Pressestimmen 2001/2002
Blomstedt erweist sich auf dieser Entdeckungsreise einmal mehr alsDirigent überlegener Ruhe, lässt sich und den Musikern viel Zeit. Umso sanfter geraten die Wellen, tiefer und hintergründiger die Farben, nuancenreicher manches Detail. [...] Das Orchester spielte seinen Hausgeist mit viel Einsatz und in gewohnter Perfektion. Das gilt mit einigen Abstrichen am geschmeidigen und ausgewogenen Gesamtklang, aber ohne wesentlichen Einfluss auf den großen Erfolg des Abends.
(Mendelssohn, Ouverture Ein Sommernachtstraum/ 3. Sinfonie a-Moll Schottische), Jörg Clemen, Leipziger Volkszeitung, 27. August 2001
Für Altmeister Frans Brüggen und dessen Philosophie des behutsam überwachten Geschehenlassens scheint die Vierte dagegen geradezu prädestiniert zu sein: Unter seiner Leitung spielen die Gewandhausmusiker mit gelassen-inspiriertem Selbstvertrauen wie kaum sonst. Da sind lichte Streicherkantilenen, sorgsam getupfte Begleitfiguren der Bratschen und Celli, zahlreiche Bläsersoli (hervorragende erste Klarinette), die zwischen verschiedenen Gedanken vermitteln. Da sind aber auch filigrane Verzierungen, stürmisches Laufwerk und koketter Wechsel zwischen An- und Entspannung, straffer Rhythmik und nachgiebigem Plätschern, konsequenter Harmonik und freier Modulation. Schöner Klang im Adagio. Herrlich virtuoses Finale.
(Beethoven 4. Sinfonie), Jörg Clemen, Leipziger Volkszeitung, 12. Januar 2002
Das Gewandhaus hat viele seiner besten Leute in den Rang geschickt und glänzt in Gala-Besetzung. Und so klingt es auch: filigran, elegant, transparent, edel - aber auch ein wenig unterkühlt. Weil Herbert Blomstedt Grimauds unaffektierte Wahrhaftigkeit noch eine Umdrehung tiefer in die Partitur schraubt und gefährlich nahe an die Distanziertheit gerät. Alles sehr vielgestaltig, kostbar, gediegen, schön. Aber ein wenig mehr Bauch, Herz, Seele hätten's ruhig sein dürfen.
Vielleicht liegt`s ja einmal mehr an den Noten. Blomstedt ist immer gut - aber auswendig immer besser. Was er mit Franz Berwalds bizarrer dritter Sinfonie "singulière" eindrücklich unter Beweis stellt. Da sitzt dem großen alten Mann der Schalk im Nacken. Da torkelt er beherzt durch die verwegen verkanteten Sequenzketten, kostet er die grellen Effekte mit spitzbübischer Hingabe (und ohne Partitur) aus.
(Schumann, Konzert für Klavier und Orchester a-Moll/ Berwald, Sinfonie singulière), Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung, 26. Januar 2002
Dabei beschwört er (Sibelius) ein stimmungsvolles Bild seiner nordisch-herben Heimat herauf. Und so baut Herbert Blomstedt mit seinem Gewandhausorchester ein schlichtes finnisches Blockhaus, in dem Plüschsofas keinen Platz haben. Die Bläser klingen in einer Tonlage, die sich nicht über die Streicher erhebt, sondern ein homogenes, warmes Klangbild entstehen lässt.
(Sibelius, 7. Sinfonie), Birgit Hendrich, Leipziger Volkszeitung, 2. Februar 2002
Auf Nielsens Art ist diese "Sechste" schon eine einfache Sinfonie. Nur verlangt sie von jeder Orchestergruppe Enormes an Virtuosität und Ausdrucksvermögen. Herbert Blomstedt führt alle zu einer fantastischen Leistung.
(Nielsen, 6. Sinfonie), Werner Wolf, Leipziger Volkszeitung, 9. Februar 2002
Die ziemlich vielen Musikerinnen und Musiker klappen ihren Bauchladen vor Saraste ganz weit auf. Die Holzbläser zeigen ihre hinreißendsten Farben, ihre strahlendste Intonation. Die Streicher bringen ihr zartestes Tremolo in Positur, die Solo-Abordnung ist erlesen besetzt, das Blech kokettiert mit bemerkenswerter dynamischer Breite, das Ganze mit einiger Homogenität.
(Wagner, Vorspiel zu "Parsival"/ Debussy, La Mer/ Schönberg, Pelleas und Melisande), Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung, 6. April 2002
Mit den folgenden "Drei Bruchstücken aus Wozzeck" ließ Harding erleben, welche Anregungen Alban Berg diesen fünf Orchesterstücken seines Lehrers Schönberg verdankt und wie genial er eine eigene Klangwelt ausprägt. Auch hier formt der Dirigent die enormen Gegensätze zwingend und beherrscht aus. Er fand mit dem auf jeden kleinen Wink eingehenden Orchester den richtigen Ton für die schrille, parodistische Militärmusik wie für die sich anschließenden zwiespältigen Reaktionen der Marie mit dem von Claudia Barainsky berührend gesungenen Wiegenlied. Wunderbar zärtlich gefärbt klang das Orchester zum flehenden und angstvollen Gesang, der die biblische Erzählung von der Ehebrecherin Maria Magdalena reflektiert.
Die hier (Strauss) großzügige Gestik Daniel Hardings inspirierte das Orchester zu glanzvollem Musizieren und weitgehend klarer Stimmführung.
(11./12.4.2002: Berg, Drei Bruchstücke aus "Wozzeck" /Strauss, Ein Heldenleben), Werner Wolf, Leipziger Volkszeitung, 13. April 2002
Und auch die "Symphonie Liturgique" gelingt dem nach der Pause üppig besetzten Wohlklangkörper prächtig [...] die existentielle Wucht der Tutti-Blöcke, die beglückende Wahrhaftigkeit der Linien treffen Honeggers Ideal der tönenden Aufhellung der Welt nach den Gräueln des Zweiten Weltkriegs perfekt [...]
( J. S. Bach, 1. Orchestersuite C-Dur BWV 1066; Marcel Duprés, Trois Préludes et fugues pour grand Orgue op. 7; Arthur Honeggers 3. Sinfonie (Liturgique)
Leipziger Volkszeitung, Peter Korfmacher, 11. 05.02
Der Mann am Pult versucht der Sinfonie den Stachel des Ätzenden zu ziehen, ohne dabei zu verharmlosen. Er konzentriert sich auf die Lebensliebe, versucht diesmal mit Henze die Antithese zu Bachs Todes-Theologie nachzuzeichnen. Und jetzt stimmt die innere Dramaturgie, funktioniert der Spiegelungsversuch.
(Hans Werner Henze, 9. Sinfonie; J.S. Bach, Kreuzstabskantate)
Leipziger Volkszeitung, Hanna Jacobi, 18. Mai 2002
...wenn im berstenden Großen Saal ein Titan am Flügel sitzt, wenn dieser dem Publikum sein Paradestück zu Füßen legt, Beethovens 5., dazu am Uraufführungsort. Wenn das "Emperor" den Händen Bruno Leonardo Gelbers entspringt, wird es magisch. Sein Anschlag ist einfach ein Gedicht: die Leuchtkraft, die der gebürtige Argentinier den Tasten entlockt, die Nonchalance, mit der er ganze Welten zwischen zwei Trillerpassagen legt. Wenn dann noch Luana Devol, Bayreuth-Debütantin 2001, mit ihrer hochdramatischen Stimmpracht die Brünnhilde-Schluss-Szene adelt, ist das unterm Strich ein fabelhafter Abend (unter der Leitung des Chefs der Bamberger Symphoniker Jonathan Nott).
(Ludwig van Beethoven, 5. Konzert für Klavier und Orchester Es-Dur op. 73; Auszüge aus Richards Wagners Oper "Götterdämmerung" und Schlußszene der Brünhilde)
Leipziger Volkszeitung, Hanna Jacobi, 25. Mai 2002
Ein eindrucksvolles Spielzeitfinale lieferten das Gewandhausorchester mit Herbert Blomstedt und Pianist Leif Ove Andsnes im zweimal ausverkauften Großen Concert [...] Der fahle Glanz des Verlorenen schimmert über Klarinetten, Fagotten, Streichern. Doch immer wieder peitscht Blomstedt trotzig den Zorn darüber heraus, dass spätestens seit Mahler nichts mehr ist wie zuvor. [...] Blomstedt macht die monumentale Metamorphose erlebbar [...] Das ist das Besondere an Blomstedt: Dass er die Balance zwischen Struktur und Bild findet, zwischen Drama und Analyse [...] Vielleicht haben manche der Streicher um Frank-Michael Erben sich vor der Pause verausgabt. Und das hat sich gelohnt: So zauberisch, perlend, elegant, delikat wie im "Jeunehomme-Konzert" (KV 271) war der Salzburger in Leipzig lange nicht zu hören. Das zarte Andantino blüht von innen. Das halsbrecherische Rondo reitet der Schalk. Eindrucksvolle Orchesterleistung - großartiger Solist.
(Ludwig van Beethoven, 2. Konzert für Klavier und Orchester B-Dur op. 19; Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 5)
Leipziger Volkszeitung, Peter Korfmacher, 22.Juni 2002

