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Pressestimmern 2007/2008

Ein beschlagenes Fenster zur Seele
Die neue Spielzeit mit einer Uraufführung zu beginnen, setzt ein Zeichen [...] Wie sich in Frankes CUT VIII selbstgewiss Neues bildet [...] das ist in Entwicklung und Aufbau großartig gekonnt und im Ergebnis von berückend mahlerischer Schönheit [...]Chailly lüftet Mendelssohns populärste Sinfonie gehörig durch. Er entharmlost den ausgelassenen gesang aus dem Land, wo die Zitronen blühn [...] Hier schiebt sich eine Signatrompete ungewohnt keck in den Vordergrund, da schmeicheln erstklassige Holzbläser um die Wette. Die Flöten im Andante con moto sind die Wonne selbst. Dieser Dirigent nimmt endlich auch einmal Metrum und Tempo-Vorgaben beim Wort [...] Anders ist dieser Mendelssohn, energetischer, flotter, auch scharfkantiger. Und doch ist er nicht gegen den Strich gebürstet sondern von mozartischer Selbstverständlickeit [...] Bie Brahms kommen die Stärken dieses Orchesters zusammen. Die satte Fülle, die Unbedingtheit des inhaltlichen Musizierens [...] Chailly lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er Brahms von der Entwicklungskunst her auffächert [...] Allegro energico steht als Satzbezeichung darüber. Energisch und schnell. Beides wird allzu oft vergessen. Das Energische, bei Chailly kippt es bisweilen ins Brutale. Aber zarte Versenkung sorgt immer wieder für Balance [...].
(LVZ, Peter Korfmacher, 1. Sept. 2004; Brahms, Franke, Mendelssohn)

Wo bleibt denn hier die Metaphysik
Jauchzen statt grübeln - Riccardo Chailly dirigiert das Gewandhausorchester in Leipzig
[...] Riccardo Chailly dirigiert die "Londoner Fassung" [von Mendelssohns "Italienischer SInfonie"]. Es wird eine bergseeklare Interpretation daraus, ganz ohne Fragezeichen. Gleich das erste Allegro Vivace wird zu einem jauchzenden Spaß in A-Dur: lebhafte Tempi, flexible Phrasierung. Chailly ist ein Meister der Binnendynamik, er weiß feinstgefächerte Geschwindigkeits- und Lautstärkemodulationen einzusetzen, um die Strukturen des Stückes durchsichtig zu machen [...] Im zweiten Satz, der mit einem Trauersignal beginnt, singen bratsche, Oboe und Fagott das Choralthema zunächst so extrem gedämpft, zugleich so gespensterhaft homogen im klang ausbalanciert, dass es sich [...] so anhört, a sl säße da nur ein einziger Musiker mit einem offenbar unbekannten Instrument hinter der Bühne. Ein raffinierter räumlicher Effekt. Ja, alle Klangwirkungen werden dergestalt genau abgeschmeckt von Chailly [...] die Holzbläser blühen farbenfroh, die Hörner glühen weich, mit zauberhafter Leichtigkeit agieren die Streichergruppen und fügen sich zusammen zum samtdunklen Tuttiklang [..] Bei Brahms ist wieder die leicht bewegliche, dynamisch ausdifferenzierte Lesart Chaillys zu bewundern [...] Eine so intensiv blühende, callasstakre Belkantolinie, wie sie von der Flötistin in ihrem klagenden Solo im fInalen Passacaglia-Satz herausmodeliert wird, glaubt man so noch nie gehört zu haben [...].
(F.A.Z., Eleonore Büning, 3. Sept. 2007; Brahms, Franke, Mendelssohn)

Festivalstimmung zwischen Baustellen
Gershwin-Open-Air auf dem Augustusplatz
[...] Chailly verhilft mit fordernder Pranke und erotischem Hüftschwung dem Swing und dem Groove von Gershwins Musik zu ihrem Recht [...] Auch das Orchester zieht mit. Was keine Selbstverständlichkeit ist. Tönen doch solcherlei Rhythmen von deutschen Podien gern ein wenig hüftsteif herunter. Aber Chaillys tänzerische Energie überträgt sich verzögerungsfrei aufs Orchester, das, wenn es will, alles spielen kann [...] .
(LVZ, Peter Korfmacher, 3. Sept. 2007, Gershwin)

Herbst-Tournee 2007 (Zusammenfassung)
Im September absolvierte das Gewandhausorchester vier Auslands-Gastspiele. Am 5., 7. und 9. gastieren die Leipziger unter der Leitung von Riccardo Chailly in London während der Proms, in Turin und beim Lucerne Festival in der Schweiz, am 16. eröffnete das Orchester das Brucknerfest in Linz. In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt Peter Hagmann: "...auch dieses Jahr geriet der Auftritt zu einer Sternstunde...". Im Guardian bescheinigt Andrew Clements: "...das Orchester zeigt keinerlei Spuren von Selbstgefälligkeit...". Richard Fairman, Rezensent der Financial Times freute sich über das "aufgeweckte geschmeidige Musizieren" und dass "Chailly ein Feuer in Brahms 4. Sinfonie entfachte, das vom klassisch begriffenen Unterbau emporleckte bis zur hoch dramatischen Feuersbrunst des Finales." Geoffrey Norris vom Telegraph bemerkt, dass "Chailly dem Orchester überschäumendes italienisches Temprament bringt, ohne dessen Individualität in Frage zu stellen oder die Intensität seiner Klangfülle zu unterminieren. Die einzelnen Register behalten ihre Strahlkraft für die sie so berühmt sind und ihre Mischung ist großartig." Geoff Brown von The Times hörte "Brahms in einer wogenden, mit dramatischer Handlung vollgepackten Lesart." Die Ober Österreichischen Nachrichten hörten zur Eröffnung des Brucknerfestes „eine beispielgebende Aufführung, die bahnbrechend für das Werk an sich war." Auch Der Standard erlebte ein „grandios aufspielendes Gewandhausorchester".

Weil es so am besten ist
Brahms und Bruckner [...] schufen musik, dei dem gewandhausorchester liegt, wie vielleicht keinem anderen Klangkörper [...] Chailly tut das einzig Wahre, er geht zurück zu den Wurzeln, zu Bruckners erster Version, die der englische Musikwissenschaftler William Carragan glänzend recherchiert und rekonstruiert hat [...] Die Erstfassung steckt überdies voller instrumentaler Risiken [...] Beim Gewandhausorchester hört man, dass Bruckner keineswegs so instrumentierte, weil er es nicht besser gekonnt hätte, sondern weil es so am besten ist [...] Fast 40 Minuten herrlichster Musik bietet bietet [Menbdelssohns Doppelkonzert für Violine, Klavier und Orchester]. Formal beherrscht, virtuos, geistreich, subtil - klassisch im besten Sinne. Und vo Frank-Michael Erben vor dem apollinischen Prospekt der filigran begleitenden Kollegen unter Chailly musikantisch gesungen auf der Solo-Geige [...].
(LVZ, Peter Korfmacher, 15. Sept. 2007, Bruckner, Mendelsoshn - Frank-Michael Erben, Violine, Bernd Glemser, Klavier)

Deutschland-Tournee (Zusammenfassung)
Am 23. September startete das Orchester unter der Leitung von Ehrendirigent Herbert Blomstedt zu einer Gastspielreise, die es nach Dortmund, Köln, Berlin und Baden-Baden führte. Solist war Julian Rachlin. Michael Stenger von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung erinnert daran, „was die Musikwelt an Blomstedt und den stark verjüngten Leipzigern hat [...]" und dass „die Leipziger die Qualität von überragenden deutschen Spitzenensembles" habe. Stefan Rütter vom Kölner Stadtanzeiger konstatiert: „Für ihren ehemaligen Chef spielen sie wie die Götter" und erlebte Beethovens Eroica „über jeden Zweifel erhaben". Rezensent Olaf Weiden (Kölnische Rundschau) hörte „traumwandlerisch sicheren warmen Klang" in den Hörnern, „wunderbare Holzbläser" und insgesamt ein „Team in Bestform".  

Beethovens Marmor-Klänge, Sibelius´ Bernsteinmusik
Blomstedt und Beethoven. Das ist die Gleichung für ein Lebenswerk von Eindruck gebietendem Reichtum [,,,] Markant legt Blomstedt dieses Schlüsselwerk an, wie aus dem Marmorblock schlägt er die Kontraste in den Raum [...] Und obwohl die Gegensätze hier hart aufeinander treffen [...] hält der Gewandhaus-Ehrendirigent die ungeheuer gewagte Partitur im Fluss [...] Auf sein Gewandhausorchester kann der Ex-Chef sich uneingeschränkt verlassen [...] Begeisterter Jubel.
(LVZ, Peter Korfmacher, 22. Sept. 2007, Beethoven, Sibelius - Julian Rachlin, Violine)

Vom alten, eleganten, souveränen Schlag
Alban Gerhardt ist ein wunderbarer Cellist. Einer, der auch da noch Musik findet, wo andere nur nach Sport suchen [...] Prokofjew [Vierte Sinfonie] bietet dem Gewandhausorchester eine runde Dreiviertelstunde viel Raum für schöne Soli, gewaltige Steigerungen, fahle Wüsten [...] Höhepunkt und Überraschung dieses Großen Concerts lauern zu Beginn. Bei Mozart [...] Natürlich ist Kitajenko kein Historist, natürlich ist sein Mozart-Bild eher philharmonisch [...] doch es ist nicht unmodern, sondern setzt sich über derlei Kategorien hinweg [...] Mit detailversessen ausgearbeiteter Phrasierung, die Mozarts kristalliner Architektur zu ihrem Recht verhilft [...] Fast lässig geht Kitajenko das Menuett an - und doch brodelt es unter der polierten Oberfläche. Als Mozart-Orchester hat sich das des Gewandhauses in den letzten Jahrzehnten kaum je auf sich aufmerksam gemacht. Warum eigentlich? Das Potenzial ist offenkundig auch hier gewaltig [...].
(LVZ, Peter Korfmacher,  6. Okt 2007, Tschaikowski, Prokofjew, Mozart - Alban Gerhardt, Cello)

Gustavo Dudamel vibriert wie unter Starkstrom
Es gibt Konzerte, nach deren Verklingen die Hörer verändert sind [...] Dudamel formt Musik, noch bevor sie erklingt, suggeriert Emphase, wo eben noch STille herrschte [...] Eszellent: die Holzbläser, Solohorn und -geige. Dem Finale [in Rachmaninows Dritter SInfonie] verhelfen die Musiker mit energiegeladenen vorwärtsdrängendem Spiel zu höchst spannender Einheit [...] Böhmisches Musikantentum [...] atmet Changs Spiel nicht.
(LVZ, Jörg Clemen, 13. Oktober 2007, Rachmaninow, Dvorák, - Han Nah Chang, Cello; Gustavo Dudamel)

Ein Klang, ein Instrument
[...] Statt Gegensätze aufeinander prallen zu lassen setzt Jurowski auf weiche Übergänge, langsam sich aufbauende Spannung, auf die unnachahmliche Synchronität der Gewandhaus-Streicher. Im Mezzopiano finden sie zu einem dichten Klangteppich zusammen, als gelte es, hinter sich zurückzutreten, mit einem einzigen Ziel: ein Klang,. ein Instrument zu werden [...]
(LVZ, Susan Weitershagen, 20. Oktober 2007, Rachmaninow, Ravel, Strawnisky - Benedetto Lupo, Klavier - Vladimir Jurowski)

Engländer halten Hof in Leipzig
[...] Das Wissen um die Seltenheit, solche Stücke in dieser Zusammensetzung zu hören, macht den konzertabend über den musikalischen Genuss hinaus zum besonderen Ereignis. Lang anhaltender Applaus.
(LVZ, Katrin Weller, 27. Oktober 2007, Elgar, Vaughn Williams, Walton - Sir Roger Norrington)

Päpste schreien [...]
[...] unvermittelt entlädt sich Turnages Klanggewalt, verstört und verschreckt [...] Lukas Beno erster Solo-Trompeter des Gewandhausorchesters, spielt alld ei schönen Töne des Trompetenkonzerts von Haydn [in Es-Dur] hoch konzentriert und hoch akkurat, virtuos und versiert [...] Franz Schuberts Große Sinfonie C-Dur nach der Pause ist dann pure Wonne. Hier singen die Celli und Bratschen im Andante [...] modelliert Wolff im Finale einen warmen leicht aufgerauhten Streicherklang [...] Ein großartiger, heftig umjubelter Abend.
(LVZ, Birgit Hendrich, 10. November 2007, Turnage, Haydn, Schubert - Hugh Wolff, Lukas Beno)

Frischer Wind zur Matinee
[...] Alan Buribayev stand am Pult des Gewandhausorchesters und ließ die Funken von Frische und Lockerheit auf die Musiker überspringen [...] die Symbiose Buribayev, Gewandhaus und Tschaikowski funktioniert rundum [...] entsprechender Jubel im Gewandhaus-Saal [...] Das Gewandhausorchester hat international gefragte, großartige Solisten in seinen Reihen [...] Jürnjakob Timm, erster Solo-Cellist, spielt Aram Chatschaturjans Cellokonzert. technisch gewohnt brillant, mit verblüffendem Gespür für jene Gratwanderung zwischen Populismus, Sprödigkeit und Virtuosenattitüde [...].
(LVZ; Tatjana Böhme-Mehner, 19. November 2007, Mussorgski, Chatschaturjan, Tschaikowski - Alan Buribayev, Jürnjakob TImm)

Der dritte Weg
[...] Chaillys neuer Leipziger Ausflug in den Kosmos Bach (nach den Passionen) gerät zum Triumph [...] Der Jubel erreicht Popkonzert-Stärke. Das Gewandhausorchester füllt den Saal auch in kleiner Besetzung und zeigt doch keinerlei philharmonischen Speck auf den Hüften. Das liegt zunächst an den Solisten: Julian Sommerhalder bläst ungeheuer leicht und elegant seine Bach-Trompete  [...] Sein Ton strahlt und gleißt und singt [...] Sebastian Breuninger, der erste Konzertmeister ist der Hauptakteur des langen Abends. Im ersten, zweiten, vierten und fünften hat er hinreichend Gelegenheit seine stupende Virtuosität, seinen schlackenlosen Ton, seine stilsichere Phrasierung, seinen erlesenen Geschmack zu präsentieren. Ein enormes Pensum, das Breuninger mit Spielwitz und ohne Eitelkeit abarbeitet [...] Auch bei den übrigen Solisten kein Haken, nirgends [...] Innerhalb der Konzerte setzt Chailly auf Ereignisdichte. Ich Echtzeit reagiert das Orchester, flicht Akzente [...] belebt die Terrassendynamik, bringt solistische Freiheit und architektonische Konsequenz spielerisch zusammen [...] Das Gewandhausorchester ist nicht zuletzt deshalb so groß, weil es neben dem Konzert- und Opernorchester auch Bach-Ensemble zu sein hat. So eindrucksvoll wie gestern und vorgestern hat es diesen Anspruch lange nicht mehr unterstrichen. Man muss sie nur abrufen die Barock-Qualitäten dieses Ausnahme-Klangkörpers.
(LVZ, Peter Korfmacher, 24. November 2007, Riccardo Chailly - Bach, 6. Brandenburgische Konzerte)

Der Mensch wird selbst zu Gott
Der große Maurizio Pollini spielt in Leipzigs Großem Concert Beethoven
„[...] von den vielen Attributen, mit denen er immer wieder bedacht wird, trägt der Leipziger Wohlklangkörper eines mit Sicherheit zu Recht: Beethoven-Orchester. Wie selbstverständlich lässt Chailly die rhythmischen Verschiebungen, die grandiosen Bögen in den Raum wuchten. Und macht doch in keinem Moment einen Hehl daraus, dass der Mann am Klavier die Marschrichtung vorgibt. Die beiden verstehen sich blind, [...] und was Chailly nach hinten durchreicht, wird ohne Zeitverzug umgesetzt. [...] danach [...] Strauss' „Also sprach Zarathustra" [...] Und natürlich lässt Chailly es auch gehörig krachen. Beeindruckender aber als die Macht des leidenschaftlichen Tutti sind die Zwischentöne im Caféhaus, der Liebe, der Wissenschaft, sind die vielen eindrucksvollen Soli, ist gleich der erste Einsatz der Trompeten. [...]"
(LVZ, Peter Korfmacher, 1. Dezember 2007, Riccardo Chailly, Maurizio Pollini - Beethoven, Strauss)

Er darf das, weil er es kann
Lang Lang und Riccardo Chailly in der Festlichen Musik für Unicef von LVZ,VNG und Gewandhaus
„Lang Lang setzt auf Extreme, von Anfang an. [...] Show mit Tiefgang und Substanz sozusagen - und extrem schwer zu begleiten, weil kaum ein Takt das gleiche Tempo hat wie seine Nachbarn, und auch innerhalb der Taktstriche wenig als gegeben erscheint. Aber Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly [...] greift die Posen auf, reicht sie ins Orchester weiter und musiziert mit dem Chinesen, als hätten beide immer schon gemeinsam gearbeitet [...] Chailly lässt sich ungeschützt ein auf das Abenteuer Lang Lang [...] Und das Ergebnis ist berauschend. Weil die dunkle, satte, aus den Mittellagen heraus gebaute Orchestrierung dieses Welthits dem ältesten bürgerlichen Orchester der Welt wie auf den Leib geschrieben scheint. Weil die Solo-Flöte mit der Solo-Klarinette um die Wette klagt. Weil Chailly samt Orchester dem Solisten bis in den letzten Winkel seiner Selbstentäußerung zu folgen vermag, ohne dass Präzision und Schönklang litten. [...] Konzertmeister Frank-Michael Erben [...]- auch eine gute Wahl, wie sich nach der Pause in Richard Strauss' „Also sprach Zarathustra" erweist. Nicht nur, weil Erben mit seinem leuchtend eleganten Ton wunderbare Soli spielt, sondern auch, weil seine Streicher gut in Schuss sind, er sie zu immer neuen Glanzleistungen antreibt. [...] Und vom „feierlichen" C-Dur Sonnenaufgang der vier Trompeten bis zu den auch harmonisch weit entfernten immer weiter ausgedünnten H-Dur-Holzbläser-Akkorden am Ende [...] vorbei [..] an kammermusikalischen Herrlichkeiten, zeigt dieses Orchester nach Bach und Beethoven nun mit Strauss, dass es derzeit alles spielen kann. Verdienter Jubel [...]"
(LVZ, Peter Korfmacher, 4. Dezember 2007, Riccardo Chailly, Lang Lang - Rachmaninow, Strauss)

Stilsicher und musizierfreudig
„Dass das Potenzial des Gewandhausorchesters zur Zeit schier unerschöpflich scheint, ist ebenfalls unbestritten. [...] Mit forschem Tempi und Stringenz nähert sich Antonini Händel, Bach, Vivaldi, Corelli und Pisendel. Was hier vom ersten Ton an in Händels „Wassermusik" passiert, verblüfft rundum. [...] Selbst die Hornisten Clemens Röger und Jochen Pleß bleiben in vertracktesten Momenten nichts schuldig, von den verblüffend homogenen Streichern und richtig weichen Holzbläsern ganz abgesehen. [...] Grandios die Kommunikation zwischen Frank-Michael Erben am ersten Pult und dem Musikanten Antonini [...] Da ist es nicht verwunderlich, dass bei so viel überschäumender, aber dennoch wohlgeordneter Musizierfreude das Publikum des Großen Concertes plötzlich das Reglement vergessend zwischenapplaudiert.[...]"
(LVZ, Tatjana Böhme-Mehner, 8. Dezember 2007, Giovanni Antonini - Händel, Bach, Vivaldi, Pisendel, Corelli)

Des Schicksals brodelnder Strom
Chaillys dritte Leipziger Neunte zum Jahreswechsel stehen bejubelt
„Sören Eckhoff, Gregor Meyer und Frank-Steffen Elster haben bei der Einstudierung nicht auf krachlederne Wucht gesetzt, sonder auf satten Klang und geschmeidige Sanglichkeit - soweit dies möglich ist bei dieser Partitur. [...] Das Chorkombinat vom Augustusplatz und das gediegene Solistenquartett [...] lassen sich Beethovens Zumutungen nicht anmerken, bieten Chailly Farben und Bögen und Dynamik satt. Und der bedient sich freimütig, dreht mit der Linken am in Echtzeit reagierenden imaginären Lautstärkesteller, während die Rechte unbeirrbar dafür Sorge trägt, dass alle vier Sätze in den Genuss eines fest zementierten Grundtempos kommen. [...] Raum [...] für melodische Wonnen, für die fast spaltklangig aufgefächerten Farben dieser verstörend modernen Partitur, für betörende Soli von Fagott, Flöte, Oboe, Horn [...] Immer detailversessener legt er [Chailly] das alles wollende Werk an, immer dramatischer, immer wuchtiger, immer tiefer eindringend zwischen die vielen Töne. Und doch geht dies nicht zu Lasten der melodischen Herrlichkeiten, die er 2005 der Leipziger Tradition einzuimpfen begann. Stehender Jubel [...]."
(LVZ. Peter Korfmacher, 31. Dezember 2007, Riccardo Chailly - Beethoven)

Von allem reichlich
Axel Kober springt für Riccardo Chailly im Großen Concert ein
[...] die drei komponisten liegen dem Orchester, und so gibt der Grooßklangkörper von allem reichlich [...] Benjamin Schmids Ansatz ist zwar gewöhnungsbedürftig, trägt aber reiche Früchte [...] Er ist da stark, wo sinfonisches, vielschichtiges, akkordisches, polyphones Spiel gefragt ist [...] Sein Ton leuchtet von innen und wird sensibel getragen von den edlen Ockerfarben des Orchesters [...] Tosender Jubel [...].
Das Gewandhausorchester folgt Kober [bei Wagner] so sinnlich, präzise, klangsatt, dass sich die frage aufdrängt, wann es gegenüber endlich wieder eine Meistersinger-Inszenierung gibt [...]. Von den warm streichelnden Celli des Anfangs bis zum rauschahften Finale lässt Kober [bei Dvorák] nichts anbrennen [...] Beglückende Streicher, wunderbares Holz [...] betörende Registerwirkungen im Adagio [...] Der Schlussakkord ist noch nicht verklungen , da schallt Kober das erste Bravo entgegen [...].
(LVZ. Peter Korfmacher, 19. Januar 2008, Axel Kober - Wagner, Brahms, Dvorák)

Der Gipfel erweist sich als Hochebene
Dimitrij Kitajenko springt für Riccardo Chailly ein.
[Kitajenko] ist so vielseitig, dass es ihm auch kurzfristig gelingt, sich in Programme einzufühlen, die ander für andere ersannen. und so kommt das Große Concert ohne Änderung aus. Beethoven und Bruckner stehen im erneut trotz Umbesetzung ausverkauften Gewandhaus auf dem Programm [...] Kitajenko hält die SInfonie im Fluss. Wa sim Angesicht der blockhaften Struktur schon eine Leistung ist. MIt sinnlicher Logik entwickelt er Großes aus Kleinem [...].
(LVZ. Peter Korfmacher, 26. Januar 2008, Dimitrij Kitajenko - Beethoven, Bruckner)

Wagner: Klangpracht in XXL
[Sir Charles Mackerras] adelte mit seinem energisch quicklewbendigen Schlag die grandiose Klangkultur der Gewandhäusler [...] Mackerras hat den klebrigen Schmalz Wagnerscher tonaler Orgien sorgsam abgetupft. Klangpracht entsteht quasi im Selbstlauf [...] Die Bogenführung aller Streicher scheint wie aus einem Guss, hinreißen transparent, hinreißend leicht, hinreißend leidenschaftlich. Funkelndes Blech und schwelgendes Holz gratnieren höchsten Genuss der Saga in XXL.
(LVZ. Elisabeth Schwarze, 16. Februar 2008, Sir Charles Mackerras - Wagner)

Und alle schwelgen mit
Thomas Dausgaard und das Gewandhausorchester läutern ihr Publikum bei einem Beethoven-Abend
Ein reiner Beethoven-Abend im Großen Concert - das klingt nach wohl wollendem Zugeständnis an das Anrechts-Publikum im ausverkaufen gewandhaussaal [...] DOch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt [...] Dausgaard setzt auf deutliche dynamische Kontraste. Ein markiger Beethoven, grobmotorisch aus kantigen Blöcken zusamengesetzt [die dritte Leonoren-Ouvertüre]. Da werden keine Ecken glatt geschliffen [...] Beim Tripelkonzert ist dann alles rund [...] und alle schwelgen mit [...] Ein Beethoven, ganz dazu angetan, die Menschheit zu bessern [...] Was das hochkarätige Dreigestirn miteinander verbindet, ist eine unsichbare Nabelschnur [...] die alle drei in einen kongenialen Mikrokosmos einbindet. [In Beethovens sechster Sinfonie] wird mit ausgefeilter Dynamik gepunktet [...] Das Finale verheisst aetherische Eindringlichkeit [...].
(LVZ. Birgti hendrich, 23. Februar 2008, Thomas Dausgaard - Beethoven)

Der Troll, das liebenswerte Wesen
Skandinavisches unter Pietari Inkinen beim Großen Concert im Gewandhaus
[...] Pietari Inkinen, einer der erfolgreichsten jungen Dirigenten Finnlands, hat gestern im Großen Concert das Gewandhausorchester dirigiert. Und er ist [...] behutsam, zurückhaltend, im Zweifel für das Weniger. Selten hat man Ase so langsam, selten so sanft sterben hören wie in Inkinens Interpretation der ersten Peer-Gynt-Suite [...] Die Kunst, Leises in ein aufregend schillerndes Licht zu tauchen, begleitet das Zusammenspiel von Inkinen und den Gewandhausmusikern von Grieg bis zu Sibelius' Fünfter [...] Jeder Takt kommt unters Mikroskop, als sei er auf der Suche nach immer neuen Geheimnissen, die die Partitur bisher vor ihm versteckt hielt. Was er dabei zu Tage fördert, ist die in vielen Interpretationen zu kurz kommende humorvolle Seite [...] Und dann legt Inkinen den Schalter plötzlich um. Aus der Betrachtung wird ein Sprint. Nun jagt er das Orchester mit maschinenhafter Präzision durch die Hallen, als könne das Klarinettenkonzert von Carl Nielsen keine Minute länger warten [...] Inkinen spiegelt den luftigen Klang im Orchester [...] Zum Schluss die, zumindest zu Beginn, etwas unzugängliche fünfte Sinfonie von Sibelius [...] Im zweiten Satz ist es wieder vor allem Inkinen, der den Ton angibt und kammermusikalisch zarte Emotionen auf die Bühne zaubert [...] Flirrende Geigen, dazu von jedem Pathos befreite Hornklänge, Vorboten eines skandinavischen Sommers - und vier auf den Punkt genau gearbeitete donnernde Abschlussakkorde [...].
(LVZ, Susan Weitershagen, 3. März 2008, Pietari Inkinen - Grieg, Nielsen, Sibelius)

Der Klassiker im Romantiker
Großes Konzert unter Masur mit Mendelssohn-Preisen für Mutter und Sloterdijk
„Schaut sie euch an und hört, wie sie spielt", ruft Kurt Masur in den gestopft vollen großen Gewandhaussaal. Und hat damit im Wesentlichen erklärt, warum die schöne Wundergeigerin Anne-Sophie Mutter [...] Trägerin des Leipziger Mendelssohn-Preises geworden ist. Fast demütig bedankt sie sich, sieht es als Ehre, diesem Dirigenten, den sie bewundere wie keinen anderen, als Preisträgerin nachzufolgen [...] Verblüffend ist dieser Mendelssohn, zu dem Mutter Masur antreibt. Halsbrecherisch flott nimmt sie die Außensätze. Und doch hat ihr Spiel nichts Gehetztes, auch nichts eitel auftrumpfendes. Mutter zeigt uns den filigranen Klassiker im Romantiker [...] So transparent, licht, funkelnd klangen die Läufe des strapazierten Werkes kaum je. So innig, warm, schlicht und dennoch glühend spricht auch der Mittelsatz nur selten zur Seele. Da wird Disziplin zur Schönheit - und Technik zur vernachlässigbaren Größe [...] Entscheidend [...] ist, wie Masur den Ecksätzen zu Logik verhilft [...] Jubel über Jubel.
(LVZ, Peter Korfmacher, 7. März 2008, Kurt Masur - Mendelssohn, Bruckner)

Bach - zwischen den Stühlen
Der Brite Trevor Pinnock, das Leipziger Gewandhausorchester und die h-Moll-Messe des Meisters
[...] Trevor Pinnock ist da und spielt mit dem Gewandhausorchester die h-Moll-Messe [...] Ideal für die Konstellation des Abends, beste Voraussetzung für eine Sternstunde im ausverkauften Saal. Pinnock verströmt Musizierfreude und beweist ein Händchen für die Ideale Mischung aus traumhaft besetztem Gewandhausorchester plus Chamber Choir of Europe plus Solistenquartett, das sich ohne Abstrich in eine Gesamtkonzeption einpasst, wie man es selten trifft [...] Es ist die Leichtigkeit, mit der Trevor Pinnock in die Tiefen der Partitur eindringt, die fasziniert [...] Am Ende ist es längst keine Gradwanderung mehr zwischen den Ansprüchen an Vibratoreduktion und den Möglichkeiten modernen Instrumentariums, sondern eine kongeniale Melange, die sich allein schon aus ihrer Klangwirkung heraus rechtfertigt [...] Nach knapp zwei pausenlosen Stunden des Entzückens bedauert man die Endlichkeit dieses Schönklangs und fragt sich, ob das nun Leipziger oder englischer Bach war - oder doch die endlos klingende Zukunft.
(LVZ, Tatjana Böhme - Mehner, 15. März 2008, Trevor Pinnock - Bach)

Pur nordische Dramatik
[...] Gerade sind die letzten Töne von Jón Leifs Konzert für Orgel und Orchester op. 7 mit dem Gewandhausorchester unter Osmo Vänskä verklungen. Jetzt gilt es, den Adrenalinspiegel zu senken: Schließlich hat die Komposition des Isländers dem Publikum viel abverlangt. Laut ist es gleich zu Beginn, aber bis zum atemberaubenden Finale gibt es auch runde, warme Celli, Violinen mit fragilem Pianissimo [...] Das ist euphorisierend, macht die Musik aber zu einer überaus sinnlichen Erfahrung [...] Im „Lighthouse" (Leuchtturm) für Streichorchester des Esten Erkki-Sven Tüür wurden die Emotionen angeheizt. War der Schlag des Ausnahme-Dirigenten Vänskä bei Leif der puren Leidenschaft ergeben, so waltete er zuvor mit eleganten Bewegungen, parierten die Streicher mit schwebenden Glissandi in den Bratschen und Celli [...] und produzierten somit ein unheimlich dichtes Klanggemälde. Dabei wird es mit Jean Sibelius' zweiter Sinfonie D - Dur zwar wieder hoch emotional, doch diesmal helfen die Gefühle zum erlösenden Seelenheil [...] Da singen sich die Streicher die Seele aus dem Leib, [...] schwimmt exzellentes Holz auf weich fließenden Bratschen und Celli, strahlt feines Blech voller Innigkeit, [...] wird gemeinschaftlich völlig unpathetisch in nordisch-herber Dramatik gewühlt... Volles Haus, volle Begeisterung.
(LVZ, Birgit Hendrich, 5. April 2008, Osmo Vänskä - Leif, Tüür, Sibelius)

Rund um die Moldau
Smetanas „Mein Vaterland" im Großen Concert
[...] Warum [die] rund zwölf Minuten [des ersten Satzes „Die Moldau" des Zyklus „Mein Vaterland" von Bedrich Smetana] so populär sind, zeigen [Jírí] Belohlávek und die Leipziger eindrucksvoll: Übermütig kräuseln die Holzbläser-Wellen sich im Sonnenlicht, virtuos fließen die Streicher dazu, weit ausschwingend setzen die ersten Violinen um Konzertmeister Frank-Michael Erben den melancholischen Gesang von der Heimat darüber [...] Belohlávek zeigt beide Seiten der Medaille zusammen: Da trifft der Zauber der Rhythmen, die ihre Wurzeln tief in die Volkstänze Böhmens geschlagen haben, auf das entfernte Hitzeflimmern der hohen Streicherfuge zwischen Hain und Flur [...] Da hat Belohlávek mit fein ausbalancierter Dynamik das Detail stets im Blick und gliedert es doch ein ins große strahlende Ganze [...] Begeisterung nach dem pausenlosen Konzert [...].
(LVZ, Peter Korfmacher, 12. April 2008, Jírí Belohlávek - Smetana)

Verkunstung des Trivialen
Mahlers Vierte und Ligetis Violinkonzert im Großen Concert mit Jonathan Nott und Christian Tetzlaff
[...] Darum stehen [Mahler und Ligeti] im Großen Concert von gestern und vorgestern in fabelhafter Balance auf beiden Seiten der Pause [...] Gastdirigent Jonathan Nott [...] schlägt virtuos. Im Ligeti-Konzert taktiert er das Gewandhausorchester geschmeidig durch die vielen Ereignisschichten. Beim auswendig dirigierten Mahler signalisiert die Linke [...] profunde Werkkenntnis [...] Das Gewandhausorchester bietet für diesen frohgemuten Tanz auf dem Vulkan berückende Farben [...] Und im traumschön ruhevollen Poco Adagio lässt Nott sie vergleichsweise ungefährdet die Schönheit der Melancholie ausbreiten. Simone Nold fügt sich mit der naturbelassenen Schlichtheit ihres Soprans gut in die Ästhetik der gefährdeten Naivität ein [...] [Bei Ligeti] glänzt und funkelt die Sologeige des amtierenden Artist in Residence Christian Tetzlaff. Wie bei Mahler singt auch hier die Geige ein trauriges Lied in trügerischer Schönheit [...] Im dritten [Satz] brodelt es zwar rings um die kostbaren Linien, doch Tetzlaff lässt sich nicht abbringen von der schlichten Schönheit seines Tons und der weit gespannten Linie Ligetis. Ein phänomenaler Solist, der sich nicht weiter schert um die enormen Schwierigkeiten des Werks, sondern einfach Musik daraus macht [...] Ein ordentlicher Gewandhäusler [...] hat den Sinn im Sinn, das Ganze, die Bedeutung. Dass diese spezifische Musizierhaltung selbst in Ligetis Filigran-Berserkerei stets spür- und hörbar bleibt, ist die eigentliche Sensation dieses großen Großen Concerts. Und die überträgt sich auch aufs Publikum im gut gefüllten Saal: Jubel für Tetzlaff, wofür der sich mit atemberaubenden Turbo-Bach bedankt.
(LVZ, Peter Kormacher, 19. April 2008, Jonathan Nott, Christian Tetzlaff - Mahler, Ligeti)

Sehnsucht nach Menschenbeinen
Peter Ruzicka dirigiert im Großen Concert eigene Musik sowie Beethoven und Alexander von Zemlinsky
[...] Zeit ist Geld, möchte man meinen und fürchtet schon einen Durchmarsch durch Beethovens vierte Sinfonie am Donnerstagabend zum Großen Concert im Leipziger Gewandhaus. Doch bereits die ersten Takte strafen alle Spekulationen Lügen. Fragile Streichertupfer wie Vorhalte in einer Zeitdimension nahe der Unendlichkeit: und doch in einer straffen Choreografie, die Spannung schafft, ohne sich zu verzetteln. Hier wird ein duftig transparentes Seidentuch gewebt, das sich durchaus zum tragfähigen Strang drehen lässt [...] Und selbst in den aufbrausenden Momenten scheint die Energie von den goldenen Strahlen der Morgensonne verschleiert [...] Beim „Nachklang. Spiegel für Orchester" des Dirigenten, Komponisten und Intendanten Ruzicka [...] klingt [...] eigentlich ein großes Stück Musikgeschichte nach [...] Wurden die Emotionen bei Beethoven noch gleichsam mit gezogener Handbremse ausgefahren, so gibt es [bei Alexander von Zemlinskys Fantasie in drei Teilen nach dem Märchen „Die Seejungfrau" von Hans-Christian Andersen] losgelöste Schwelgereien, unter Ruzicka freilich immer in hinreichend gesitteten Bahnen geführt [...] Das Publikum im voll besetzten Gewandhaussaal [spendet] reichlich Beifall [...].
(LVZ, Birgit Hendrich, 10. Mai 2008, Peter Ruzicka - Beethoven, Ruzicka, von Zemlinsky)

Breitwandkino für die Ohren
John Mauceri führt durch „Zeit und Raum" im Gewandhaus
[...] Und wie sich das gehört, entführt Mauceri im Wesentlichen nach Hollywood und bietet Breitwandkino für die Ohren mit einer anständigen Anzahl deutscher und europäischer Erstaufführungen [...] Mauceri verkauft dies entsprechend populär, aber ohne jede Anbiederung [...] Ein faszinierendes Filmmusik-Bild liefert vor allem der erste Teil, in dem sich quasi Einheit in der Vielfalt zeigt [...] Und so sind Mauceris „Bolero" wie auch seine Auseinandersetzung mit Rheingoldklängen im aller positivsten Sinne Hollywood-like [...] Joseph Christof spielt das Solo-Klavier in Philip Glass' Musik zum Film „The Hours" und trifft kongenial die Attitüde des Nostalgischen, die hier über den mit Puls und Harmonie spielenden Patterns liegt [...] Mauceri lässt das alles mit sicherem Gespür für einen einheitlichen Sound musizieren [...].
(LVZ, Tatjana Böhme-Mehner, 17. Mai 2008, John Mauceri - Ligeti, Glass, Williams, Morricone, etc.)

Im Sog von Rhythmus und Bewegung
Beethoven und Mahler im Großen Concert
[...] Hammer und Meißel [sitzen] perfekt, fahren erbarmungslos hinein in den Marmorblock, aus dem Riccardo Chailly im ausverkauften Großen Concert am Donnerstagabend Beethovens Coriolan - Ouvertüre schlägt [...] Chailly betont das, indem er die Ouvertüre flott bis halsbrecherisch anlegt, nicht auf den virtuosen Effekt schielend, sondern auf den Sog der Bewegung, des Rhythmus. Der umso unentrinnbarer wirkt, als Chailly keine Verschnaufpausen erlaubt. Formteile grenzt er nicht durch Pausen ab, durch Verzögerungen, Stauungen, Stauchungen. Hart schneidet er Klangfarben und Bewegungsmuster aneinander - und verfügt dabei über ein Orchester, das in Echtzeit reagiert [...] Der Vorwärtsdrang setzt sich über die Grenzen hinweg fort: Chailly beendet die Sätze [Beethovens Siebter Sinfonie] nicht, er lässt sie einfach aufhören, ein jeder einen Doppelpunkt vor den nächsten setzend. Und wenn der großartige Variationensatz wirklich Allegretto ist, nicht Trauermarsch, sondern Tanzsatz, fügt er sich plötzlich in die architektonische Logik der Gesamtanlage [...] Zwischen Mahlers Beethoven und Beethoven pur klemmt Chailly Mahler pur [...] Solist ist der Weltklasse - Bariton Christian Gerhaher, seine Stimme [...] ungeheuer wandelbar, präzise, wahrhaftig und schön [...] Chailly [lässt] die spaltklängige Herbheit dieses Orchestersatzes immer filigraner, durchscheinender werden - im „Urlicht" hat die Musik schließlich alle Last des Diesseits abgeschüttelt [...] Ein bemerkenswertes Großes Concert, mit bemerkenswert viel Applaus wird es bedacht. Noch bemerkenswerter: Das gleiche Orchester greift unter dem gleichen Dirigenten seit zwei Wochen auf der anderen Seite des Augustusplatzes mit Puccini ebenfalls nach den Sternen.
(LVZ, Peter Korfmacher, 24. Mai 2008, Riccardo Chailly, Christian Gerhaher - Beethoven, Mahler)

Die Welt dreht sich weiter
Kavakos als Solist, Chailly als Gewandhauskapellmeister im Großen Concert gefeiert
[...] Kavakos ist kein Schaumschläger, sondern disziplinierter, aristokratischer, wahrhafter Gestalter. Und von dieser Musizierhaltung profitiert Brahms' Violinkonzert. Von dessen Sperrigkeit ist nichts zu spüren im doppelt ausverkauften Gewandhaus [...] Den Finalsatz legen der begnadete Geiger und der begnadete Begleiter [Chailly] als quirlenden Kehraus an, der seine Energie aus den polternden Pfundnoten des Themas saugt [...] Wie auch immer - Chailly ist ein großer Operndirigent, aber er ist auch ein genialer Sinfoniker, und die Farben, Nuancen, Ausbrüche, Liebkosungen, die seine magische Linke aus dem fabelhaften Orchester pflückt, haben sich seit seiner Amtsübernahme gleichsam emanzipiert [...] Alles in bester romantischer Tradition, alles voller Emotion und Seele - vom allgegenwärtigen Kitschpolizisten Chailly sicher zwischen allen potenziellen Untiefen hindurch manövriert. Gelöst nimmt der Gewandhauskapellmeister seinen Jubel entgegen, strahlt, umarmt mit weiten Gesten sein Publikum, sein Orchester, als sei eine Last von ihm gefallen [...].
(LVZ, Peter Korfmacher, 31. Mai 2008, Riccardo Chailly, Leonidas Kavakos - Brahms, Tschaikowski)

Zauberhände und magischer Atem
Widmann und Masurenko heben im Großen Concert unter Kober Rihms Doppelgesang aus der Taufe
[...] Immerhin gilt es, [...] die Taufe und deutsche Erstaufführung von Wolfgang Rihms Drittem Doppelgesang gebührend zu würdigen [...] Das Gewandhausorchester in Kammerbesetzung beleuchtet [die] Studien [Mozarts Adagio und fuge c-moll] mit der bestechenden Klarheit seines senza vibrato [...] Statt die für derlei Anlässe üblichen launig-lobhudelnden Reden zu schwingen, lässt man lieber ganz im Sinne des Komponisten und Kindsvaters Wolfgang Rihm die Musik sprechen. Und vor allem: Singen [...] Im Notturno vereinigen sich [Klarinette und Bratsche] zu einem - Rihms Vision des Verschmelzens in der Mittellage wird durch Zauberhände und magischen Atem Wirklichkeit, wunderbar warm und weich gebettet in den Gewandhausklang [...] Axel Kobers verständiges, konstruktives Dirigat eröffnet Grenzenlosigkeit. Ein Hauch himmlischen Friedens auf der irdischen Gewandhausbühne [...].
(LVZ, Charlotte Schrimpff, 14. Juni 2008, Axel Kober, Riccardo Chailly - Mozart, Rihm, Reger)

Kirill Petrenko zaubert im Großen Concert
[...] Am Donnerstagabend steht – so möchte man meinen – ein Zauberer am Dirigentenpult im Großen Gewandhaussaal [...] Der junge Westsibirier [vermag] Ordnung ins Chaos von Ligetis „San Francisco Polyphony“ zu bringen. Zusehends entflicht er die Spinnweben, derweil im Gewandhausorchester die Geigen mit Klavier und Xylophon um die Wette klirren, später sanft rauschen, das Magma blubbert, der Hammer auf den Amboss haut. Märchenhaft schön und mit einem unverhohlenen Augenzwinkern geht es mit Kodálys „Háry-Janos-Suite“ weiter [...] Der zweite Teil des Großen Concerts steht ganz im Zeichen des Tschechen Leos Janácek [...] Bei den Gewandhäuslern singt das Holz anmutig über einer stringenten Streicherbasis; bevor die Violinen selig ausschweifen, gesellen sich liebliche Oboen zu ebensolchen Hörnern, dämpft Petrenko die munter tupfenden Streicher- und Hölzerklänge, um dann entfesselt loszupreschen [...] Hier werden noch emotionale Kämpfe fernab von plakativer Estradenmusik ausgefochten [...] Ein Paradestück für die glänzend aufgelegten Gewandhausmusiker, ein Glücksfall für die Konzertbesucher [...].
(LVZ, Elisabeth Schwarze, 21. Juni 2008, Kirill Petrenko – Ligeti, Kodály, Janácek)

Airlebnisse im Rosental
Leipziger Oper und Gewandhaus sorgen unter freiem Himmel für ein Volksfest mit Niveau
Bereits zum fünften Mal ließen die Leipziger Oper und das Gewandhaus Freitag- und Samstagabend [im Rosental] ihre Saison unter freiem Himmel [...] ausklingen [...] „Die Atmosphäre ist immer wieder großartig!" schwärmt Heidi Bufe [...] „Eine sehr schöne Idee: preiswerte Klassik für jedermann" [...] Die berauschte Open-Air-Gemeinde zahlt in Begeisterung und Bravi [...] Der englische Tanzbär Sir Andrew Davis wippt und winkt die Ferienfeierlaune von Gewandhaisorchester, Opernchor und Gesangssolisten durch ein kunterbuntes Potpourri aus populären Lieblingsstücken [...] „Schön ist das!", seufzt es bei Macagnis Intermezzo sinfonico (Cavalleria rusticana) [...] Jubelnd finden Tausende [...] zurück in die Leipziger Heimat [...].
(LVZ, Charlotte Schrimpff, 14. Juli 2008, Sir Andrew Davis - Mozart, Verdi, Rossini, Puccini, Mascagni, Tschaikowski)

 

 
 

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