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Das Interview in Nr. 67 mit Michael Schuncke

 

»EIN SCHUNCKE-MUSEUM IN MERSEBURG? ICH WÄRE HIN UND HER GERISSEN«
 

Michael Schuncke ist »der letzte Mohikaner« einer weitverzweigten Musikerfamilie. Wohl nur die Bachs mit ihren über 50 Profis waren noch zahlreicher in Europa vertreten als die Schunckes mit ihren mehr als 25, unter denen die Hornisten eine herausragende Rolle spielten. Doch während es für die Bachs und ihren bekanntesten Spross, Johann Sebastian, gleich etliche Museen gibt - in Wechmar, Eisenach, Arnstadt, Köthen, Leipzig, bald vielleicht auch in Weimar -, erinnern an die Schunckes und ihren bekanntesten Sohn, den früh gestorbenen Ludwig, lediglich ein Grabstein in Leipzig und ein Verein in Baden-Baden: der Schuncke-Archiv e. V., dessen erster Vorsitzender Michael Schuncke ist. Ludwigs diesjährigen 200. Geburtstag vor Augen, fragten wir seinen Urgroßneffen:


Herr Schuncke, warum gibt es kein Schuncke-Museum?
Michael Schuncke:
Unsere Familie besaß bis zum Zweiten Weltkrieg vieles von historischem Wert. Ein großer Teil befand sich bei meinen Großeltern in Dresden, ein anderer in Crailsheim. Dort lebte meine Großtante Emma Oetinger geborene Schuncke, die letzte professionelle Musikerin in der Familie. Sie wurde 1853 geboren und ist bei Clara Schumann in Frankfurt ein und aus gegangen. Weiteres befand sich in Baden-Baden bei meinen Großeltern mütterlicherseits und noch an anderen Orten. Es gab die Idee, alles im Haus von Tante Emma zu deponieren. Damit ist im Dezember 1944, nachdem die ersten Bomben auf Baden-Baden gefallen waren, auch schon begonnen worden. Ein Vierteljahr später ist alles das, was sich bei ihr befand, durch einen Bombenangriff verbrannt.

Um die Erinnerung an einen Musiker wach zu halten, ist man nicht allein auf Originale angewiesen. Deshalb noch einmal: Warum gibt es kein Schuncke-Museum?

Schuncke:
Man hätte ein solches vor dem Zweiten Weltkrieg gründen müssen, als die letzte Generation der ausübenden Musiker noch lebte. Aber dem stand die ideelle Vorstellung entgegen, dass man wieder zurück ins Dunkel der Geschichte zu treten habe. Die Schunckes sind hauptsächlich Instrumentalvirtuosen gewesen. Die Bachs zum Beispiel waren schon zu ihrer Zeit als große Komponisten bekannt. Mein Großvater väterlicherseits sagte meiner Großmutter, die es später an mich weitergab: »Denk immer daran, jedes Ding hat seine Zeit. Das gilt für unsere Familie ganz besonders; unsere Musiker haben nichts hinterlassen, was man als große Kostbarkeit ansehen müsste. Deshalb soll man alles, was in unserer Familie gesammelt worden ist, verwalten und weitergeben, es aber nicht an die große Glocke hängen.«
Ich bin am Tag des Kriegsendes 16 Jahre alt geworden und habe dann sehr bald Kontakt mit den Verwandten aufgenommen. Im Lauf der nächsten zehn Jahre konnte ich ihnen fast alles abluchsen, was historisch von Wert für die Schunckes war. Aber unser Wohnraum war so beengt, dass an irgendeine Präsentation der Sachen nicht zu denken war. Ich habe später beim Stadtmuseum in Baden-Baden angefragt. Da wurde mir jedoch gesagt: »Wenn wir ein Schuncke-Zimmer einrichten würden, kämen die Patrizierfamilien, die schon seit mehreren hundert Jahren hier ansässig sind, und würden sich beschweren: ›Den Zuzüglern gebt ihr ein Zimmer, und uns sagt ihr immer, ihr hättet keinen Platz.‹«

Kein Museum einzurichten und stattdessen »nur« das Familienarchiv wiederaufzubauen, war also keine selbstauferlegte Beschränkung?
Schuncke:
Das war es nicht. Ich habe doch genau das Gegenteil dessen getan, was mein Großvater gewollt hatte: Ich habe die Dinge an die große Glocke gehängt, habe gewollt, dass sich Wissenschaftler und Musiker mit der Familie beschäftigen und dass Interessantes ediert wird. Das geschieht seit den 60er Jahren. Und ich habe mich auch frühzeitig darum gekümmert, wohin das von mir Gesammelte einmal gegeben werden könnte, damit es en bloc erhalten wird. Die erste Adresse, an die ich dachte, war das Schumann-Haus in Zwickau. Der damalige Leiter Georg Eismann meinte aber: »Wir können nichts mehr aufnehmen, weil das Haus übervoll ist.« Da war der zweite Gedanke, alles nach Berlin oder nach Stuttgart zu geben, wo es schon kleine Schuncke-Sammlungen gab. Nach vielen Diskussionen haben wir uns für Stuttgart entschieden. Unser Lebensmittelpunkt ist Süddeutschland geworden und über die Hälfte unserer Vorfahren lebten auch schon hier - in Stuttgart, Karlsruhe und Tübingen. Also habe ich bereits vor vielen Jahren einen Vertrag mit der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart geschlossen, dass das Schuncke-Archiv nach meinem Tod in Gänze von ihr übernommen wird.

Es wird also auch fernerhin kein Schuncke-Museum geben. Macht Sie das nicht traurig?
Schuncke:
Ein kleines Museum hätte ich durchaus gern gehabt. Es ist immerhin einiges da, was man ausstellen könnte. Zum Beispiel der große Schreibschrank meines Ururgroßvaters Johann Gottfried Schuncke, dem Ältesten der zweiten Musikergeneration unserer Familie, Vater meines Urgroßonkels Ludwig Schuncke.

Ludwig Schuncke gilt als der Bedeutendste der Schuncke-Familie ...
Schuncke:
Das sagt man, auch weil er Robert Schumanns engster musikalischer Jugendfreund war.

Ist es nicht problematisch, jemanden als bedeutend zu erklären, nur weil er der Freund einer berühmten Person war?
Schuncke:
Die Musikwissenschaftler haben mir immer übereinstimmend bestätigt, unter dem Wenigen, was Ludwig komponiert hat, gebe es Herausragendes. Wenn er nicht mit knapp 24 Jahren an Lungentuberkulose gestorben wäre, hätte er wohl eine große Zukunft als Komponist gehabt. Zum Beispiel stieß die Grande Sonate op. 3 für Klavier bei Schumann auf helle Begeisterung, und sie ist immer gespielt worden. Auch andere Werke von ihm, die beiden Capricen, »Das Heimweh« oder »Gretchen am Spinnrad« - all das ist immer gespielt und gesungen worden, weil man gesagt hat: Das ist etwas Besonderes.

Früher erfuhren die Kinder im schulischen Musikunterricht von Ludwig Schuncke. Warum ist das heute nicht mehr der Fall?
Schuncke:
Das ist verlorengegangen, als man 1945 alle Schulbücher aus der Vergangenheit verbot und neue drucken ließ. In denen war sein Name nicht mehr enthalten, weder in den Schulbüchern der sowjetisch besetzten Zone noch in denen der drei westlichen Zonen.

Die Löschung des Namens Ludwig Schuncke war ein gesamtdeutsches Phänomen?
Schuncke:
Ja. Dementsprechend wurde der Kreis der Leute, die mit dem Namen noch etwas anzufangen wussten, immer kleiner. Er war dann im Ausland teilweise bekannter als in Deutschland, vor allem in England. Dadurch habe ich viele Kontakte zugunsten des Archivs neu knüpfen können. Auch den Kontakt zur Familie Mendelssohn, mit der meine Familie über Generationen hinweg eng befreundet war, habe ich wieder herstellen können. Das hat mir manche Türen geöffnet.
Die stete Arbeit am Wiederaufbau des Archivs hieß aber auch, dass ich mich genau organisieren musste. Ich hatte meinem Beruf als Werbeberater und -texter nachzukommen; daneben war ich als Fachschuldozent tätig; und nicht zuletzt hatte ich Familie, an der mir bis heute sehr viel liegt.

Sie wollten ursprünglich Musiker werden. Was ist daraus geworden?
Schuncke:
Ich habe mit acht Jahren angefangen, Klavier zu lernen, später kamen erst Geige, dann Flöte und schließlich Orgel hinzu. Mit 15 Jahren begann für mich der Unterricht in Musiktheorie, erst in Dresden, dann weiter in Baden-Baden. Bald stand für mich fest: Ich werde Kirchenmusiker und Musikwissenschaftler. Nach einer Eignungsprüfung bei Hermann Meinhard Poppen, dem Leiter des Kirchenmusikalischen Instituts in Heidelberg, konnte ich bei ihm zu studieren beginnen. Allerdings stellte sich wenig später heraus, dass wir nicht mehr in der Lage waren, das Studium zu finanzieren. Ich hatte zwar Aussicht auf ein Stipendium, doch das hätte ich erst nach dem fünften Semester in Anspruch nehmen können. So musste ich mit dem gerade erst begonnenen Studium aufhören und hauptberuflich einen anderen Weg einschlagen.

Wie viele Schunckes leben heute noch?
Schuncke:
Niemand außer mir und meinen beiden Töchtern. Es gibt ganz entfernt noch andere Nachfahren. Sie tragen aber nicht mehr den Namen Schuncke.

Auch in Mitteldeutschland, wo Ihre Familie herstammt, gibt es keine Schunckes mehr?
Schuncke:
Ich habe nach dem Herbst 1989 darüber nachgedacht, was für eine Rundfahrt meine Frau und ich auf den Spuren der Schunckes machen könnten. Dann bin ich dahinter gekommen, dass Weißenfels mit Schkortleben, wo unser Stammvater Johann Gottfried Schuncke als Bäcker und Musikus gelebt hat, gar nicht so wichtig ist wie Merseburg und Umgebung. Für den Februar 1990 hatte ich uns beim Stadtarchiv in Merseburg angemeldet. Als wir dorthin kamen, begrüßte uns die junge Leiterin Marion Ranneberg: »Herzlich willkommen im ›Schuncke-Nest‹ Merseburg.« Sie lachte und sagte: »Ich habe das Telefonbuch der Region Merseburg bereitgelegt. Schauen Sie einfach mal, egal welchen Ort Sie aufblättern, unter Schuncke nach.« Da findet man tatsächlich seitenweise Namenseintragungen, allerdings die meisten unter »Schunke«, ohne c geschrieben.

Die Musikerfamilie Schuncke ist also eine sächsische Familie?
Schuncke:
Ja, sächsisch-thüringisch. Die Schunckes waren sehr stolz darauf, Thüringer zu sein.

Wieso Thüringer? Merseburg gehörte doch nie zu einem der thüringischen Fürstentümer. Als Ihr Urururgroßvater 1742 hier geboren wurde, war es kurz zuvor vom Herzogtum Sachsen-Merseburg an Kursachsen zurückgefallen.
Schuncke:
Ich habe mir das historisch erklären lassen, auch von Frau Ranneberg, dass die Schunckes zu dieser Zeit wirklich als Nordthüringer gelten konnten.

Was verbindet die Familie Schuncke mit Leipzig?
Schuncke:
Eine ganze Reihe der Schunckes haben in Leipzig musiziert, sowohl im Gewandhaus als auch in anderen Sälen der Stadt. Mein Urgroßonkel Ludwig war Mitbegründer der Neuen Zeitschrift für Musik; er war mehrfach in Leipzig und ist dort auch gestorben. Mein Urgroßvater Ernst, Ludwigs jüngerer Bruder, ist im Herbst 1835 für mehrere Wochen in Leipzig gewesen. Er wollte bei den Eheleuten Carl und Henriette Voigt, die Ludwig bis zu seinem Tod gepflegt hatten, den Mininachlass seines Bruders abholen. Da wollten sie und die Freunde um Schumann ihn gar nicht mehr fortlassen. Aus dieser Zeit stammt auch das Felix-Mendelssohn-Porträt von Johann Peter Lyser, das sich heute im Mendelssohn-Archiv in Berlin befindet. Es ist laut Familienüberlieferung im »Kaffeebaum« entstanden und dort Ernst, der bei den Zusammenkünften der »Davidsbündler« als Gast dabei war, von Lyser geschenkt worden. Ernsts Tochter, meine Großtante Emma, erzählte später, er habe sich um eine Stelle als Hornist im Gewandhausorchester bemüht, leider ohne Erfolg.
Einer von Ernsts Söhnen war mein Großvater Wilhelm. Er hat, als er Generaldirektor der Filzfabrik in Dittersdorf wurde, sofort eine Niederlassung in Leipzig gegründet. So war auch ich als Kind noch bis 1943 mit der Familie sehr oft in Leipzig. Das Hotel »Astoria« war unser Stammquartier. Wir gingen auf die Messe, dann ins Gewandhaus zu den großen Konzerten und in die Thomaskirche, wo der Thomanerchor sang. Auch wurde der Alte Johannisfriedhof besucht, wo Ludwig beerdigt worden war. Ich sehe noch das große gusseiserne Kreuz vor mir, das auf seinem Grab stand.

Irgendwann ist dieses Kreuz verschwunden. Seit kurzem erinnert ein neuer Grabstein an Ludwig Schuncke. Was bedeutet Ihnen die Wiederherstellung des Denk-Mals?
Schuncke:
Die Wiedererrichtung des Kreuzes wäre mir lieber gewesen. Aber der Stein ist besser als nichts. Hanka Naumann, die für die Gartendenkmalpflege zuständige Mitarbeiterin beim Leipziger Amt für Stadtgrün, hat sich unglaublich engagiert. Eines Tages rief sie an: »Wir haben einen schönen alten Granitstein entdeckt, der für das Grab in Frage käme. Würden Sie den kaufen?« Also habe ich die knapp 900 Euro überwiesen, die von der Stadt Leipzig offensichtlich nicht aufgebracht werden konnten, denn es liegt mir sehr viel am Gedenken an diesen meinen Vorfahren.

Wenn Ihr Archiv dereinst in die Württembergische Landesbibliothek überführt wird, wird es jemals wieder eine so leidenschaftlich fürsorgende Hand wie hier bei Ihnen finden?
Schuncke:
Der Handschriftenexperte Felix Heinzer ist als zweiter Vorsitzender des Schuncke-Archiv e. V. sozusagen mein Sozius, und er meinte neulich: Er sei nicht glücklich, dass all die Sachen in absehbarer Zeit nach Stuttgart kämen. Er war jahrelang Leiter der Handschriftenabteilung in der Württembergischen Landesbibliothek und kennt die Situation genau. Es ist dort wie in anderen Archiven und Bibliotheken auch: Es werden immer mehr Stellen eingespart, so dass die Bestände von immer weniger Fachleuten betreut werden müssen.

Umso glücklicher müssten Sie sein, käme jemand aus Merseburg zu Ihnen und sagte: »Wir hätten großes Interesse, Ihr Archiv zum Grundstock eines neuen Schuncke-Museums bei uns zu machen.« Wie würden Sie reagieren?
Schuncke:
Ich müsste antworten, dass ich mein Eigentum an den Verein Schuncke-Archiv abgetreten habe, den wir 1999 gegründet haben und der heute international an die 100 Mitglieder hat. Ich bin also nicht mehr der Eigentümer, sondern nur noch der Besitzer. Und ich muss als Vereinsvorsitzender den Vertrag mit der Bibliothek einhalten.

Was aber würde Ihr Herz sagen zu einem lebendigen Museum statt einem Archiv, das unter vielen anderen Sammlungen in einem dunklen Bibliotheksmagazin schlummert?
Schuncke:
Es wäre hin und her gerissen. Etliches liegt bereits in Stuttgart. Zusammen mit meinem Archiv hätte man dann die größte Schuncke-Sammlung der Welt nicht in Berlin, wo auch einiges vorhanden ist, sondern in Stuttgart. Mit Merseburg habe ich bislang nicht die besten Erfahrungen gemacht, vom Stadtarchiv abgesehen. Wieso es interessant sein könnte, mal ein Schuncke-Konzert in Merseburg zu veranstalten, ist dort nie verstanden worden. Auf der anderen Seite ist das der Herkunftsort unserer Familie, nicht weit von Halle entfernt, wo die Schunckes um 1760 ihren musikalischen Anfang genommen haben. Leipzig wäre nicht weit, auch meine Geburtsstadt Dresden nicht. Die Entscheidung würde mir sehr schwer fallen, ich könnte spontan weder Ja noch Nein sagen.

Interview: Claudius Böhm


Tipp

Während der Mendelssohn-Festtage wird es am 25. August auf dem Alten Johannisfriedhof eine musikalisch umrahmte Kranzniederlegung am Grab von Ludwig Schuncke geben. Beginn 14 Uhr.

 

 
 

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