- Das Gewandhaus-Magazin - Gesamtinhalt
- Das Interview in Nr. 73 mit Ulf Schirmer
- Weitwinkel: Ausgewählte Kulturtipps für den Winter
- Das Interview in Nr. 72 mit Herbert Feuerstein
- Das Editorial von Nr. 73
- Das Interview in Nr. 71 mit Rolf-Dieter Arens
- Das Sonderheft-Interview mit Jörg-Peter-Weigle
- Das Interview in Nr. 70 mit Barbara Romaner
Das Editorial von Nr. 73
Provinz - das ist etwas, was Leipziger gar nicht mögen. Denn er ist alles andere als provinziell, jener Anspruch, den die Halbmillionenstadt an ihr Kulturleben stellt. Dass dessen Üppigkeit die Verantwortlichen vergleichbarer Städte bisweilen neidisch an die Pleiße blicken lässt, ist den Einheimischen ein besonderer Ansporn: In Leipzig misst man sich eben mit Wien, Paris und London - wo übrigens das Gewandhausorchester und Riccardo Chailly gerade für ihre Beethoven-Interpretationen gefeiert wurden. Und die überaus erfolgreichen Tänzer des hiesigen Balletts schauten dabei sogar noch weiter über den Tellerrand: Die Auftritte der Compagnie in Südamerika waren so umjubelt, dass demnächst weitere Einladungen folgen.
Dennoch wollen wir das Lob der Provinz wagen: Nicht nur, dass es ohne die einstige Zergliederung Deutschlands in kleinste politische Einheiten die von vielen bewunderte heutige Vielfalt an Theatern und Orchestern in Mitteldeutschland gar nicht gäbe. Zur Wesensart der Provinz als Nährboden deutscher Kultur gehört auch die bewusste Verankerung in jenen Bürgerschaften, die einerseits nach wie vor den Großteil der Besucher ausmachen und andererseits auch die kulturellen Etats finanzieren. Einen »Lernort für Demut und Pragmatismus« nannte der Komponist Moritz Eggert einst die Provinz: »Nirgendwo anders werden wir so ehrliche Antworten auf die Fragen bekommen, die wir mit unserer Musik stellen wollen.«
Insofern ist es nicht nur mutig, sondern auch pragmatisch, das Bekenntnis zur Provinz, das der neue Opernintendant Ulf Schirmer in unserem Interview zeichnet. Und dass der philosophisch gebildete Dirigent in musikalischer Hinsicht die universelle Gültigkeit ästhetischer Kategorien bezweifelt, passt ins Bild. Denn nach einem längeren Gespräch ist es wirklich greifbar, was Schirmer sonst mit der knappen Phrase »Musiktheater für die Bürger dieser Stadt« ausdrückt. Der neue Intendant der Oper Leipzig, der zugleich (noch) Chef des Münchner Rundfunkorchesters ist, wirbt für eine konsequente Regionalisierung des Kulturbetriebs mit jeweils unterschiedlichen Konzepten für unterschiedliche Städte.
Ob die Verantwortlichen in Leipzig darum zu kulturpolitischen Mitteln greifen, die aus dem 19. Jahrhundert stammen? Es ist nämlich nicht nur die Wiederentdeckung des klassischen Repertoiretheaters, mit dem die Oper Leipzig derzeit auf sich aufmerksam macht. Zum ersten Mal auch gibt es am Haus einen Intendanten, der gleichzeitig Generalmusikdirektor ist. Ein Modell, das in den vergangenen Jahrzehnten in ambitionierten Musikmetropolen hin und wieder gescheitert ist - man erinnere sich nur an Lorin Maazel in Wien. Dass Schirmer dagegen an den Erfolg von Stefan Soltesz erinnert, ist spannend: Weniger Wien, mehr Essen - das ist wohl seine Marschrichtung für die Oper Leipzig in den nächsten Jahren.
Wer übrigens mal richtige Provinz erleben will, sollte die Reise nach Bad Lausick auf sich nehmen. Dort musiziert die Sächsische Bläserphilharmonie - das frühere Rundfunk-Blasorchester Leipzig - seit einem halben Jahr am Rand des idyllischen Kurparks in einem modernen Domizil, das keine Wünsche offen lässt. Und die Deutsche Bläserakademie, wie der prachtvolle Neubau wohlklingend genannt wird, hat hochfliegende Zukunftspläne. Thomas Clamor hängte für die Stelle des künstlerischen Leiters neben einer Musikprofessur sogar seine Position als Trompeter bei den Berliner Philharmonikern an den Nagel. Wenn das kein glühendes Bekenntnis für das Potenzial der Provinz ist!
Hagen Kunze

