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Das Orgelprojekt ASLSP in Halberstadt - Beitrag aus Nr. 67
DEUTLICHE DAUERGERÄUSCHE
Halberstadt hat kein Musikermuseum. Aber seit wenigen Jahren läuft dort ein »Kunstprojekt«, das eng mit dem Namen eines Musikers verknüpft ist: mit dem von John Cage. Wir haben uns das Projekt angeschaut und danach mit einem Cage-Kenner gesprochen, der sich standhaft weigert, in den nächsten 600 Jahren jemals in die Domstadt zu fahren.
John Cage war nie in Halberstadt. Folgerichtig gibt es dort auch kein Museum für den Künstler, der vor 98 Jahren an der nordamerikanischen Westküste geboren und knapp 80 Jahre später an der nordamerikanischen Ostküste gestorben ist. Aber es gibt in Halberstadt das reichlich heruntergekommene Gebäude der ehemaligen, Anfang des 19. Jahrhunderts säkularisierten Klosterkirche St. Burchardi. Neuerdings ist das Haus wie ein altmodisches Museum montags geschlossen und von Dienstag bis Sonntag zu festen Zeiten geöffnet. Eintritt muss man nicht zahlen, denn außer bloßliegendem, grauem Mauerwerk gibt es nur eine offenbar im Aufbau begriffene Orgel zu sehen, aus der ein deutliches Dauergeräusch dringt. Dieses Dauergeräusch gehöre, wie ein Zettel informiert, zur Aufführung des Orgelstücks As Slow as Possible von John Cage, die 639 Jahre währen solle. Hat Halberstadt also doch ein Musik(er)museum?
John Cage war nie in Halberstadt. Sein Stück, das dort angeblich aufgeführt wird, komponierte er vor 25 Jahren ursprünglich für Klavier und schrieb es zwei Jahre später für Orgel um. As Slow(ly) and Soft(ly) as Possible lautet der Originaltitel - in Halberstadt haben sie »ASLSP« daraus gemacht. Oder schon in Trossingen? Auf die Idee, Cages Spielanweisung »so langsam wie möglich« auf die Spitze zu treiben, ist man während eines Orgelsymposiums 1997 in der württembergischen Mundharmonikastadt gekommen. Steffen Schleiermacher kann sich gut vorstellen, dass man abends bei diversen Getränken saß und einer die Frage aufwarf: »Wie lange hält eine ununterbrochen gespielte Orgel?« Da könnten alle möglichen Zahlen genannt worden sein; einer könnte schließlich alle übertrumpfen gewollt und gerufen haben: »639 Jahre.« Gelächter erst, dann könnte einer erwidert haben: »Topp, die Wette gilt!«
John Cage war nie in Halberstadt. Steffen Schleiermacher auch nicht. Der Komponist und Pianist hat sämtliche Klavierwerke des US-Amerikaners eingespielt, hat etliche von ihnen mehrfach aufgeführt und sich immer wieder mit dem Werkkosmos des knapp 48 Jahre älteren Kollegen beschäftigt. Das in Trossingen geborene Projekt hält er für schlichtweg »albern«, für »eine Schnapsidee, die man anschließend ideologisch verbrämt hat. Cage war ein Mensch und hat in menschlichen Dimensionen gedacht. Dass Töne Hunderte von Jahren klingen sollten, diesen esoterischen Touch hatte er überhaupt nicht.« Wer das Stück, dessen »Aufführung« in ehemals St. Burchardi von jedwedem Medium hochgejubelt werde, überhaupt schon einmal in Gänze gehört habe, fragt Schleiermacher. »Ich selbst habe es bislang nur für die CD-Aufnahmen im Studio gespielt, in Konzerten noch nie. Es ist nicht so der ›Reißer‹.«
John Cage war zwar nie in Halberstadt. Aber ist »ASLSP« nicht etwas ganz in seinem Sinne, im Sinne der Freiheit, die er selbst den Interpreten seiner Werke zugestand? Steffen Schleiermacher kontert: »›The people do their own shit and use my name‹, soll Cage nach einer Aufführung gesagt haben, wo mit einem seiner Stücke wieder einmal etwas gemacht wurde, was nichts mit seinen Ideen zu tun hatte. Die eigentliche künstlerische Idee von As Slow as Possible ist eine Zeitdehnung, eine ›Entschleunigung‹, wie man neudeutsch sagt. In Halberstadt wird das allerdings überdehnt - in wörtlichem Sinne.« Dass dieser hybriden Überdehnung etwas Inhumanes innewohne, so weit möchte Schleiermacher jedoch nicht gehen. »Das wäre zu hoch gegriffen«, schüttelt der 50-Jährige den Kopf. »Es gibt Klanginstallationen, wo in einer Endlosschleife Musik läuft. Diese sind jedoch ausdrücklich dafür konzipiert. Das ist bei Cage nicht der Fall. Sein Stück hat einen Anfang und ein Ende. Wenn es unendlich in die Länge gedehnt wird, zerfällt jeder imaginierte Zusammenhang. Das ist nicht unmenschlich, sondern nicht-menschlich, entmenschlicht.«
John Cage war postum in Halberstadt. Zeit-Autor Ulrich Stock lud ihn vor zwei Jahren ein, die Stadt am Nordrand des Harzes zu besuchen. Und Cage kam. Stock fragte ihn, was sich viele fragen, seitdem »ASLSP« 2001 mit Medienhype und Marketingrauschen gestartet ist: »Würden Sie dieses Projekt gutheißen, wenn Sie noch am Leben wären?« »Das ist eine sehr gute Frage«, soll der Wiedergänger geantwortet haben. »Ich möchte sie nicht durch eine Antwort verderben.« Genau 50 Jahre vor diesem fiktiven Halberstadt-Besuch veröffentlichte der Musikpublizist Heinz-Klaus Metzger seinen Essay »John Cage oder Die freigelassene Musik«. Ob in Anlehnung daran das Projekt in Halberstadt als »Die vergewaltigte Musik« zu bezeichnen wäre, hat Ulrich Stock nicht gefragt. Von Steffen Schleiermacher stammt das Wort (geschrieben 1998 im GewandhausMagazin in einem Text, der Cages Zyklus »Music of Changes« gewidmet war): »Erst die Stille macht den Klang zum Ereignis.« In ehemals St. Burchardi in Halberstadt ist es niemals still. Dort ist der Klang des Ereignisses beraubt. Dort wird, so Schleiermacher, »ein Musikstück, das mit einem kompositorischen Kalkül geschaffen worden ist, zum Geräusch degradiert«.
John Cage in Halberstadt - dank »ASLSP« wird noch in Jahrhunderten von ihm die Rede sein. Dass dies ein Glücksfall für den Komponisten sein könnte, will Steffen Schleiermacher nicht gelten lassen: »Glücksfälle für einen Komponisten sind schöne Aufführungen seiner Werke in geeignetem Ambiente durch Interpreten, die ernsthaft der kompositorischen Absicht zu folgen versuchen. Das alles trifft auf Halberstadt nicht zu. Dort gibt es ja nicht einmal einen spielenden, im Einklang mit der Musik atmenden Interpreten, was ein weiteres Indiz für das Entmenschlichte des Projekts ist.« Eine Klanginstallation, wo in einer Endlosschleife Musik läuft, ist auf der diesjährigen Landesgartenschau in Aschersleben zu erleben. Von dort sind es 40 Kilometer bis nach Halberstadt. Auf die Frage, wann er ins ehemalige St.-Burchardi-Kloster fahren und sich die »Geräusche angucken« werde, antwortet Steffen Schleiermacher: »Frühestens in 629 Jahren. Ich komme sozusagen zum Finale.«
Claudius Böhm

