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Pressestimmen 2008/2009

Herbst-Tournee 2008 - Europa (Zusammenfassung)
Im September war das Gewandhausorchester unter der Leitung von Riccardo Chailly auf einer Gastspielreise, in deren Verlauf es in der Luxemburger Philharmonie, im Rahmen des Lucerne Festivals im Kultur- und Kongresszentrum Luzern, anlässlich der Internationalen Beethovenfeste in Bonn, im Concertgebouw in Amsterdam und in De Doelen in Rotterdam gastierte. Peter Hagmann bescheinigte dem Orchester in der Neuen Zürcher Zeitung ein „Niveau, das die Leipziger in den letzten vier Jahren zu einem der besten Orchester Europas aufsteigen liess" und resümierte: „Wie grandios Orchestermusik sein kann, war an diesem Abend zu erleben." In der Neuen Luzerner Zeitung wie auch in den Schaffhauser Nachrichten wurden die „atemberaubenden geigerischen Höhenflüge" sowie das „enorme [...] Können und [die] leidenschaftliche [...] Ausdrucksgestaltung" der Solistin Carolin Widmann gesondert erwähnt. Mathias Nofze vom Bonner Generalanzeiger bezeichnete das Gewandhausorchester als ein „Instrument von fantastischer Kraft und Eleganz, das den Steigerungen und Klangflächen zu grandioser Wirkung verhalf" und lobte die „allerhöchste Orchesterkultur der Leipziger" sowie deren „makellose Klangkultur". Auch die Saarbrücker Zeitung betonte die „große [...] Spielkultur" und sah das Konzert als „Erlebnis" an. „Wann hat man so etwas schon einmal erlebt?", fragte sich Gerhard W. Kluth im Trierischen Volksfreund, der zudem schrieb: „Es sind die wahren Spitzenorchester, die zu solchen Leistungen in der Lage sind, deren leisestes Spiel kaum hörbar und doch tragfähig ist, deren Tutti gewaltig aber nie gewalttätig ist. Die Leipziger gehören dazu, sie besitzen all diese Vorzüge, die es ermöglichen, sich von der Musik packen, verzaubern, erschüttern zu lassen." Virginie Palu betrachtete das Gewandhausorchester auf resmusica.com als „Ensemble, das zu den allerbesten der Welt zählt". „Riccardo Chailly erweist sich als bewerkenswerter Dirigent", befand Stéphane Gilbart in LaVoix. „Er beherrscht die Wirkung, ohne sie aufdringlich werden zu lassen, eine Tendenz, die leider allzu weitverbreitet ist." Peter van der Lint freute sich über die „Rückkehr" Chaillys in die Niederlande und der in De Doelen „zeigte, wo seine Qualitäten als Dirigent liegen: Rhythmus vom Allerbesten, ein unglaublich scharfes Ohr für dynamische und andere Details und eine ziselierte Präzision in der Ausgestaltung." In der Kölnischen Rundschau schrieb H.D. Terschüren: „Was für ein großes, schönes Orchester, das allen anderen seine 250-jährige Tradition voraus hat."


Es steht ja alles in den Noten
Rihm-Uraufführung und Beethovens Fünfte im Großen Concert

Wolfgang Rihm, Jahrgang 1952 ist derzeit der Gefragteste unter den lebenden deutschen Komponisten. Riccardo Chailly und das Gewandhausorchester hoben gestern und vorgestern im doppelt ausverkauften Großen Concert mit Carolin Widmann an der Sologeige sein Violinkonzert „Coll'Arco" aus der Taufe, ein Auftragswerk des Gewandhauses und des Lucerne Festivals [...] Und tatsächlich ist „Coll'Arco"; seine „Vierte Musik für Violine und Orchester" die sinfonische Konsequenz eines monumentalen, doch in sich gekehrten Geigen-Gesangs. Selbstvergessen, schwerelos, substanziell und verstörend schön ist dieser große Gesang [...] Hier geht es nicht ums Material, sondern um die Seele [...] Die philharmonische Süffigkeit, die warmen Erdtöne, auf die Rihm setzt, kommen dem Eigenklang des Gewandhausorchesters weit entgegen [...] Widmann nimmt auch ihren Solo-Part traditionell: Effekte spielen hier keine Rolle, die immensen spieltechnischen Anforderungen dienen dem Ausdruck, sind nicht im Zentrum. Jeder Ton, jedes Intervall, jede Phrase, jeder Bogen dieser praktisch pausenlosen Linie glüht vor Intensität, innerer Spannung. Schönheit. Dabei bleibt ihr Ton trotz seiner substanziellen Wucht hell und silbrig [...] „Mutig, riskant, beeindruckend" findet Rihm, was Chailly mit Beethoven[s fünfter Sinfonie] anstellt [...] Allen pathetischen Ballast wirft Chailly über Bord, alle genialischen Mätzchen. Eben darum klingt seine Fünfte so pathetisch, so genialisch - dabei so rein und so unverbraucht [...] Enthusiasmierter Jubel.
(LVZ, Peter Korfmacher, 13. September 2008, Blomstedt, Chailly, Widmann - Rihm, Beethoven)


Minimale Makel machen einzigartig
Blomstedt dirigiert Bartel und Bruckner im Großen Concert

Mit drei großartigen Uraufführungen startet das Gewandhausorchester in die neue Spielzeit [...] im Großen Concert dieser Woche [stand] Hans-Christian Bartels Konzert für Violine und Orchester [auf dem Spielplan]. Solist war Thomas Zehetmair, am Pult stand Ehrendirigent Herbert Blomstedt [...] Als dichter, süffig-süßer Saft fließt [Bruckners sechste] Sinfonie am Donnerstag und Freitag ins Große Concert, dass man trunken werden kann, versinken mag im sinfonischen Rausch [...] Wenn aus einem winzigen Wink von Blomstedts Fingerspitze feine Irritationen rieseln wie Salzkörner. Wenn eine einfache Wendung des Handgelenks die Dynamik schwellen lässt, an - und wieder ab. Dann ist das Ergebnis totale Intensivierung. Dann machen minimale Makel einzigartig, schmeckt das Ganze nach noch mehr [...] Hans-Christian Bartel schreibt der Stunde die Musik auf den Leib [...] Die phänomenale Feinabstimmung der Register wird ebenso ausgereizt, wie das geigerische Weltniveau seines Auftraggebers: Glaskugel-Pizzicati klingen im Glockenspiel nach, und spinnzarte Fäden mischen sich mit Flötenflair [...] Das ist eingängig, sehr greifbar - und trotzdem ziemlich packend [...] Bartel, Blomstedt und Zehetmair liegen sich in zufriedener Eintracht in den Armen, das Publikum in begeistertem Beifall zu ihren Füßen.
(LVZ, Charlotte Schrimpff, 27. September 2008; Blomstedt, Zehetmair - Bartel, Bruckner)


20 Minuten Ewigkeit
Henze-Uraufführung und Beethovens Eroica im Großen Concert

[...] Mit bewegtem Applaus hat das Publikum in den ausverkauften Großen Concerten gestern und vorgestern die Uraufführung von Hans Werner Henzes „Elogium Musicum" aufgenommen [...] Die viersätzige Eloge ist ein tönendes Denkmal [...] Erinnerungsarbeit voller Schmerz zu Beginn, dann zunehmend friedvoll und licht [...] Streng getrennt sind [Chor und Orchester] behandelt, und doch eng verzahnt durch die lichtvolle Schönheit von Henzes Satz, der auf Klarheit zielt und sich freimütig der Tradition bedient, mit der Henze nie wirklich brach [...] Chailly setzt auf Transparenz, übergeht keine der ungezählten Herrlichkeiten, nimmt sacht das Publikum bei der Hand [...] Er folgt konsequent der Logik der Schönheit und erreicht die allermeisten im Publikum mit diesen 20 Minuten Ewigkeit [...] Die schillernden Ocker-Töne des Orchesters, die kristalline Pracht von Howard Armans phänomenalem Rundfunkchor, der jeden Ton, jede Silbe, jeden Klang, jede Linie zum Ereignis macht, der so sinnliche wie disziplinierte Zugriff Chaillys, sie erzeugen einen Klang von äußerster emotionaler Kraft. Und der lange Applaus vor der Pause zeigt eindrucksvoll, dass jeder verstanden hat: Mit dieser bewegenden Uraufführung wird in Leipzig endlich wieder Musikgeschichte geschrieben, nicht nur vorgelesen. Um Henzes Monument gruppiert Chailly zwei weitere Denkmäler in Tönen: Die sanfte Zuversicht aus Mozarts knapper „Maurerischer Trauermusik" [...] und Beethovens humanistischen Solitär, die Eroica [...] Grandios - angemessener Jubel.
(LVZ, Peter Korfmacher, 4. Oktober 2008, Riccardo Chailly - Hans Werner Henze, Mozart, Beethoven)

Insel der Entschleunigung
Beim Großen Concert im Gewandhaus spekuliert Emanuel Ax auf Intensität
[...] Ax' amerikanische Ode der Bescheidenheit ist eine einzige Streicheleinheit für die Seele. Mit wenigsten Tönen - dafür wunderschönen [...] Bei Ax sind [die einzelnen Töne] butterweich, wohlig warm und glänzen. Ganz ohne Glitzer-Glamour großer Gesten. Denn das ist sein Kapital, eine angenehme Uneitelkeit [...] Ein ganzes Gewandhausorchester [...], das sich in diese Schlichtheit hinein- und wieder heraussteigert, eine entschlackte Einfachheit, die nicht mehr und nicht weniger will, als schön zu sein. Und das rentiert sich. In Inseln der Entschleunigung, die Dirigent Hugh Wolff einen ganzen Abend lang markiert, von Messiaen bis Szymanowski. Ax' Landsmann führt jede Bewegung zu Ende, die ganz kleine und die ganz große, immer geduldig, stets geschmeidig [...] Aber die Spannung hält. Ohne dynamische Prasserei, dafür in Soli und Handreichungen quer durch alle Register [...] Man muss nicht geizen, um Maß zu halten [...].
(LVZ, Charlotte Schrimpff, 1. November 2008, Hugh Wolff, Emanuel Ax - Strauss, Messiaen, Szymanowski)


Fromme Walzer für die ewige Glückseligkeit
Riccardo Chailly dirigiert Gioacchino Rossinis hinreißende Messe solenelle im Großen Concert
[...] Und doch liegt eine unerklärliche Magie über Gioacchino Rossinis letzter Alterssünde [...] Chailly setzt auf jene Instrumentation, die Rossini kurz vor seinem Tod vor allem vornahm, damit es sonst niemand machte, und die ein neues Werk gebiert, das zwar alle Töne behält, aber ganz andere Musik wird [...] Nuancen kommen vom Gewandhausorchester mit staunenswerter Selbstverständlichkeit [...] So elegant, selbstverständlich sinnlich, detailversessen und warm musiziert wie unter Chailly deckt sich das Ergebnis vollständig mit Rossinis eigener Einschätzung seines Schwanengesangs: „Wenig Wissenschaft, etwas Herz, das ist alles" [...] Der Schöne Gesang entscheidet in der Messe solenelle letztlich über Wohl und Wehe. Auch diesbezüglich lässt das Große Concert nur wenige Fragen offen [...] Sopranistin Alexandrina Pendatchanska [...] singt  im O salutaris mit hinreißend naiver Schönheit übers Heilige Opfer, macht so den Opern-Gestus Rossinis durchlässig für die transzendente Heiterkeit pur optimistischen Glaubens. Die kurzfristig eingesprungene Manuela Custer führt einen voluminösen Alt, der sich [...] fabelhaft ins Ensemble integriert, das in dieser Messe ohnehin meist wichtiger ist als die Einzelleistung. Darum markiert Tenor Stefano Secco den Gipfel dieses Solistenquartetts, weil er seine lyrische und für dieses Repertoire wenig große Stimme bei Bedarf so abtönt, dass sie sich perfekt mischt, im zackigen Domine Deus aber selbstbewusst prunken kann. Diese weite Spanne decken auch die von Sören Eckhoff und Gregor Meyer präparierten vereinigten Chöre ab. Warm homogen, rund, verständlich klingt es aus den rund 80 Kehlen, samtweich in Momenten schlichter a-cappella-Wonne, wuchtig im Forte, dynamisch fein ausbalanciert in den Sätzen im alten Stil [...] Erheblicher Jubel.
(LVZ, Peter Korfmacher, 8. November 2008, Riccardo Chailly - Gioacchino Rossini)

 

Ein Traumpaar
Janine Jansen geigt, David Zinman dirigiert im Großen Gewandhaus-Concert
[...] Gestern und vorgestern im Großen Concert im Gewandhaus zu Leipzig möchte man sogar meinen: ein Traumpaar [...] Wenn sich Janine Jansen leise durch die mysteriöse Melodik des Kopfsatzes [des zweiten Violinkonzerts von Sergej Prokofjew] wirbelt, wenn David Zinman dunkle Pulse aus den Bässen klaubt. Wenn sie entfesselt über alle Saiten schrammt, bis die Haare fliegen, und er seine Bewegungen auf ein Minimalmaß knapp über der Partiturseite reduziert. Dann klingt ein Instrumentalkonzert wie Kammerkunst: sehr intim und sehr intensiv, in lauten wie in leisen Takten [...] Jansen dreht sich immer wieder um, weg von Zinman, hin zum Tutti. Zu ihrem Resonanzraum, der sich so süß macht wie sie, so pointiert, so zart. Mit vollem Vibrato und bisweilen ganz und gar ohne. Und dann genauso bissig ist, so wild, so garstig. Obwohl - richtig hässlich wird das eigentlich nie, grob und falsch schon gar nicht. An Intonation, Technik, Präzision verschwendet an diesem Abend niemand nur einen Gedanken. Das sind hier keine Leistungen, sondern Mittel zum Zweck [...] Dafür setzt es frenetischen Jubel, Bravi, sogar Pfiffe [...] Nach der Pause eine kleine Sensation. Nämlich die Erstaufführung eines Stücks, das es in 101 Jahren Lebenszeit nie in ein Gewandhaus-Programm geschafft hat [...] Sibelius' dritte Sinfonie [...] Dieses dunkel dampfende Streichertimbre, die schaurig-schöne Holzbläser-Melancholie, Bassbordun und Blech - das nahe, ferne Norwegen in Gewandhaus-Couleur eben [...] Feingliedrig und biegsam, ätherisch, elegant tänzelt die Streicherkleinstbesetzung durch Strawinskys Ballettmusik „Apollon musagète".
(LVZ, Charlotte Schrimpff, David Zinman, Janine Jansen - Strawinsky, Prokofjew, Sibelius)

Flüstern und Beißen
Großes Gewandhaus-Concert mit Michail Jurowski
Der einstige Chefdirigent der Oper Leipzig [inszeniert im Großen Concert] die Extreme [...] Der mit einem unmerklichen Zucken der Stabspitze die Harmonie umkippt: klack, von hell nach dunkel, klack, von Moll zu Dur. Mit großen Gesten die Dynamik auslädt, von den Violin-Flanken in die Mittelstimmen, aus den Brummel-Bässen in die Bläser rührt. Sie alle mit Ritartandi und Accelerandi so langsam hochkocht, bis es nicht mehr heißer geht, bis es endlich platzt: Er stampft, das Blech brüllt, er sticht, und die Streicher beißen. Es ist ein Rausch zwischen Gut und Böse, [...] immer wieder bitter, immer wieder süß [...] Auch für Danjulo Ishizaka, der sich und sein Cello eingangs durch durch Prokofjews Sinfonisches Konzert wahnwitzt. Mit festem Ton, klarem Klang und vielen, vielen Farben. Es flüstert, wenn er es umarmt, es säuselt, wenn er es streichelt, es stöhnt, wenn er es packt. Und dann nimmt er es bei der Hand und jagt kreuz und quer über Saiten und Griffbrett. So schnell und virtuos, dass diverse Register seinem Allegro giusto nachstolpern und Jurowskis freie Hand nach dem Podiumsgestänge tastet [...] Seinen unbedingten Ausdruckswillen rettet er aber über alle Abgründe. Und wenn es wieder ruhig wird, wird es schön. Da verfängt sich sein Flageolett in der Flöte, glitzern alle Glissandi, und Jurowski stemmt seine Hand in die Hüfte und freut sich. Das ausverkaufte Haus auch [...].
(LVZ, Charlotte Schrimpff, 22. November 2008, Michail Jurowski, Danjulo Ishizaka - Prokofjew, Tschaikowski)

Exotische Erotik
[...] 75000 Euro für vier Kinderprojekte in Leipzig erbrachte das gemeinsame Benefizkonzert von Gewandhaus, Leipziger Volkszeitung und Verbundnetz Gas AG am Sonntagabend.

[...] Keiko Abes Rhapsody für Marimbaphon und Orchester „Prism" ist durchaus als Showstück angelegt [...] Im Hintergrund legt das Gewandhausorchester unter Kristjan Järvi schillernde Flächen aus, spannt Beziehungsnetze, lässt zur Gliederung immer mal wieder einen Akkordschlag gellen. Aber die Hauptsache steht vorn halb rechts: Martin Grubinger fegt mit zwei bis sechs Schlägeln über die Klanghölzer, klöppelt sich durch Stichnoten, wie sie Franz Liszt für zehn Finger auf einem Klavier nicht gleisnerischer hätte ersinnen können, wirbelt die Laufkaskaden schneller, als man gucken kann. Holt mit ansatzlosen Tonwiederholungen die Klänge im Nichts ab, lächelt bei alldem, macht immer Musik - selbst wenn es wie Leistungssport aussieht. Ein Ausnahme-Perkussionist, ein Star, ein Besessener [...] Und so gehen der tumultartige Jubel, gehen die Bravi, die Pfiffe völlig in Ordnung [...] [Wayne Marhalls] Technik jedenfalls reicht auch für Rachmaninow. Und tatsächlich sind die Anforderungen, die George Gershwin in seinem Concerto in F stellt, auf ähnlich virtuosem Niveau [...] Marhall schubst das Konzert ein gutes Stück weiter in Richtung Jazz, [...] weil in seinen Phrasierungen, seiner Artikulation, seinem Anschlag diese exotische Erotik wohnt, die für klassische Musiker bisweilen schwer zu erreichen ist. Es sei denn, einer wie Kristjan Järvi reicht den Groove ins Orchester weiter [...] Der betörende Streicherschmelz um Konzertmeister Sebastian Breuninger, die beseelte Schlagwerk-Kompanie, der grandiose Julian Sommerhalder an der Solotrompete, Cornelia Grohmann an der Flöte und und und [...].
(LVZ, Peter Korfmacher, 2. Dezember 2008, Kristjan Järvi, Wayne Marshall, Martin Grubinger - Bernstein, Abe, Gershwin)

Urromantischer Elfenton
Mendelssohn-Raritäten zum Mendelssohn-Jahr im Großen Concert unter Chailly
Das Gewandhausorchester macht sich mit dieser Partitur [Mendelssohns Schottischer Symphonie] in den Orchester-Olymp auf. Alles andere wäre unbefriedigend, wenn Mendelssohns Orchester unter Mendelssohns Nachfolger im Mendelssohn-Jahr eines von Mendelssohns Hauptwerken angeht. Immer wieder zeigt Chailly mit lustvoll vorgestülpter Unterlippe, wiegenden Hüften, elastischen Knien, diesem Blick, der alle gleichzeitig fixiert, dass es nichts Nebensächliches gibt in dieser Musik [...] Obwohl [Chailly] das Vivace non troppo (Nicht zu schnell) verdammt schnell anlegt, ist es doch nicht zu schnell. Nicht einmal für die fabelhaften Hörner. Weil das Orchester auf Weltniveau mitstürmt, Trennschärfe und Transparenz, Homogenität und Sinnlichkeit nicht leiden. Grandios [...] Elegant streichelt [Roberto Prosseda] die halsbrecherischen Figurationen aus den Tasten [...] hört man Prosseda, ist es atemberaubend, wie er Läufe perlen lässt, Linien singen, Hormonien funkeln, Farben leuchten [...] Martin Petzold (Tenor) und Michael Nagy (Bass) [...] machen ihre Sache ausgezeichnet. Die von Howard Arman präparierten und von Chailly auf Händen getragenen Herren des MDR-Chors sind eine sichere Bank, singen klanggewaltig, präzise, homogen und sinnlich [...] Mendelssohn war ein Gigant, und seine Musik ist in Leipzig so gut aufgehoben wie nirgendwo sonst.
(LVZ, Peter Korfmacher, 24. Januar 2009, Riccardo Chailly, Roberto Prosseda - Felix Mendelssohn Bartholdy)

 
Forschungsreise zum vermeintlichen Bekannten
[...] Luftig, unwirklich, ätherisch huschen in der langsamen Einleitung Beethovens [zweiter Sinfonie] die Tonleitergirlanden der ersten Geigen übers Holz, von Chailly mit der Linken zärtlich aus der Luft über Konzertmeister Christian Funke und seinen Kollegen gestreichelt [...] [Chailly] führt so elegant und sinnlich und unerbittlich [...] und kann dabei auf ein Orchester zurückgreifen, das bereit ist, ihm mit vollem Risiko auf diese Forschungsreise zu einem vermeintlichen Bekannten zu folgen [...] Chailly legt die Ausbrüche, Anläufe, Schwellungen beinahe gewalttätig an. Und doch kippt Lautstärke nie in Lärm. Weil auch im Tutti die Binnenstruktur hörbar bleibt. Weil Chailly mit Bruckner aus der Überlagerung von Bewegung, aus Rhythmus mithin, Form gebiert und Schönheit. Die hörbar zu machen, bedarf es immer wieder des ordnenden, dämpfenden, anfeuernden, beseelenden Pultmagiers [...] Erheblicher Jubel - kein schlechtes Vorzeichen für die Europa-Tournee, auf die das Gewandhausorchester und Chailly sich auch mit diesem Programm in der kommenden Woche aufmachen.
(LVZ, Peter Korfmacher, 30. Januar 2009, Riccardo Chailly - Beethoven, Bruckner)

Viel Modernes mit Grubinger
[...] Grubinger, ganz Artist in Residence der Saison, [behält] den Überblick [...] in HK Grubers „Rough Music", dem Konzert für Schlagzeug und Orchester [...] „Revolutionär" findet Grubinger das Werk - und deshalb spielt er es auch so. Nicht als auftrumpfende Schlegel-Show, sondern lyrisch, erstaunlich lieblich sogar. Im Zwiegespräch von Vibraphon und Cello, in versunkenem Flüstern, immer wieder eingelassen in den zweiten Satz [...] Komponist und Dirigentengast HK Gruber organisiert seine Abläufe, die unentwegten Gegenläufe, aus sparsamen Ellenbogenachsen, ohne Stock und ohne Schnörkel, [...] auch mit Gespür für Feines und Formales, Farbiges, fast Filmisches [...] Diese Dramaturgie verbinden [...] Idiome und Inspirationen der Idee von Kolorit und Klang. Dem des Gewandhausorchesters etwa, [...] in den sich an diesen Abenden endlich wieder die große Schuke-Orgel schmiegt. Unter der Hand von Michael Schönheit, in Coplands Orgel-und-Orchester-Sinfonie. Ein geruhsamer Rahmen ist dies, in den Schönheit jene Rags und Rhythmen hakt, aus denen die Kollegen eingangs schon George Antheils „Jazz Symphony" generierten. Da schlagen sich Brücken aus Brass, Bögen aus Blech, die fast zwingend zu Bernstein führen [...].
(LVZ, Charlotte Schrimpff, 28. Februar 2009, HK Gruber, Martin Grubinger, Michael Schönheit - Gruber, Antheil, Bernstein, Copland)


So muss Mozart klingen
Julia Fischer geigt, Andrés Orozco-Estrada dirigiert im Großen Concert
[...] [Das] A-Dur-Violinkonzert KV 219, gestern und vorgestern im Großen Concert [ist] für eine wie Fischer offenbar gerade leicht genug. Ohne Schwierigkeiten nämlich und absolut schwerelos. So schwebt ihr Ton über der schlichten Geschmeidigkeit des Gewandhauskammerorchesters, so webt sie ihn hinein: Ungeheuer seidig, zart und fast ein bisschen süß [...] Subtil ist das, sehr selbstvergessen und -verständlich. Dabei stets so klar und leise, in den ungezählten Schattierungen von Piano, Pianissimo. Bis das Bogenhaar die Saite kaum mehr berührt - und dabei keinen Bruchteil einer Sekunde von dieser übermäßigen Spannung verliert. Selten war der Saal so voll, selten war der Saal so still. Denn so mühelos, so musikalisch kann Mozart klingen. So muss er sein. Klassisch eben, im allerbesten Sinn [...] So, wie der Kolumbianer [Andrés Orozco-Estrada] das Orchester mit Prokofjews erster, der Klassischen Sinfonie, eingangs auf Extreme eichte, auf Aufmerksamkeit, motivisch-dynamische Feinstarbeit trimmte, war nicht nur dieser Mozart möglich. Sondern noch mehr.
(LVZ, Charlotte Schrimpff, 14. März 2009, Andrés Orozco-Estrada - Prokofjew, Mozart, Dvořák)


Englische Frische
Trevor Pinnock, Haydn und ein spritziges Gewandhausorchester beim Großen Concert
[...] In neuerer Zeit avanciert [Trevor Pinnock] mehr und mehr zum Idealpartner für das Gewandhausorchester und zu einer sicheren Bank, geht es um spannende und stimmige Konzertprogramme am Augustusplatz. Hier stand er gestern und am Donnerstagabend beim Großen Concert am Pult [...] Und es ist nicht übertrieben, dieses Konzert einzigartig zu nennen. Mit Leichtigkeit vermittelt der Erzmusikant musikalisches Vergnügen sowie ungewöhnliche musikhistorische Einsichten [...] Verblüffend, wie der Dirigent den geistvollen Handwerker Haydn herausarbeitet, dessen kontrapunktisches Spiel, wie viel Witz er da zutage fördert, und welche klanglichen Feinheiten er mit dieser kleinen Gewandhausbesetzung zaubert. Die klingt, als wäre ihr nichts vertrauter als diese Form des musizierens, und tritt erneut den Beweis an, dass man im internationalen Maßstab auch auf diesem Gebiet mit dem Gewandhaus rechnen muss [...] Solistin ist die fantastische Marie-Claude Chappuis, die die Palette zwischen Sinnlichkeit und Affektenlehre auskostet. Sie ist es auch, die im zweiten Teil gemeinsam mit dem Cembalisten Pinnock zwei der englischen Lieder Haydns interpretiert - mit Stilsicherheit, Frische und perfekter Stimmkultur [...].
(LVZ, Tatjana Böhme-Mehner, 21. März 2009, Trevor Pinnock, Marie-Claude Chappuis, Sebastian Breuninger - Joseph Haydn, Johann Peter Salomon)


Tradition gebiert Zukunft
Thomaner und Tölzer Knabenchor mit Bachs Matthäuspassion unter Riccardo Chailly im Großen Concert
[...] Im ausverkauften Gewandhaus haben gestern und vorgestern die Thomaner mit dem Tölzer Knabenchor Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion aufgeführt. Unter der Leitung Riccardo Chaillys musizierten überdies das Gewandhausorchester und eine glanzvolle Solisten-Besetzung [...] [Die Gesamtanlage] ist bemerkenswert dramatisch, weicht ab vom Klischee der Kontemplation, die der Leidensgeschichte nach Matthäus anhaftet [...] Links die kristalline Transparenz der Thomaner, rechts die bronzene Wucht der Tölzer. Links der naturbelassene Glanz der hohen Stimmen, rechts die natürliche Autorität kraftvoller Männerstimmen, der virtuose Glanz wie selbstverständlich beherrschter Koloraturen, denen auch Chaillys Tempi keine nennenswerten Schwierigkeiten in den Weg legen. [...] Die Tölzer gehören zu den besten Knabenchören der Welt. Ungeheuer klangschön reagieren sie auf die subtilsten Zeichen Chaillys. Und was beide Chöre [...] an Farben, Dynamik, Kultur, Schönheit ausbreiten, trägt maßgeblich zur Einzigartigkeit dieser historischen Aufführung bei. Dies gilt auch für die Solisten: Johannes Chum spürt sensibel [...] jeder Nuance der Evangelistenerzählung nach. [...] [Die] schlichte Kraft [von Hanno Müller-Brachmanns] Deklamation fügt sich grandios ein in die Gesamtanlage. Der Bass Thomas Quasthoffs klingt wie aus einer besseren Welt herüber, und sein Rezitativ-Arie-Paar [...] gehört zu den seltenen Momenten, in denen Schönheit und Wahrhaftigkeit die Zeit aushebeln [...] Und [das] Gewandhausorchester [lässt] diesen neuen Leipziger Bach leuchten und leben [...], [schließt] dabei seine Tradition kurz mit einer Ästhetik, die aus den Erkenntnissen der Aufführungspraxis Zukunft gebiert [...].
(LVZ, 4. April 2009, Peter Korfmacher, Riccardo Chailly, Solisten- Bach)

Erfolgreiches Neujahrskonzert in London (Zusammenfassung)
Das Gewandhausorchester hat unter der Leitung von Riccardo Chailly die traditionelle Silvesteraufführung der 9. Sinfonie von Beethoven am 1. Januar 2009 in London wiederholt. Der Telegraph schreibt: „Wenn die Leipziger mit diesem Flair und dieser Sichtweise spielen, konkurrieren sie leicht mit den Berliner Philharmonikern und übertreffen sie in klanglicher Wärme und Empathie ... fesselnde überwältigende Wirkung der Aufführung."  Im Independent ist zu lesen: "... Eine erhebende Erfahrung zum Trotz gegen verhängnisvolle Vorhersagen für 2009."  Tim Ashley vom Guardian schreibt, das Konzert „war eine elektrisierende Gelegenheit zu erleben, was radikales Musizieren bedeutet". The Times schreibt: „Chailly hat vor drei Jahren das Ensemble übernommen und es zu einem der reaktionsfähigsten und leidenschaftlichsten Orchester der Welt gemacht." Im Guardian erscheint jede Woche die „Rezension der Rezensionen", in der Kritiken von kulturellen Veranstaltungen aus den fünf größten Tageszeitungen Londons zusammengestellt und nach dem Grad ihrer Bewertung von 1-10 (vom Verriss bis zum größtmöglichen Lob) eingeteilt werden. Alle fünf Rezensionen, die über das Neujahrs-Konzert des Gewandhausorchesters erschienen sind, wurden in dieser Übersicht mit 10 Punkten eingestuft. Ein Vorgang, der seit dem Bestehen dieser Rezensions-Bewertung einmalig ist.
Der Auftritt war der zweite Abend einer sogenannten Residency, die das Gewandhausorchester mit dem Barbican Center verbindet. Der dritte Auftritt dieser Reihe fand am 5. April 2009 mit Bachs Matthäus-Passion statt.


Europa-Tournee 2009 - Pressestimmen (Zusammenfassung)
Das Gewandhausorchester gastierte vom 4.-21. Februar 2009 unter der Leitung von Riccardo Chailly in wichtigen deutschen und europäischen Musikzentren: Mailänder Scala, Turin, Luxemburg, Düsseldorf, Köln, Paris, Hamburg, Amsterdam (Concertgebouw), Wien (Konzerthaus), Madrid (Auditorio Nacional de Música und Valencia (Palau de la Música). Solist war Lang Lang. Nahezu 21000 Zuschauer haben die 14 Auftritte in stets ausverkauften Sälen verfolgt. In Luxemburg stellt die Rezensentin fest: „In Mendelssohns anschließender "Schottischen Sinfonie" beweisen die Leipziger, dass sie eines der besten Orchester weltweit sind."  Und die Saarbrücker Zeitung, ebenfalls aus Luxemburg berichtend: „Das Orchester blieb nichts schuldig." Die Westdeutsche Zeitung fasst das Konzert in Düsseldorf in einem Wort zusammen: „Fabelhaft!" Im Kölner Stadtanzeiger bedauert der Autor alle, die kein Ticket mehr für den „großartigen, bewegenden Abend" mit Beethoven und Bruckner erhalten hatten: „Wer dabei war kann von Glück reden, denn eine solche Lehr- und Sternstunde in Sachen instrumentaler Beweglichkeit, gelassener Virtuosität, nie nachlassender Spannung und klanglicher Schönheit in allen Lagen und Lautstärken ist auch im hiesigen Musentempel keine Alltäglichkeit." Die Kölnische Rundschau konstatiert: „Riccardo Chailly weiß um die Wirkung brillanter Effekte, er inszeniert sie im Orchesterklang und das Ergebnis wirkt umwerfend diesseitig." Den Mendelssohn-Abend küren die Kölner zur Referenzaufführung: „Es war das reinste Mendelssohn-Glück. Man kann das nicht besser machen." Les Echos aus Paris schreibt: "Da steht ein großartiger Musiker am Dirigentenpult, geschlossen begleitet von außergewöhnlichen Instrumentalisten." In Hamburg beschreibt Die Welt: „[...] die Gewandhausmusiker pflegen einen luziden, frischen und brillanten Klang, der flexibel, dynamisch kontrastgeschärft und belebend temporeich daherkommt." In Wien wurde vor allem die „ihre Eindringlichkeit und melodische Vielfalt mustergültig beschwörende, spannende Dritte Bruckner" gelobt. Die Interpretation der Mendelssohn-Werke und „die Ausführung waren vom Anfang bis zum Ende makellos, stets flüssig, drahtig, mit Biss und gutem Geschmack", lobt der spanische Rezensent, dem sein Kollege von El País beipflichtet: „Noch nie habe ich einen solch unvergleichlichen Mendelsohn gehört."
Weitere Texte und Bilder zur Reise finden Sie auf www.gewandhaus.de/reise (Europa 2009).


London-Gastspiel
(Zusammenfassung)
Das Gewandhausorchester ist eines der fünf neuen Partner-Ensembles des Londoner Barbican Centers. Wie das größte Kulturzentrum Europas Anfang März mitteilte, sollen in Zukunft weniger Kurzgastspiele den Spielplan bestimmen als vielmehr dauerhafte Partnerschaften mit renommierten Ensembles aufgebaut und kontinuierlich gepflegt werden. Die internationalen Partner sind das Gewandhausorchester, das Concertgebouw Orkest, das Los Angeles Philharmonic Orchestra, das New York Philharmonic Orchestra und das Jazz at Lincoln Centre Orchestra. Das Gewandhausorchester hatte in der laufenden Saison bereits eine sogenannte „Residency" erfüllt. Die drei Konzerte umfassende Reihe wurde begonnen mit der Messe solennelle von Rossini, gefolgt von Beethovens 9. Sinfonie und endete am 5. April mit der Aufführung von Bachs Matthäus-Passion. Der Rezensent des Evening Standard lobt: „Das Gewandhausorchester erreicht eine kristalline Transparenz, die kleinste Details durchsichtig macht und dennoch den gewaltigen Höhepunkten volles Gewicht verleiht. Wenn man ein Orchester nach seinen leisen Momenten bewertet, sind die Gewandhausmusiker herausragend und trotzdem ist da Kraft und rhythmische Virtuosität." Und Edward Seckerson vom Independent schreibt begeistert: „Die Ernsthaftigkeit der Einstudierung, die Treffsicherheit des Stils, der spürbare Sinn für die Ehrfurcht im Dienste dieses großen herausfordernden Werkes, erleuchtet jeden Moment [...] Die Menschwerdung des sogenannten „Passions"-Chorals, reich ausgeschmückt im Augenblick des Todes Christi, war perfekter und ergreifender als vieles, was ich seit langem gehört habe. So eine außerordentliche Aufführung: schön, bewegend und nachhaltig. Wenn die einzelne Saite, die Christus Grablegung symbolisiert so leise ist, als wolle sie die Stille perfekten Friedens heraufbeschwören, weiß man, dass man in Gegenwart wahren Künstlertums ist."
(London, Barbican Center, 5. April 2009, Chailly, Solisten, Tölzer Knabenchor, Thomanerchor - Bach, Matthäus-Passion)


Klassische Moderne und moderne Klassik
Haydn und Braunfels im Großen Concert unter Dennis Russel Davies
[...] Trotz sparsamster Gesten hält [Dennis Russel Davies] die Zügel in eisernen Händen [...] So wird in einem Kabinettstück vollendeter Orchesterkultur das Chaos bezwungen, und die phantastischen Auswüchse kehren brav zurück in die Behaglichkeit eines satt grundierten Tuttiklangs. Doch ist die eigentliche Sensation des Abends nicht der wiederentdeckte Braunfels, sondern der wiederentdeckte Haydn: Davies erreicht in der „Echo"-Sinfonie eine Durchsichtigkeit, die nie unprägnant ist, eine Leichtigkeit, die niemals trivial wirkt, und eine Harmonie, die durch dramatisch-existenzielle Invasionen teuer erkauft wird [...] Wie ein Traum vom höfischen Leben wirkt das Oboensolo im eher burlesken dritten Satz (fabelhaft: Hendrik Wahlgren) [...] Die Eigenwilligkeit, mit der Jean-Guihen Queyras den Solopart von Haydns Cellokonzert in C-Dur aufführt, äußert sich vor allem in der unglaublich vielfältigen Tongebung [...] Das Cello wird zum Prisma von Ton und Klangfarben, das aus der klassischen Formensprache eine moderne Malerei macht [...] Der gute alte Papa Haydn ist an diesem Abend dem musikalischen Hier und Heute deutlich näher als sein 150 Jahre jüngerer Kollege Braunfels.
(LVZ, Marcus Erb-Szymanski, 9. Mai 2009, Davies, Queyras - Walter Braunfels, Joseph Haydn)


Grandioser Pianist vor Orchesterplüsch
Rachmaninows drittes Klavierkonzert und Brahms' Erste Symphony im Großen Concert
Ein großer Pianist im Großen Concert: Denis Matsuev beweist eindrucksvoll, dass sie lebendig ist, die russische Pianisten-Schule, [er] hat ins Gewandhaus Sergei Rachmaninows drittes mitgebracht [...] Dann macht Matsuev ernst: „Più mosso" schreibt Rachmaninow vor, bewegter - und Matsuev treibt mächtig an. Zwar bremst ihn das Orchester bisweilen wieder aus, aber jenseits des Tempos zeigt der Russe, dass er Rachmaninows diszipliniertes Klavierspiel verinnerlicht hat: Kristallin perlen die Läufe, nicht aufgehend in Klangwolken, sondern klar. Matsuev gehört zu den seltenen sinfonischen Pianisten, die zu instrumentieren verstehen auf den Tasten, die die Welt bedeuten, der aus dem Dickicht der Partitur ständig neue Details herausarbeitet, Gegenstimmen, Farben, Kombinationsmelodien, rhythmische Delikatessen, klangliche Unerhörtheiten [...] Man muss es spielen können - Matsuev kann. Ein Ausnahmepianist, der zur Zugabe noch genug Kraft hat, sich ganz delikat zurückzunehmen für das hinreißende Nichts von Liadovs musikalischer Spieluhr [...] Axel Kober begleitet ihn mit Umsicht, meist ungefährdet im Zusammenspiel, immer klangschön und flexibel [...] Dem Sog dieser Musik kann sich [...] kaum jemand entziehen, gewaltiger Applaus nach der gewaltigen Schlusssteigerung.
(LVZ, Peter Korfmacher, 16. Mai 2009, Axel Kober, Denis Matsuev - Rachmaninow, Brahms)

Beethovens Vierte: schnell, aber nicht zu schnell
Ein besonderes Großes Concert - mit Preisverleihung ans Gewandhaus
[...] In der Pause erhielt das Gewandhaus eine in Orchester- und Veranstalterkreisen begehrte Auszeichnung: den Preis des deutschen Musikverleger-Verbandes für das „Beste Konzertprogramm" der Saison [...] Körperlos huschen [im letzten Satz Beethovens vierter Sinfonie] die Sechzehntel, flirren durch eine Partitur, die unter den Bögen von Mendelssohns Orchester schon den Sommernachtstraum träumt. Weil um Konzertmeister Michael Breuninger Weltklasse-Streicher sich nicht darum scheren, dass „nicht zu schnell" enorm schnell wird, wenn die Melodik der Maßstab ist und nicht die Figuration - die dem Fagottisten Übermenschliches abverlangt. So atmet der finale Elfentanz eine Eleganz, die aus Präzision erwächst. So bildet der tatsächlich heitere Schlusssatz das Gegengewicht zur Eroica-Dramatik, die Chailly in den Kopfsatz pumpt [...] Der ästhetische Mehrwert dieser Vierten erwächst vielmehr aus der Schönheit, die Chailly nicht trotz des Tempos erblühen, sondern aus ihm heraus. Darum kann er die Zügel locker halten und bekommt doch, was er will. Weil auch das vermeintlich Vertraute im Gewandhaus das Zeug zur Entdeckung hat, ist der Preis fürs beste Konzertprogramm gut aufgehoben beim Orchester, das wie kein zweites die Tradition, seine Tradition kurzschließt mit der Zukunft. Und auf dem Weg dahin immer wieder Beethoven bemüht. Auch abzulesen an der vibrierenden Stille im Saal, die sich in spontanen Bravos entlädt.
(LVZ, 23. Mai 2009, Peter Korfmacher, Riccardo Chailly - Beethoven, Schönberg)


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

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