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Pressestimmen 2003/2004

Norden und Orient ziehen nach Preußen
Wie oft schon ist es eingefordert worden - doch nun macht Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt ernst: die Spielzeit 2003/04, die gestern Abend im anständig besuchten großen Saal begann, hat mehr Raum für die Moderne als die vergangenen. [...] Carl Nielsens Erste beispielsweise war noch nie im Gewandhaus zu hören.[...] Blomstedt schlägt hier bemerkenswert geschmeidig, und die Streicher setzen seine Klangvorstellung um: Celli und Bratschen glühen üppig, Geigen strahlen, Kontrabässe stützen.[...] Die Mittelsätze [Beethovens 5. Sinfonie] gelingen Blomstedt und seinem gleich nach den Ferien an drei aufeinander folgenden Abenden mit drei unterschiedlichen Programmen geforderten Orchester fabelhaft.[...]
(Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung, 30.August 2003 (Carl Nielsen: 1.Sinfonie g-Moll op.7, Kaija Saariaho: Quatre instants, Beethoven: 5.Sinfonie c-Moll op.67)

Oper und Gewandhaus im Leipziger Rosental
Dann vertreibt das Gewandhausorchester unter Frank Beermann [Oper Leipzig] mit der "Holländer Ouvertüre" die letzten meterologischen Unbilden. [...] Bei Puccini und Verdi hat auch das Gewandhausorchester zu sich gefunden und musiziert strahlend, beglückend. [...] [Sonntag] spielt das Gewandhausorchester, nun in eigener Mission. Auch das größte Profi-Orchester der Welt gratuliert seinem Zoo. [...] Vorn moderiert Blomstedt launig und episch zwischen den Sätzen. [...]Der "Bolero" [Ravel] verträgt eigentlich alles. Und das Konzept großer Musik auf großer Wiese trägt auch im Regen. [...] Kurzum: Fast scheint es als steigere die Nässe von oben die Freude der gut 3000 von innen. Schöner Saison-Auftakt. [...]
(Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung, 1.September 2003 (Beethoven: 5.Sinfonie c-Moll op.67, Camille Saint-Saèns: Der Karneval der Tiere, Maurice Ravel: Bolero)

So fesselnd kann das 20. Jahrhundert fürs Publikum sein
Für Bartels impulsive Experimente hatte Blomstedt ein glückliches Händchen, das die rhythmischen Komplexe aufs genauste zu lenken verstand: ungeahnte Präzision allüberall, besonders im bemerkenswerten Blech [...] Die Fähigkeit dieses Orchesters, den hypnotischen Sog solcher Musik [Schostakowitschs 8.Sinfonie] inhaltlich zu übertragen, kann kaum hoch genug geschätzt werden. Die Kraft, mit der dieses überdimensionale Klagelied dahinschwebt, ist nicht nur das Verdienst der wunderbaren Soli (angeführt vom grandiosen Englischhorn), sondern einer Ensembleleistung, die den großen resignativen Klang gefunden hat. [...]
(Christian Schmidt, Leipziger Volkszeitung, 6.September 2003 (Hans-Christian Bartel: Konzertstück für Violoncello und Kammerorchester, Bartel: David und Goliath, Schostakowitsch: 8.Sinfonie c-Moll op.65)

So viel Moderne war schon lange nicht mehr
Also geht Herbert Blomstedt in seiner vorletzten Spielzeit in die Offensive: So viel Moderne war im Großen Concert schon lange nicht mehr. [...] Der vermeindlich so kühle Schwede setzt auch bei Moderne auf Ausdruck. Und sein neuer Dramaturg Michael Breugst, Jahrgang 1972, seit April am Haus, baut ihm wunderbare Programme. [...] Musik [Ingvar Lidholm "Kontakion"], die wie für das Gewandhausorchester und seinen Chef geschrieben scheint. [...] [...] insgesamt ist dieser Aufbruch in eine emotionale Moderne in der unbedingten Wahrhaftigkeit aller Beteiligten schon jetzt als einer der Höhepunkte der Spielzeit zu verbuchen. [...] Wie Blomstedt den Bauplan [Anton Bruckners 6. Sinfonie] der Ecksätze sinnlich erfahrbar macht, wie er die aus der Harmonik gezeugten Linien zum Leben, Blühen, Singen bringt, wie er im Adagio die Spitze seines Stabes mit wonniger Energie vollpumpt, lässt für die kommenden beiden Spielzeiten wieder das Schönste hoffen. [...]
(Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung, 13.September 2003 (Arvo Pärt: Fratres, Ingvar Lidholm: Kontakion, Bruckner: 6.Sinfonie A-Dur)

Offen für Neues
Herbert Blomstedt realisierte diese Studie [Arvo Pärts "Fratres"] orchestralen An- und Abschwellens mit sicherem Gefühl für die dynamischen Abstufungen. [...] Nach den Fratres stand eine Komposition des Schweden Ingvar Lidholm auf dem Programm. Wird den Gewandhausprogrammen oft vorgehalten, der ohnehin geringe Anteil an Neuer Musik bestehe meistens aus „harmlosen“ Werken, die das Publikum durch impressionistische Anklänge etc. versöhnten, so lässt sich dergleichen über "Kontakion" mit Sicherheit nicht mehr behaupten [...] Lidholm bietet ein sehr großes Orchester auf, das unter anderem Gong, Harfe, Xylophon, drei Posaunen und Tuba enthält. [...] Ergreifende Soli der Holzbläser markieren diesen Übergang. [...] Die Aufführung dieses eher unbequemen Werks lag beim Gewandhausorchester in guten Händen, das Lidholms Klagegesang mit großem innerem Engagement und hoher Professionalität gestaltete. Vor allem die wunderschönen Soli (Fagott, Trompete etc.) verdienen Erwähnung. Als besonders erfreulich ist aber zu verbuchen, dass das Publikum sich durchaus aufgeschlossen zeigte und nicht mit Applaus sparte. [...] Blomstedt erwies sich einmal mehr als hervorragender Bruckner-Dirigent. Dass er das komplizierte und eher selten aufgeführte Werk [6. Symphonie] auswendig dirigierte, zeigt, wie sehr ihm diese Musik am Herzen liegt. [...] [...] ein sensibles Freilegen der linearen Verflechtungen und eine durchweg überzeugende Tempowahl ließen auch den zweiten Teil des Konzerts zum Ereignis werden, zumal die Musiker sich an allen Pulten von ihrer besten Seite zeigten. Mit den gewohnt ohrenbetäubenden Klängen eines Brucknerschen Sinfoniefinales endete schließlich ein Konzertabend, der dem Publikum noch lange in Erinnerung bleiben wird.
(Frank Sindemann, www.leipzig-almanach.de, 12.September 2003 (Arvo Pärt: Fratres, Ingvar Lidholm: Kontakion, Bruckner: 6.Sinfonie A-Dur)

Eine völlig unbekannte „Schottische“
Das Gewandhaus-Orchester ist ein Mendelssohn-Orchester. Diese Musiker wissen was sie ihrem berühmten Ex-Chef schuldig sind. [...]Pinnock kommt für Mendelssohns „Schottische“ mit neun ersten Geigen aus. Unten halten die drei Kontrabässe dagegen. [...] Aber das Ergebnis ist keineswegs das körperlose Gezirpe früher Originalklang-Jahre. Pinnock stellt den fast virbratolosen Streicherklang, die lichte Transparenz, die Schärfe der Artikulation, die Präsenz des Rhythmus ganz in den Dienst des Ausdrucks. Und gelangt so zu romantischem Musizieren im Wortsinne. Da erwächst Emotion aus Struktur und nicht aus Effekt. Da kommt Schönheit aus Wahrhaftigkeit und nicht aus Verzierung. Da steht Modernität aus dem Blick in die Noten und nicht aus dem Willen, alles ganz anders zu machen. Das Gewandhausorchester zieht mit – und entdeckt eine völlig unbekannte „Schottische“: aufregend, elektrisierend, berauschend. [...]
(Peter Korfmacher: Leipziger Volkszeitung 27. September2003 (Großes Concert, Beethoven: „Coriolan“ Overtüre; Mozart: Klavierkonzert C-Dur 503; Mendelssohn: 3.Sinfonie a-Moll op.56)

Neuer Stern am Geigenhimmel: Julia Fischer im Gewandhaus
Unter Herbert Blomstedt spielt sie [Julia Fischer] im Gewandhaus Dvoràks Violinenkonzert. [...] Für ihr Alter bemerkenswert sind Technik und Saitenlyrismus. Immer wieder wendet sich Julia Fischer gestenreich dem brillant aufspielenden Orchester zu, drängt stellenweise sogar auf noch mehr Tempo, bis die solistische Rasanz des Finales Publikumsjubel, eine Umarmung des Gewandhauschefs und Paganinis 2. Caprice als Zugabe herausfordert [...] Wohlbehagen kommt auch bei Bartóks effektvollem Konzert für Orchester auf, das samtige Streicher und kristallin flirrende Bläser im pianissimo bezaubernd beginnen. Im Kontrast dazu gestalten Blomstedt und seine exzellent aufspielenden Gewandhäusler den vierten Satz als grelles ironisierendes Gemälde. [...]
(Katrin Seidel: Leipziger Volkszeitung, 04.10.2003 (Brahms: Haydn-Variationen op.56a, Antonín Dvorák: Konzert für Violine a-Moll op.53, Béla Bartók: Konzert für Orchester)

Volkslieder im Londoner Nebel
Sir Roger Norrington holt mit dem dritten Abend seines Leipziger Brahms-Vaughan-Williams-Zyklus die Sterne von Himmel. [...] Ein wunderbarer Dirigent, ein phänomenaler Handwerker- und ein großer Gestalter. [...] Und so wird gerade der dritte Satz zum berauschenden Höhepunkt eines beglückenden Konzerts. [...] Behutsam trägt Norrington die Verunreinigungen der Vergangenheit, die Unschärfen überkommener Vibrato-Reflexe ab, bringt die klaren zarten Farben dieses kunstvollen Freskos zum Leuchten. Und das Gewandhausorchester zieht mit. [...] Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich der Klang ist, den Norrington in einem einzigen Konzert aus ein und dem selben Orchester heraus destilliert. Da [Vaughn Williams 2. Sinfonie "A London Sinfonie"] tauchen allenthalben Volkslieder im Nebel auf,überrascht zarte Naturlyrik inmitten der Großstadt, rahmen die Glocken des Big Ben ein Panorama berherrschter Schöhnheit. [...] Solche Dirigenten, solche Programme bringen das Publikum höchsten Genuss - und das Orchester weiter. Norrington sollte also unbedingt wiederkommen
(Peter Korfmacher.Leipziger Volkszeitung 15. November 2003. (Brahms 3. Sinfonie, Vaughan Williams 2. Sinfonie, "A London Symphony")

Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Fessttage 2003 Glanzvoller Auftakt: "Elias"
Gewandhauschordirektor Morten Schuldt-Jensen hat bei der Einstudierung phänomenale Arbeit geleistet. Der Chorklang ist wunderbar ausgeglichen und weich. [...] Er [Herbert Blomstedt] konzentriert sich auf lyrische Stellen, führt dort seine Musiker zu Höchstleistungen. Traumhaft ist die Begleitung im"Höre Israel". Noch traumhafter ist die Begleitung Solistin Sybilla Rubens. [...] Dass er [Gerhaher] dabei in jener Sekunde präsent ist und jedes einzelne Wort verständlich, ist atemberaubend. Gerade die innigen Arien geraten zu Sternstunden. Nicht zuletz, weil auch die Orchestersolisten an Oboe und Cello Weltklasse bieten. Was für ein auftakt für die Festtage!
(Tobias Wolf. Leipziger Volkszeitung 3. November 2003. ( Felix Mendelssohns Elias op.70)

Erst erfischender Mozart, dann behäbiger Brahms
Ohne sich einem modernen Klangideal anzubiedern, werden mit einer reduzierten Besetzung und einem durchweg transparentem Klangbild Zugeständnisse gemacht.Die Ensembleleistung der Solisten bei der konzertanten Sinfonie ist hervorragend, vor allem die Spielfreude von Erben und Petersen lässt den Funken überspringen.[...]
(Tobias Wolf. Leipziger Volkszeitung 13. 0ktober 2003. (Joseph Haydns Sinfonia concertante b-Dur Hob1:105, W.A.Mozart Sinfonie C-dur KV 425 "Linzer, Johannes Brahms 2.Sinfonie D-dur op.73)

Musikalische Weltreise mit Entdeckungen
[Herbert Blomstedt] stellt seine Dirigierkunst wieder in der Dienst der guten Sache [...]Das alles gelingt Blomstedt und seinen erstklassigen Musikern rund um Konzertmeister Sebastian Breuninger bestens. Christian Giger legt am Solo-Cello mit beseeltem Ton und kostbarem Ausdruck das Thema vor (Alberto Ginasteras „Konzertante Variationen“) , alle andern folgen willig, wonnig, virtuos. Überhaupt gelingt es Blomstedt und den Seinen [...] weite Spannungsbögen aufzuziehen, jedem Einzelwerk seine spezifische Farbe mitzugeben [...] Gutes Programm, eindrucksvoll umgesetzt, begeistert bejubelt [...]
(Peter Korfmacher. Lepiziger Volkszeitung 2. Dezember 2003. (Unicefkonzert. Werke von: Mendelssohn Bartholdy, Dvorák, Tschaikowski, Sibelius, Copland, Ginastera, Grieg und Wagner)

Erlösung und Auferstehung auch ohne Texte
[...] Bei der Besetzung seines Chores beweist Gewandhauschordirektor Morten Schuldt-Jensen wie immer eine glückliche Hand. Der Gesamtklang ist homogen –bis auf Intonationsschwächen im Tenor- auf sehr hohem Niveau. Besonders der höhensichere Sopran nimmt in den federnden Fugen leicht und selbstverständlich die technischen Hürden [...] Die kleine Besetzung des Gewandhausorchesters mit Konzertmeister Frank-Michael Erben spielt diszipliniert und frisch [...] Im dritten Teil zeigt Schuldt-Jensen mit seinem exzellenten Chor eine größere dynamische und farbliche Bandbreite, so dass sich dem Zuhörer die Botschaft von Erlösung und Auferstehung göttlicher Macht und Herrlichkeit schließlich doch noch sehr direkt mitteilt [...].
(Tobias Wolff . Leipziger Volkszeitung 6. Dezember 2003. ( Händels „Messiah“)

Mit transparenter Ruhe in eine neue Bach-Ära
[...] Thomaskantor Georg Biller und die Thomaner haben das Fenster aufgestoßen zu einer Ästhetik, die die Welt mit einer neuen Leipziger Nuance bereichern könnten. [...] Die Tempi sind verhalten, aber fließend. Die Dynamik ist ausgefeilt, aber organisch. Der Text ist (selbst)- verständlich, aber nicht maniriert gezischt. Der Satz tönt licht, aber nicht gefriergetrocknet. Und im Großen und Ganzen ziehen Biller, Thomaner und auch das Gewandhausorchester an einem Strang. [...] Es zahlt sich aus, dass Biller kleiner schlägt und der Disziplin, dem Gestaltungswillen des Orchesters meist vertraut. So lässt er Konzertmeister Christian Funke machen und begleitet dessen traumschön gestrichenen Gesang im „Schließe mein Herze“. [...] Die Thomaner-Soprane haben zu unantastbar strahlender Pracht gefunden[...] Es steckt so viel Bewegendes, Natürliches, Großes darin, dass er daraus entstehen könnte, der Leipziger Bach des 21 Jahrhunderts. Ein Bach, der die aufführungspraktischen Erkentnisse der letzten Jahrzehnte respektiert und undogmatisch in die Neuzeit transportiert.
Peter Korfmacher. Leipziger Volkszeitung 13 Dezember 2003. (Bachs Weinachtoratorium Kantaten I-III)

Filmmusik und andere Feger mit dem Gewandhausorchester unter Mauceri
[...] Schließlich ist Dirigent und Filmusikspezialist John Mauceri schon zum fünften Mal zu Gast und kann trotzdem noch Publikum und Musiker begeistern [...] Das Orchester spielt sauber und bietet polierte und überzeugende Interpretationen. [...] die Musiker spielen mit Esprit, Charme, Engagement. Und so machen sie zusammen mit John Mauceri aus dem „Jupiter“ aus Holsts„Planeten“ einen Gott voller Lebensfreude und Sinnlichkeit. [...] Nach der Pause haben in der Musik zu „Ben Hur“ neben Konzertmeister Frank-Michael Erben auch noch viele andere Solisten aus dem Orchester die Möglichkeit zu beweisen, dass man mit Schmelz spielen kann – ohne kitschig zu werden. Am meisten begeistert allerdings die Horngruppe mit rundem Klang und bravouröser Ausdauer [...]
(Tobias Wolff. Leipziger Volkszeitung 22 Dezember 2003. Wagner, Dukas, Holst, Williams u. Filmmusik)

Nie waren sie besser als gestern
[...] Die Geigen um die Konzertmeister Frank-Michael Erben und Conrad Suske am ersten Pult spielen auf einem Niveau, mit einer Intensität, die auch in München, in Berlin, in Wien nicht selbstverständlich sind. Die Holzbläser liefern Liegeklänge von berückend schlichter Schönheit. [...] Ekstatischer Jubel.
(Peter Korfmacher. Leipziger Volkszeitung 30.Dezember 2003. Ludwig van Beethoven: 9.Sinfonie d-Moll op.125 mit Schlusschor über Schillers „Ode an die Freude“)

Großes Gewandhaus Concert: Kitajenko mit Schnittke und Brahms
[...] Das Gewandhausorchester zeigt sich unter Gastdirigent Dimitrij Kitajenko mal wieder von seiner allerbesten Seite. [...] Hut ab. Nach der Pause dann Tschaikowskis fünfte Sinfonie. [...] Dazu noch ein russischer Dirigent und ein Orchester, das auf Romantik spezialisiert ist – was soll da noch schief gehen? Natürlich nichts, aber dass das Stück dann plötzlich so frisch daherkommt, hätte wohl doch keiner erwartet. Kitajenko widersetzt sich der typischen Hörerwartung vom romantisch-süßlichen Klangbrei, merzt jede Behäbigkeit aus. [...]
(Tobias Wolf. Leipziger Volkszeitung 17. Januar 2004. Alfred Schnittke: 2.Concerto grosso, Peter Tschaikowski: 5.Sinfonie e-Moll op.64)

Mit vollem Risiko Richtung Olymp
[...] Brahms, das ist ein Repertoire-Filet des Gewandhausorchesters. Seine Sinfonien geraten am Augustusplatz immer wohl und meistens erstklassig. Dass Chailly hier aus dem Stand weit über das gewohnte Niveau hinausspringt, berechtigt zu den allerkühnsten Hoffnungen für die Zukunft. [...]
(Peter Korfmacher. Leipziger Volkszeitung 24. Januar 2004. Arnold Schönberg: Notturno für Streicher und Harfe, Verklärte Nacht op.4, Johannes Brahms: 1.Sinfonie c-Moll op.68)

Bei Dvoraks „Wassermann“ zeigt das Gewandhausorchester Höchstform [...] Eine spannungsgeladene Interpretation, präzise und klangvoll. Plastisch arbeitet [Dirigent] Metzmacher die Charaktere heraus. Mit griffigem Rhythmus und kecken Trillern kommt das Märchenwesen daher, verhalten klingt die Warnung der Mutter in den chromatischen Nebenstimmen der Streicher, terzenselig naiv rennt die Tochter in ihr Unglück. [...] ...ein würdiger Auftakt zum Dvorák-Jahr 2004.
(Tobias Wolff. Leipziger Volkszeitung 9. Februar 2004. Werke von Antonín Dvorák sowie Leoš Janácek)

Keck und ein bisschen Weltschmerz
[...] Flott und keck kommt der Anfang von Mahlers vierter Sinfonie daher. [Dirigent] Harding hält sich an das Spielerische in der Musik und zelebriert später dafür um so eindringlicher den unvermeidlichen Bruch hin zum Grotesken. [...Spätestens jetzt] sollte man ein Loblied auf den Dirigenten singen. Denn erstens beherrscht Harding sein Handwerk: Er gibt klare Signale, hält damit das Orchester jederzeit konzentriert zusammen, schafft saubere Strukturen und kann außerdem auch seine Klangvorstellung umsetzen. [...]
(Tobias Wolff. Leipziger Volkszeitung 14.Februar 2004. Robert Schumann: Konzert für Violine und Orchester d-Moll, Gustav Mahler: 4.Sinfonie G-Dur)

Dirigieren als eine Definitionssache? Das Ergebnis zählt.
[...] Die Orchestermitglieder sind die ganze Zeit wach und aufmerksam, spielen sich unaufgefordert Motive zu, machen einfach richtig gute Musik. Da erklingt schon in der Einleitung von Schumanns C-Dur-Sinfonie ein bezaubernd schönes, ausgeglichenes, gesangliches Legato aus den Bläsern. Da spielen die Streicher mit Esprit und Elan den rastlosen zweiten Satz. Schließlich finden alle zu einem energiegeladenen Finale zusammen. [...]
(Tobias Wolff. Leipziger Volkszeitung 21.Februar 2004. Johann Sebastian Bach: Ouvertüre C-Dur BWV 1066, Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“, Robert Schumann: 2.Sinfonie C-Dur op.61)

Nicht zum Hören, sondern zum Genießen
[...] Dieser Musik muss man nicht zuhören, man darf sie genießen. Zumal [Dirigent] Zinman die Gewandhaus-Equipe auf höchstes Niveau geführt hat. [...] Die sinfonischen Dichtungen en miniature über Märchenstoffe [...] kommen mal verträumt, mal kokett daher und enden schließlich in einer pompösen, aber immer noch kindgerechten Schluss-Apothese. [...]
(Tobias Wolff. Leipziger Volkszeitung 28.Februar 2004. Maurice Ravel: Le Tombeau de Couperin, Ma Mère l’Oye, La Valse, Igor Strawinsky: L’oiseau de feu)

Ein Tanz am Abgrund mit der Bratsche
[...] Das Stück sorgte, auch wenn der Jubel nicht nur für die Ausnahmesolistin groß war, für Zündstoff in den Pausengesprächen. [...] Es war vor allem die Morbidität des streckenweise spät- oder postromantischen Satzes, die [Solistin Tatjana Masurenko] und Blomstedt betonten. Sie spielten mit dem Zerfasern des Vertauens, mit dem Zerbröckeln des scheinbar Schwelgerischen. Ein Tanz am Abgrund, ein spannendes Bild.
(Tatjana Böhme-Mehner. Leipziger Volkszeitung 13.März 2004. Werke von Johannes Brahms, Hans-Christian Bartel und Joseph Haydn)

Das Risiko hat sich gelohnt
Ein ganzer Abend Haydn - das ist durchaus ein Risiko. [...] Dennis Russel Davies führte die Gewandhausmusiker zu atemberaubenden Leistungen; er zauberte einen musikantisch-frischen und trotzdem phänomenal durchdachten Haydn. Ließen seine langsamen Sätze den Atem stocken, versetzen die schnellen, vor allem die Finalsätze beinahe in Ekstase. [...] Eine Stecknadel hätte man fallen hören können im zweiten Satz des Violinkonzertes. Solist Sebastian Breuninger ließ aufhorchen; nicht nur im besagten langsamen Satz mit einer wunderbaren Tongebung und Gestaltung, seinem weit tragenden, angenehm vibratoarmen Piano, sondern auch mit jenem vom momentanen Wechselspiel mit dem Ausnahmedirigenten lebenden Musikantentum.
(Tatjana Böhme-Mehner. Leipziger Volkszeitung 29.März 2004. Joseph Haydn: Sinfonie f-Moll Hob.I:49, Konzert für Violine und Orchester C-Dur Hob.VIIa:1, Sinfonie G-Dur Hob.I:100)

Diese Musik berauscht, euphorisiert, unterhält
[...] diese Musik euphorisiert, berauscht, unterhält. Das sind nicht unbedingt bürgerlich-deutsche Tugenden, aber das Gewandhausorchester beherrscht sie – und wie! Gewaltig in den Akkorden, verspielt in den Melodien, unnachgiebig in der Dramaturgie. Angetrieben von einem sichtlich begeisterten Blomstedt, der auch mit 76 Jahren weder Vitalität noch Witz verloren hat. Wieder mal eine Glanzstunde. [...]
(Friedrich Pohl. Leipziger Volkszeitung 3.April 2004. Jean Sibelius: 4.Sinfonie a-Moll op.63, Peter Tschaikowsky: 4.Sinfonie f-Moll op.36)

Es singt niemand – und doch ist dies Belcanto vom Feinsten
[...] Da zeigt sich einmal mehr, dass jugendlicher Furor am Soloinstrument und abgeklärte, weise Reife am Pult perfekt ineinander greifen [...] Mit tendenziell schlankem, aber ungeheuer leichtem, lebendigem, bewegendem Ton spannt [Solist Julian Rachlin] auf seiner Guarneri del Gesù die unendlich langen, unangenehm hohen, höchst zerbrechlichen Bögen der beiden ersten Sätze. [...] Das ist für sich schon höchst beeindruckend, wird aber erst durch die fein ausgehörten Reaktionen des Orchesters zum konzertanten Großereignis. [...]
(Peter Korfmacher. Leipziger Volkszeitung 17.April 2004. Ludwig van Beethoven: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op.61, Johannes Brahms: 4.Sinfonie e-Moll op.98)

Haydn-Spaß mit neuen Pauken
[...] die Spielkultur und Strahlkraft der ersten Violinen im Kopfsatz, das streichelnd-zarte Englischhorn-Solo von Gundel Jannemann-Fischer im Largo, sowie das zupackende Musizieren des Orchesters im Finale lassen nach dem letzten Akkord Bravo-Rufe erschallen.
(Tobias Wolff. Leipziger Volkszeitung 24.April 2004. Richard Strauss: Don Juan op.20, Till Eulenspiegels lustige Streiche op.28, Antonín Dvor(ák: 9.Sinfonie e-Moll op.95)

Gestern Abend im Großen Concert: Schönheit und Schmerz
[...] Ein Brahms für Ästheten, keiner für Existenzialisten, Immerhin aber ein eindrucksvoller. Weil auch [Dirigent] Sinaisky und das wonnig warm, weich und wuchtig klingende Gewandhausorchester die Seele streicheln und das Gemüt wärmen, vom Frieden singen und vom Glück in attischer Vollkommenheit. [...] uneingeschränkt großartig, so beweglich und weit in der Dynamik, so üppig mit Klangfarben wuchernd, so reich an Details, so souverän in der Struktur [...]
(Peter Korfmacher. Leipziger Volkszeitung 14.Mai 2004. Johannes Brahms: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op.77, Dimitrij Schostakowitsch: 10.Sinfonie e-Moll op.93)

Dvorák, Dvorák, Dvorák und ein Gewandhausorchester
[...] Das Gewandhausorchester zeigt sich in Bestform. Besonders Flötistin Katalin Kramarics begeistert in ihren zahlreichen exponierten Passagen mit einem strahlenden Ton. [...] Sicher und präzise sind Einsätze und Übergänge, die Interpretation ist jederzeit schlüssig, persönlich und emotional. Und wenn [Dirigent] Dausgaard am Beginn des tänzerischen dritten Satzes so wunderbar samtige Streicherfarben hervorzaubert, meint man wirklich, noch nie so etwas Duftiges gehört zu haben.
(Tobias Wolff. Leipziger Volkszeitung 29.Mai 2004. Antonín Dvorák: Karnelval op.92, Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op.104, 7.Sinfonie d-Moll op.70)

Virtuoses Spiel mit Klangfarben
Mit bestens beherrschtem Temperament führt er (Dirigent Dimitrij Kitajenko) das Gewandhausorchester, ganz besonders seinen riesigen Streicherapparat, zu einem einheitlichen Klangbild und schafft Originalität pur im Spiel mit dem für Bizet-Kenner nicht ganz gewöhnlich auftretenden Schtschedrin-Motiven. [...] ...zeigte sich ein bestens disponiertes und auffallend musizierfreudiges Gewandhausorchester mit insgesamt hervorragenden Orchestersolisten. [...]
(Tatjana Böhme-Mehner. Leipziger Volkszeitung 5.juni 2004. Werke von Georges Bizet/Rodion Schtschedrin, Manuel de Falla und Nikolai Rimski-Korsakow)

Vorm (Musik-)Hirn kommt das Herz
[...] So hoch gespannt sind die Erartungen, und sie werden nicht enttäuscht. Denn die knapp zwei Konzertstunden belegen fabelhaft, was auch die nichtdeutsche Romantik vermag. [...] Allen voran ein hingebungsvoll eindringlicher Konzertmeister Sebastian Breuninger und eine absolut zuverlässige und exakte Schlagzeuggruppe – die einen Extra-Applaus verdient hätte. Im restlichen Klangkörper erstrahlen die simplen wie genialen Themen des russischen Hitfabrikanten in frischem Glanz: exotisch, verwegen, einfach schön. [...] Musik nur der Musik wegen. Dafür geht man besonders gern ins Gewandhaus.
(Friedrich Pohl. Leipziger Volkszeitung 14.Juni 2004. Werke von Hector Berlioz, Edouard Lalo, Nikolai Rimski-Korsakow)

Eine tiefe Verneigung vor Gustav Mahler
[...Leipzig] besitzt mit den Gewandhäuslern ein veritables Mahler-Orchester. Und clevere Organisatoren. Dass man kurzfristig einen vom Kaliber Andrew Davis als „Ersatz“ (für krankheitsbedingt ausgefallenen Herbert Blomstedt) verpflichten konnte, ist nämlich in dem auf Jahre planenden Gewerbe eine kleine Sensation. [...] So statisch, aber doch zaghaft pathetisch sich das merkwürdige Andante comodo entwickelt, so wenig gefühlsduselig interpretiert Davis überzeugend die Endzeitstimmung des finalen Adagio [...]
(Friedrich Pohl. Leipziger Volkszeitung 19.Juni 2004. Gustav Mahler: 9. Sinfonie D-Dur)

Weisheit, Wahrheit, Leben
[...] Ein Programm, das Schönheit und Anspruch, Sinnlichkeit und Bildungsauftrag zusammenbringt. [...] Beeindruckend füllt Blomstedt Hindemiths sinfonische Essenz der Künstleroper um Matthias Grünewald mit Leben, Weisheit, Wahrheit. [...] Da tönen die erstklassigen Holzbläser in satten Farben von humanistischem Hoffen. [...] In allen drei Werken gebiert Tradition Vision, Beherrschung Entdeckung, Bescheidung Wonne. Und alle drei zeigen die Größe des Interpreten Blomstedt. [...]
(Peter Korfmacher. Leipziger Volkszeitung 26.Juni 2004. Johann Sebastian Bach: 2.Ouvertüre h-Moll BWV 1067, Ludwig van Beethoven: 1.Konzert für Klavier und Orchester C-Dur op.15, Paul Hindemith: Sinfonie „Mathis der Maler“)

 
 

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