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Pressestimmen 2009/2010

Filme ohne Bilder
Gestern Abend im Gewandhaus: Glanert-Uraufführung zur Eröffnung der Mendelssohn-Festtage

[...] Detlev Glanerts [...] „Drei Gesänge ohne Worte" nehmen von Mendelssohns „Liedern ohne Worte", diesen vollendeten Klavier-Preziosen, nicht die Idee, schon gar nicht die Form, auch nicht die Bescheidung. Sie nehmen nur den Impuls, loten aus, wie viel Gesang stecken mag im ziemlich großen modernen Orchester. Eigentlich ist es ein spätromantisches, und so klingen die Sätze auch, die der 1960 geborene Komponist auftragsgemäß den Mendelssohn-Festtagen [...] auf den Leib geschrieben hat: üppige Wohlfühlmoderne, eher „Filme ohne Bilder", als „Gesänge ohne Worte". Zuerst im Gravitationsfeld Tschaikowskys, dann im lateinamerikanischen Schlepptau Bernsteins, schließlich unterwegs in den Weiten von Debussys Meer. Glanert versteht sein Handwerk: gekonnt spielt er mit den Emotionen des Zuhörers, brillant instrumentiert er. Wie die Form sich einerseits vegetativ selbst zu zeugen scheint und andererseits doch minutiös kalkuliert und ausbalanciert ist [...]. Für derlei Klänge ist das Gewandhausorchester der richtige Resonanzkörper, und Markus Stenz formt sie am Pult sensibel aus [...]. Und dem Publikum gefällt's: Beifall, Bravi, Blumen. Doch der Höhepunkt des Festkonzerts im gut gefüllten großen Saal ist dies nicht. [...] Die französischen Klavierschwestern [Katia und Marielle Labèque] sind in der neuen Spielzeit Artists in Residence [...]. Und die Visitenkarte, die sie gestern abgegeben haben, steigert die Vorfreude nochmals erheblich. Mendelssohns frühes E-Dur-Konzert für zwei Klaviere und Orchester [...] in der überschäumenden Frische der Musizierhaltung, der überbordenden Fülle der Einfälle [...]. [D]ie Labèques, die zornige Katia und die ein wenig introvertierte Marielle [...] sind präzise genug, um frei zu sein, und ihr perfekt aufeinander eingestimmtes und doch jeweils sehr individuelles Spiel bringt den Überschwang der Jugend mit der klassischen Vollkommenheit übereinander, der Mendelssohn hier schon so beängstigend nah ist. Dafür gibt's frenetischen Jubel - und dafür, als Zugabe, Adolfo Berios bezaubernde Polka zu vier Händen. Während die Labèques den Klavierolymp vermessen, bleibt das Gewandhausorchester allerdings im Basislager. Eher robust legt es unter Stenz' scheindetailliertem Schlag die Musik seines größten Chefs an. [...] Stenz lässt das Orchester machen. Das Orchester macht es gut. Schön, dass die Sommerpause vorbei ist.
(LVZ, Peter Korfmacher, 22. August 2009, Stenz, Katia und Marielle Labèque - Glanert, Mendelssohn Bartholdy)

 

„Einfach gute Melodien"
Peter Maxwell Davies' zweites Violinkonzert im Großen Concert mit Daniel Hope uraufgeführt

[...] Stehenden Jubel erntete Peter Maxwell Davies am Samstagabend im Gewandhaus für sein Großes Concert zu den Mendelssohn-Festtagen. [...] In Schottland [...] verlaufen Hochzeiten auch nicht grundsätzlich anders: Man singt, man säuft - bis die Sonne aufgeht [...] Peter Maxwell Davies „An Orkney Wedding, With Sunrise", seine tönende Inselhochzeit mit Sonnenaufgang, ist ein hinreißender Spaß. [...]. Doch dieser musikalische Spaß, diese Apotheose der Folklore, sie ist ja nicht nur lustig. Sie ist richtig gut. [...] Die ist sinnlich und groß und kühn und schön. [...] sein zweites Violinkonzert, das er dem Gewandhausorchester fristgerecht lieferte, es atmet den gleichen Geist. „Fiddler on the Shore" ist es überschrieben - Fiedler, Volksgeiger also, an der Küste. Und hier ist er, der ins Pflichtenheft geschriebene Bezug zu Mendelssohn: Es steckt die gleiche Haltung dahinter, der Wunsch, auf Tradition neues aufzurichten. Und Eigenes. [...] Daniel Hope ist der Solist dieses Konzerts. Und er spielt es auswendig. Das ist bei Uraufführungen durchaus nicht die Regel. Aber in diesem Falle bietet es sich an. Denn Peter Maxwell Davies' Musik ist fühlbar. Was nicht bedeutet, dass sie leicht wäre. Im Gegenteil: Das Orchester ist enorm komplex strukturiert und instrumentiert, die Rhythmik ist in ihrer torkelnden Unvorhersehbarkeit vertrackt geschichtet; der Geigenpart ist bestialisch schwer. [...] Auch dies ist eine Parallele zu Mendelssohn: „Ein Violinkonzert muss einfach gute Melodien haben", sagt Sir Peter lapidar. Und die hat dieses Konzert. [...] Billig ist hier nichts, nichts wohlfeil, nichts banal. Und die Schönheit, mit der Davies den grandiosen Hope sich in diese Inselklänge hineinsingen lässt, die sich wie eine Anti-Kadenz in entrückter Kostbarkeit über fernem Kontrabass-A fortspinnen, gräbt sich tief in die Seele. [...] Dieses Konzert wird ins Repertoire finden. Weil es einen Anwalt wie Hope gefunden hat - weil es schön ist, weil es gut ist. Das Gewandhausorchester hat also voraussichtlich erneut das getan, was es so oft schon tat: Musikgeschichte geschrieben. [...]
(LVZ, Peter Korfmacher, 24. August 2009, Maxwell Davies, Hope - Mendelssohn Bartholdy, Maxwell Davies)

 

Neue Musik und Bratwurst
Tausende feiern Mendelssohn, zwei Pianisten und das Gewandhausorchester

[...] „Ich bin wieder zu Hause!" verkündet Riccardo Chailly am Samstagabend auf dem dichtbevölkerten Augustusplatz. [...] Das Publikum erlebte ein Gewandhauorchester in Bestform, zwei faszinierende Pianisten und ein paar Überraschungen.
Neue Musik bei einem populären Open-Air-Konzert? Ungewöhnlich. Mutig. Aber es funktioniert, [...] die „Royal Garden Music" des Italieners Carlo Boccadoro - uraufgeführt im vergangenen Jahr in Turin, an diesem Abend erstmals in Deutschland zu hören - ist ein quirliges, rhythmisch-virtuoses Feuerwerk, ein bisschen schräg, aber mit gestopften Trompeten- und witzigen Piccoloflöten-Soli auch ganz groovy. Dem Publikum gefällt's jedenfalls, [...] hört man hier und da sogar einige laute Bravo-Rufe. [...]
[...] die Mendelssohn-Festtage können am zweiten Wochenende eine Bilanz aufweisen, auf die schon mittelgroße Neue-Musik-Festivals stolz wären: innerhalb von acht Tagen eine Deutsche Erstaufführung und drei Auftragskompositionen für großes Orchester. Nach Glanert und Maxwell Davies folgte am Freitag das Werk des Österreichers Georg Friedrich Haas „Traum in des Sommers Nacht - Hommage à Felix Mendelssohn Bartholdy". Die Komposition benutzt Auszüge [aus Werken Mendelssohns] als Ausgangsbasis für eine handwerklich hervorragende, klar gegliederte, klanglich faszinierende motivische Verarbeitung, die vom Publikum im restlos ausverkauften Gewandhaus mit freundlichem bis begeistertem Applaus aufgenommen wird.
[...] Schade, dass der Spannungsbogen nicht ganz bis zum Schluss gehalten wird. [...] aber Haas hat ja immer noch die Chance zu überarbeiten - auch das wäre sehr im Geiste Mendelssohns: [...] In der vierten Sinfonie, die „Italienische", in der überarbeiteten Fassung von 1833/34, die an diesem Abend von Gewandhausorchester und Chailly zum ersten Mal aufgeführt wird, gelingt es Mendelssohn, noch mehr Kontraste herauszuarbeiten, die Motive noch enger zu verzahnen, das Klangbild noch transparenter zu machen. Eine echte Entdeckung.
Ganz anders, aber genauso faszinierend Luigi Nonos „Composizione per orchestra n. 1" in der ersten Konzerthälfte. [...] geheimnisvoll und ungeheuer farbig musiziert von Chailly und dem hervorragende vorbereiteten Gewandhausorchester. [...] Die Stimmung ist gespannt, als die Pianistenlegende die Bühne betritt: Maurizio Pollini. Seine Einspielung des Beethovenkonzertes aus dem Jahr 1976 gilt [...] immer noch als Referenzaufnahme. [...] Entspannt, wie selbstverständlich zaubert Pollini auch über 30 Jahre später die virtuosen Läufe zwischen die lyrischen Linien des Eingangssatzes, mit berückendem Ausdruck spielt er das Andante con moto, genauso makel- wie mühelos perlen die tollkühnen Kaskaden des abschließenden Rondo. [...]
Am nächsten Abend auf der zeltüberdachten Open-Air Bühne vor dem Opernhaus greift mit dem 33-jährigen Saleem Abboud Ashkar eine andere Pianistengeneration in die Tasten. „Wahnsinn, wie der mit zwei Tönen den ganzen Platz zum Schweigen bringt!" flüstert ein Konzertbesucher seiner Partnerin zu. [...] Gegen die städtischen Hintergrundgeräusche von Autos, Straßenbahn oder pöbelnden Saufkumpanen setzt sich Ashkar im liedhaften Andante mit einer so berückend empfindsamen Sinnlichkeit durch, dass man meint, die Zeit bleibe stehen.
[...] Feinfühlig, intelligent und voller Esprit perlen jetzt auch die halsbrecherischen Läufe des Finales, die fast nahtlos in einem jubelnden Beifall münden. [...] Leipziger aller Generationen, die [...] zu Tausenden den Augustusplatz bevölkern, feiern in dieser Sommernacht ihr Orchester und ihren Gewandhauskapellmeister - und erklatschen sich sogar noch eine Zugabe. [...]
(LVZ, Tobias Wolff, 31. August 2009, Pollini, Ashkar, Chailly - Nono, Beethoven, Haas, Mendelssohn Bartholdy, Mussorgski)  

 

In des Sommers moderner Nacht
Riccardo Chailly dirigiert im Leipziger Gewandhaus Nono und eine Uraufführung von Georg Friedrich Haas, Maurizio Pollini spielt Beethoven

[...] das Auftragswerk, welches das Gewandhausorchester bei dem Österreicher Georg Friedrich Haas bestellt und jetzt in Leipzig aus der Taufe gehoben hat: „Traum in des Sommers Nacht - Hommage à Felix Mendelssohn Bartholdy" für großes Orchester. [...] Georg Friedrich Haas, 1953 in Graz geboren, Cerha-Schüler in Wien, bezieht sich ausdrücklich auf Mendelssohn als einen künstlerischen Neuerer, nicht auf den eleganten romantischen Klassizisten. Die „Italienische" Symphonie, nach seiner Komposition gespielt, gibt Haas insoweit recht, als sie hier keineswegs in der bekannten Version, sondern in der von Mendelssohn 1834 revidierten, deutlich kontrastreicheren, modernen Fassung dargeboten wurde. [...]  Wenn der Österreicher Mendelssohns „Sommernachtstraum"-Musik sowie die Ouvertüren zu „Meeresstille und glückliche Fahrt" und „Die Hebriden" zitiert, nachdem ein im dreifachen Piano schwingendes Gewebe exponiert ist, dann stellt er zunächst zwar bekannte melodische und rhythmische Figuren in den Raum, interessiert sich dann aber vehement für harmonische Spekulationen und Entwicklungen, die er in waghalsigen Zitatkombinationen fortspinnt und steigert. Wobei chromatische oder vierteltönige Klangfarbflächen geisterhaft ineinander greifen. Spannungsreiche Vorgänge, die die Wahrnehmungslust reizen bis in einen langen Abgesang hinein. Am Ende kann der Hörer glauben, er entschwebe in die lichten Dreiklangshöhen eines metaphysischen Lohengrin-Fernwehs. [...] Aber der blutjunge Luigi Nono war schon längst zugegen gewesen. „Composizione per orchestra Nr.1" von 1951 lässt mit überlegenem Formgefühl aus subtil skandiertem Schlagzeugklang heraus rigoroses Orchestermuskelspiel entstehen und in hartes Percussionsfinale einmünden. Das präzis organisierte Erregungspotential, das in der frühen Nono-Musik steckt, wollten Riccardo Chailly und Maurizio Pollini auch aus Beethovens viertem Klavierkonzert herausholen. Ein Antreiben mit unbeirrtem Stringendo-Impuls, ein prägnantes, aufgewühlt dramatisches Dialogisieren, bestimmte das Vorgehen von Solist und Ensemble mehr als die Idee lyrischer Verschmelzung und zarter Harmonie, bei aller dynamischen Feinzeichnung. [...]
(Süddeutsche Zeitung, Wolfgang Schreiber, 31. August 2009, Pollini, Chai
lly - Nono, Beethoven, Haas, Mendelssohn Bartholdy)

 

Liebesduett
[...] Das Duett „Drum singe ich mit meinem Liede" gehört oft nicht unbedingt zu den Höhepunkten einer Aufführung von Mendelssohns Sinfonie-Kantate „Lobgesang".
Ganz anders am Samstagabend im ausverkauften Gewandhaus. Denn was hier Sibylla Rubens mit glockenreinem Sopran und Werner Güra (Tenor) an Klangkultur und Empfindung bieten, geht richtig zu Herzen. Das ist nicht zuletzt auch dem unter Trevor Pinnocks aufmerksamer Stabführung feinfühlig begleitenden Gewandhausorchester zu verdanken: die sinnliche Terzenseligkeit der tiefen Streicher, die seufzenden Geigen, die liebliche Naturbilder zeichnenden Flöten - alle tragen dazu bei, dass die Nummer inmitten eines geistlichen Werkes wie ein anrührendes, opernhaftes Liebesduett wirkt.
Überhaupt sind es die empfindsamen Momente, die von diesem Konzert [...] in Erinnerung bleiben. [...] bei der Sinfonie in Es-Dur KV 543 von Wolfgang Amadeus Mozart ist man am meisten vom zweiten Satz gepackt: zu Beginn wirken die punktierten Rhythmen fast wie eine gut geölte mechanische Spieluhr, niedlich, nett. Dann tun sich in einem hochemotionalen Ausbruch Abgründe auf, werden die regelmäßigen Rhythmen durch Synkopen gestört, tupfen die Bläser ihre Töne wie ein Herzklopfen dahin, umspielen Flöte und Klarinette zärtlich die Grundmelodie.
[...] Beim „Lobgesang" nach der Pause bewahren sich Pinnock und das Gewandhausorchester die Mozartische Klangkultur, reichern sie noch an mit romantischer Klangfülle im einleitenden Maestoso oder einer beschwingten Melancholie im Allegretto. Nach einem traumschönen Adagio religioso rüsten sich schon die Sänger für ihren Einsatz. [...] In letzter Zeit ist nun öfter das Vokalconsort Leipzig mit von der Partie. Und auch an diesem Abend ist die Kombination mit dem Gewandhauschor eine glückliche. Weil beide von Gregor Meyer geleitet werden und klingen wie aus einem Guß. [...] die Choristen teilen sich ihre Kräfte so ein, dass in lyrischen Passagen wie „Sagt es, die ihr erlöset seid" oder im Choral „Nun danket alle Gott" ein samtweiches Piano möglich ist, eine hervorragende und plastische Klangkultur, wunderbare Textverständlichkeit. Auch den durchweg schnellen Tempi sind die Chöre bestens gewachsen. [...] am Ende minutenlangen Applaus, Bravo-Rufe und stehende Ovationen [...].
(LVZ, Tobias Wolff, 14.09.09, Pinnock, Rubens, Bic, Güra - Mozart, Mendelssohn Bartholdy)

 

 

 

 

 

 

 

 
 

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