkopf »›Bounty Hill‹ / Perthville 2795« war mit einer Schreibmaschine getippt worden (hier ins Deutsche übersetzt): »Ludwig Hopf, vermutlich um 1860/65 geboren. War Leiter des Gewandhausorchesters und des Akademischen Orchesters in Leipzig bis 1894. Kam als Mitglied des Orchesters einer deutschen Opernkompanie 1894 nach Australien und verliebte sich in die Tochter eines deutschen Siedlers in Hahndorf und beschloss, sich in Australien niederzulassen. Danach wurde das Leben sehr schwer für ihn. In Südaustralien gab es nur begrenztes Interesse an Musik, er gab seine eigene Musikzeitschrift heraus und war Musikkorrespondent für das Stuttgarter [Tagblatt] und nahm Schüler in Klavier, Geigenspiel und Gesang. Zog um in die weltoffenere Stadt Sydney vermutlich um 1920. Während der Wirtschaftskrise ging es ihm schlecht, denn er hatte nur sehr wenige Schüler. Starb im Alter von 93 in den frühen 1960er Jahren. Meine Mutter war mit Ludwig befreundet, und seine Frau und er hinterließen mir diese Sammlung, die er aus Deutschland mitgebracht hatte.« Der handschriftlich daruntergesetzte Name könnte als Ladia King gelesen werden.
In der Mappe selbst lag zuoberst eine vier Seiten umfassende »List of Autographs of Famous Musicians« mit knapp 100 Namen, die vom berühmten Liedkomponisten Franz Abt bis zum kaum weniger berühmten Geiger August Wilhelmj reichen - und die sich lesen wie ein »Who's who« des Leipziger Musiklebens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Gewandhauskapellmeister von Mendelssohn über Hiller und Gade bis hin zu Rietz und Reinecke sind vertreten genauso wie Thomaskantoren (Hauptmann und Richter), herausragende Gewandhausmusiker (darunter die Konzertmeister von David über Röntgen und Schradieck bis hin zu Petri) und prägende Konservatoriumslehrer (beispielsweise Moscheles und Jadassohn). Dazu weitere Komponisten in Fülle - Max Bruch, Robert Franz, Eduard Strauß ...
Das Konvolut landet auf dem Tisch des Leiters der »Verbindungsstelle für internationale Beziehungen« des Deutschen Musikrats, Richard Jakoby. Der Musikwissenschafts- und Musikpädagogikprofessor ist ein vielgefragter Mann: Neben seiner Tätigkeit als Präsident der Hochschule für Musik und Theater Hannover gehört er zahlreichen teils internationalen Komitees, Kuratorien und Beiräten an. Deswegen steht ihm in der Verbindungsstelle für internationale Beziehungen beim Deutschen Musikrat ein Geschäftsführer zur Seite. Und das ist Volker Mettig.
Die Sammlung ist beim Deutschen Musikrat erst einmal gut aufgehoben. Doch Richard Jakoby weiß, dass dies nur eine Interimslösung sein kann. Er bittet Volker Mettig, nach einer dauerhaften Bleibe für die Hopf-Sammlung zu suchen. Glück für Leipzig: Die von Volker Mettig angefragten Häuser lehnen ab. Die Sammlung passe nicht in ihr Profil. Als zwischenzeitlich erwogen wird, einzelne Autographe aus der Sammlung zu lösen und an interessierte Museen zu geben, kommt aus einer der angefragten Institutionen der Hinweis - auch dies ein Glück für Leipzig -, die Sammlung möge doch geschlossen bleiben und nicht auseinandergerissen werden.
Drittes Glück für Leipzig: Volker Mettig kommt nur deswegen auf die Idee, beim Gewandhaus anzufragen, weil er dem Schreiben von Frau King entnimmt, dass »Hopf einst Konzertmeister des Gewandhausorchesters war«. Erst die Recherchen später in Leipzig ergeben, dass das nicht stimmt.
Karl August Louis Hopf wurde am 23. August 1865 in Klosterlausnitz bei Eisenberg geboren. Im Oktober 1881 immatrikulierte er sich am Leipziger Konservatorium. In dessen Inskriptionsverzeichnis ist vermerkt: »Sein Vater Herr Friedrich Louis Hopf ist Holzhändler in Leipzig ... Herr H. hatte 4 ½ Jahr Unterricht im Pianoforte-Spiel bei Herrn Prager.«
Doch Louis Hopf studierte am Konservatorium nicht Klavier, sondern Geige. In einem Entwurf zum Lehrerzeugnis, der sich im Archiv der Leipziger Hochschule für Musik und Theater erhalten hat, schrieb sein Lehrer Adolf Brodsky: »Besuchte die Stunden selten, hat wenig Fähigkeit für die Violine, machte durch seinen Fleiß einige Fortschritte«.
Schon in seiner Konservatoriumszeit muss Louis Hopf mit dem Sammeln von Autographen begonnen haben. Darauf weist ein Oktavheft hin, das sich in der Sammlung findet und das Hopf eigenhändig betitelt hat: »Catalogue de la collection de lettres autographés (Cómpositeurs de musique et Musiciens), (Poëtes, Hommes d'Etat, Prineur, etc). de Louis Hopf / Le 1er Decbr. 84 / Leipsic.« Im Heft selbst hat Hopf 140 Autographe aufgelistet - wobei er schon eine ausgeschnittene Unterschrift als Autograph wertete -; der übergroße Teil stammt von Komponisten und Musikern, nur sechs sind unter »Dichtern, Staatsmännern, Fürsten, Gelehrten etc.« verzeichnet.
Was Louis Hopf nach seinem Abgang vom Konservatorium, also von Ostern 1885 an, beruflich getan hat, liegt im Dunkeln. Fest steht lediglich: Er war weder beim Gewandhausorchester noch bei einem »Akademischen Orchester« angestellt, geschweige denn in führender Position tätig. Was nicht ausschließt, dass er bei einzelnen Opern- oder Konzertdiensten des Gewandhausorchesters aushilfsweise mitgewirkt hat oder dass er zur Verstärkung der Kapelle des 134. Infanterie-Regiments gehörte. Letztere bildete das Orchester in allen »Akademischen Konzerten«, die Universitätsmusikdirektor Hermann Kretzschmar von 1890 an in der Leipziger Alberthalle veranstaltete. In der Sammlung befinden sich einige kurzgefasste Postkarten und Briefkärtchen verschiedener Absender - unter ihnen Kretzschmar -, wo es um Probentermine geht. Adressiert sind sie an den »Tonkünstler« Hopf.
1894, im vermuteten Jahr seiner Übersiedlung nach Australien, wurde Hopf porträtiert vom Leipziger Maler Willy Zirges. (Siehe die Abbildung auf Seite 52 - die Widmung des zwei Jahre Jüngeren lässt darauf schließen, dass Hopf seinen Vornamen mittlerweile eingedeutscht hat.) Eine postkartengroße Reproduktion des Porträts lag der Sammlung bei; wo sich das Original heute befindet, ist nicht mitgeteilt worden.
Auffällig viele der etwa 160 Briefe, die die Hopf-Sammlung neben Post- und Visitenkarten sowie Autogrammen enthält, sind an den Gewandhauskapellmeister Carl Reinecke gerichtet. Darunter findet sich manche Kostbarkeit, beispielsweise der Brief vom 18. Oktober 1860, den Julius Rietz aus Dresden an seinen Amtsnachfolger in Leipzig schreibt und worin er klagt, wie schwer ihm »das Einleben in total neue Verhältnisse« falle, »die 1000 Rücksichten die man gegen einen Kreis von Menschen zu nehmen hat, der von dem in welchem ich bisher lebte so gänzlich verschieden ist und der meinem angestammten Bärennaturell eigentlich widerstrebt«. Doch eigentlich schreibt Rietz nicht um der Klage willen, sondern um Reinecke ein Klavierkonzert »unseres ehemaligen Schülers« Hermann Levi zu empfehlen: »Das Conzert ist für einen so jungen Mann wirklich eine sehr gute Arbeit u. bezeugt nicht nur sein ernstes Streben, sondern auch den evidentesten Fortschritt. Es Schumannisirt zwar immer noch sehr, ist aber doch nicht mehr Hyper-Schumannisch, wie Levys frühere Sachen.« (Rietz' Empfehlung hat Erfolg: Im November 1861 wird das Konzert im Gewandhaus aufgeführt.)
Oder der hier Brief Ferdinand Hillers vom 2. Juli 1862, in dem er Carl Reinecke zur (zweiten) Eheschließung gratuliert: »Ich freue mich fast, lieber Reinecke, diesmal, gegen meine Gewohnheit saumselig im Antworten gewesen zu sein, da ich nun meinen Brief mit einem Glückwunsch beginnen kann. Ich sende ihn Ihnen so warm u. herzlich wie möglich und hoffe, daß Sie alles Gute, Schöne in Ihrer neuen Ehe finden werden, was diese Vereinigung gewähren soll - wenn sie auch selten Wort hält. Indeß halte ich Sie, der Sie überhaupt mannigfach begabt sind, auch nach dieser Seite hin für sehr talentvoll u. bin überzeugt daß Ihre Wahl sich als eine ebenso vernünftige als glückliche herausstellen wird.« Und dann fährt der Kölner Musikdirektor, der in der Saison 1843/44 selbst einmal Gewandhauskapellmeister war, fort: »Ich freue mich daß Sie guten, frischen Muth haben u. zweifele gar nicht darin daß Sie Ihrer Aufgabe in Leipzig in kurzer Zeit Herr sein werden. Wenn wir einmal wieder zusammen plauderten würde ich mir erlauben Ihnen aus meiner nachgerade alten Erfahrung einiges mitzutheilen - schriftlich macht sich so etwas in jeder Hinsicht schlecht.« (Soweit bekannt haben sich Hiller und Reinecke zwar noch lange geschrieben, zum gemeinsamen Plaudern sind sie aber nie mehr zusammengetroffen.)
Ludwig Hopf muss seine Sammlung geliebt haben: Er sortierte sie alphabetisch, fertigte zu jeder Person, von der er Schriftzeugnisse besaß, eine Art Deckblatt mit Lebenslauf und, sofern vorhanden, einem Bild an und übersetzte zudem noch jedes Schriftstück ins Englische. Dank diesen Übersetzungen lassen sich die sechs fehlenden, offensichtlich nicht erst auf dem Weg nach Deutschland verlorengegangenen Autographe näher eingrenzen. Beispielsweise das von Mendelssohn. Er stellte am 9. Oktober 1845 dem Direktoriumsmitglied des Leipziger Konservatoriums Gustav Preußer folgende Quittung aus (in der Übersetzung von Hopf): »Having received from G. L. Preusser the first quarter's remuneration for the Leipzig-Conservatorium with 500 Thaler in advance, I have pleasure to confirm.«
Diese Quittung wird die Forschung kaum überraschen können: Dass der Spitzenverdiener Mendelssohn für seine Tätigkeit am Konservatorium ab 1845 jährlich 2500 Taler Honorar erhielt, ausgezahlt in vierteljährlichen Raten (während er als Gewandhauskapellmeister pro Saison »nur« 1000 Taler bekam), ist bekannt. Dagegen könnte manches andere Schriftstück aus der Hopf-Sammlung für diverse wissenschaftliche Arbeiten von Bedeutung sein. Deswegen beabsichtigt das Gewandhaus, die Sammlung so bald wie möglich einzutragen in die vom Bundesarchiv geführte Zentrale Datenbank Nachlässe »www.nachlassdatenbank.de«) und in den Verbundkatalog für Nachlässe und Autographe »Kalliope« (»www.kalliope-portal.de«). Auf diese Weise kann auch auf die nicht musikbezogenen Autographe, die Hopf mit gesammelt hat, aufmerksam gemacht werden: Briefe von immerhin fast 30 Schriftstellern und Literaten, von etwa einem Dutzend Generälen und anderen Offizieren, von einigen Schauspielern und Theologen. Von Letzteren stammen übrigens auch die beiden ältesten Autographe der Sammlung: ein Brief des Pfarrers Christoph Gabriel Fabricius vom 30. Dezember 1747 und ein am 29. April 1758 verfasstes Schreiben von Johann Philipp Fresenius, dem Pfarrer, der zehn Jahre zuvor Johann Caspar Goethe und Catharina Elisabeth Textor getraut und ein Jahr später ihren erstgeborenen Sohn Johann Wolfgang getauft hat.
Man sieht: Spannender Stoff genug! Als Ludwig Hopf mit seiner geliebten Sammlung Leipzig verließ, wird er sich wohl kaum träumen lassen haben, dass er sich reichlich 100 Jahre später mit eben dieser ins Langzeitgedächtnis der Musikstadt einschreiben würde.
Claudius Böhm
Mit Dank an alle, die die Rückkehr der Sammlung nach Leipzig ermöglicht haben. Spezieller Dank an Prof. Dr. Richard Jakoby und Dr. Volker Mettig.

